Zeitung Heute : Der Klassensprecher

Plötzlich war Frank Bsirske da. Jetzt ist der Verdi-Chef einer der größten Kritiker des Kanzlers. Über seine Herkunft ist bisher wenig bekannt – eine Spurensuche Schröder? Bsirske schweigt, die Stille wird zum Geräusch Im Inneren wägt er die Worte ab bis zur Unkenntlichkeit. Vielleicht ist es Taktik

Jana Simon

Der Saal liegt im Halbdunkel. Vorn auf der Bühne steht Franz Müntefering, den Rücken durchgedrückt und hält eine Rede. Er sagt, die SPD und die Gewerkschaften seien eng beieinander. In der ersten Reihe sitzt Frank Bsirske, Vorsitzender von Verdi, der größten Gewerkschaft der Welt, bewegungslos, die Schultern sind nach vorn geneigt, die Beine übereinander geschlagen. Es ist Feierstunde für Karl Richter, Gewerkschafter und SPD-Genosse, der an diesem Tag im Juli 100 Jahre alt wird. Und beide Vorsitzenden sind gekommen. Die Fotografen warten am Rand des Ernst-Reuter-Saales in Berlin-Reinickendorf auf Bsirskes Reaktionen. Aber er rührt sich nicht, seine Schultern sinken noch tiefer. Frank Bsirske wirkt wie ein Mann, der gleich in seinem Sitzpolster verschwinden wird. In dieser Haltung sieht man ihn momentan häufiger. Wo er sitzt oder steht, scheint er zu gefrieren, gern dreht er sich auch von Beobachtern fort.

Diese Geburtstagsfeier gewinnt Bedeutung. Spätestens seit der Agenda 2010 ist das Verhältnis zwischen Verdi und ihrem historischen Partner, der SPD, auf einem Tiefpunkt angelangt. Frank Bsirske sagte in einem Interview, Gerhard Schröder sei gescheitert, der rächte sich über die Medien, Bsirske habe inhaltlich nichts anzubieten. Wie werden die beiden Vorsitzenden nun an diesem Tag miteinander umgehen? Nach Münteferings Rede klatscht Bsirske freundlich. Dann schreitet er auf die Bühne. Oben verlagert er das Gewicht auf das linke Bein, das andere knickt er leicht ein, beide Arme stützt er aufs Pult. Er beginnt von seiner Kindheit in Helmstedt zu erzählen, von einer Anderthalbzimmer-Wohnung ohne warmes Wasser und mit Plumpsklo. Der Umzug in die Werkswohnung von VW, wo der Vater schaffte, sei „ein zivilisatorischer Fortschritt“ gewesen, sagt er. Lacher im Publikum. Eine Mitarbeiterin von Bsirske wird später sagen, dass sie das noch nie von ihm gehört habe. Es ist ziemlich wenig über seine frühen Jahre bekannt, Anekdoten fehlen fast vollständig.

Bsirske ist in seiner Rede in der Gegenwart angelangt, der Ton wird schärfer, die Sprache einfacher. Er spricht von „Kapitalismus“ und „Klassen“, von immer „unverfroreneren Forderungen“ der Großen, die sich Tantiemen und Abfindungen in „obszönen Höhen“ genehmigen würden. Das Publikum ist begeistert. Dabei hinterlässt Frank Bsirske selbst einen seltsamen Eindruck. Er sendet zwei verschiedene Signale: Wie er dort steht, gekrümmt, die Beine ineinander verdreht, zeigt seine Körpersprache einen eher komplizierten Menschen, über dessen Lippen aber die simplen Vokabeln des Klassenkampfes fließen. Der Intellektuelle und der Proletarier scheinen um die innere Vorherrschaft zu streiten. Nach der Rede setzt sich Frank Bsirske neben Müntefering. Sie blicken sich nicht an. Auf der Bühne rezitiert eine Frau das Gedicht „Wir Werkleute all“.

Frank Bsirske wird von den einen als „Blockierer“ und „Traditionalist“ bezeichnet, bei dem sich „Schröders Nackenhaare aufstellen“, wenn der den Namen nur höre. Selbst innerhalb des DGB wird Bsirskes Haltung von einigen immer offener kritisiert. In einem Brief warf der Chef der IG Chemie Bsirske und anderen Gewerkschaftschefs „Realitätsverlust“ vor. Die jüngsten Änderungen an Hartz IV gehen Verdi nicht weit genug, Bsirske selbst hat dazu noch nichts gesagt, weil er gerade im Urlaub in Italien ist.

Für andere ist Bsirske aber der Hoffnungsträger der neuen „Multibranchengewerkschaft“, dieses Kolosses aus fünf ehemaligen Einzelgewerkschaften. Einer, den die Delegierten auf dem Gewerkschaftskongress mit mehr als 90 Prozent gewählt haben und der den Arbeitskampf in die Zukunft führen soll. Er soll Interessen wahren, aber auch reformieren, Arbeiterführer sein, aber auch Manager. Und all das in Zeiten von mehr als vier Millionen Arbeitslosen, Globalisierung, Firmenabwanderungen, Überalterung der Gesellschaft. In einer Zeit, in der Deutschland geschwächt, irgendwie nicht mehr zeitgemäß und reformbedürftig erscheint. In einer Welt, die immer flexibler, aber auch immer unsicherer wird. Und in einer Zeit, in der Gewerkschaften dennoch immer wieder dieselben Forderungen wiederholen: Lohnerhöhungen, Einhaltung der Tarifverträge, kürzere Arbeitszeiten, Jobgarantien. In der sie auf der anderen Seite aber auch die einzigen wirklich mächtigen Gegner der Besitzenden geblieben sind. Wer also ist Frank Bsirske, der Mann an der Spitze der größten Gewerkschaft der Welt?

Ein paar Wochen nach der Geburtstagsfeier sitzt Frank Bsirske in seinem Büro in der neu gebauten Verdi-Zentrale gegenüber vom Ostbahnhof. Er blickt über die Spree, durch das offene Fenster dringen die Geräusche vorbeifahrender Schiffe. Bsirskes Gesicht ist von der Sonne gebräunt, er ist 52, hat runde Wangen und trägt Schnauzer. Ein wenig erinnert er an Lech Walesa, den Solidarnosc-Führer. Er hockt am Tisch, die Beine ineinander geschlungen, die Schultern zeigen wieder nach vorn, er lächelt vorsichtig. „Frank Bsirske ist keiner, der den Raum betritt und ihn beherrscht“, sagt sein Freund Herbert Strobel, Vorstand beim Berliner Energieunternehmen Bewag. Ihm fehlt dieses Strahlen der Macht, das andere verstummen lässt. „Verdi ist keine Organisation, die man mit Bastas führen kann“, sagt Bsirske dazu und fügt an: „Ich suche die Nähe der Menschen.“

Frank Bsirske stammt wie Schröder, Fischer und Müntefering aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater war Bandarbeiter und Betriebsrat bei VW, die Mutter Krankenschwester. Er nennt das „einen klassenbewussten Arbeiterhaushalt“. Der Vater stand der KPD nahe, aber immer wenn das Gespräch darauf kommt, antwortet der Sohn mit einem Themenwechsel. Und auch der Vater hatte Probleme mit der SPD. Als Gewerkschafter besuchte er in den 50er Jahren einen Bildungskurs in der Tschechoslowakei, danach wurde die gesamte deutsche Delegation aus der SPD ausgeschlossen, auch wenn der Vater gar nicht Mitglied gewesen war. Daraufhin schaute auch der Verfassungsschutz bei Bsirskes Eltern vorbei. „Ich wurde sehr frühzeitig politisiert“, sagt Bsirske.

Der Vietnamkrieg wirkte als zusätzlicher „Katalysator“. Bis heute erinnert er sich an die Fotos von Vietcong-Gefangenen, die aus Flugzeugen geworfen wurden. Mit 14 folgte die erste Demonstration. Die Bundesrepublik befand sich in einer „heißen Phase“, Notstandsgesetze, 1968, ein Land im Aufbruch und im Wandel. Mit 15 trat Bsirske in die SPD ein. „Ich wollte Einfluss nehmen“, sagt er. Als 1969 die DKP erstmalig nach dem KPD-Verbot wieder versuchte, bei einer Landtagswahl zu kandidieren, sammelte Frank Bsirske dafür Unterschriften. Und so wurde er mit 17 wieder aus der SPD ausgeschlossen. Die DKP habe er aber nie gewählt, fügt er schnell hinzu. Zu Hause gab es viel Sympathie für die DDR, das änderte sich als 1968 sowjetische Truppen in die CSSR einmarschierten. Bsirske selbst fand die Politik der DDR und der Sowjetunion wenig überzeugend. „Ich war eher libertär eingestellt.“ Er besuchte das Gymnasium, jobbte danach bei der Post und trat sofort in die Postgewerkschaft ein. Warum? „Das verstand sich von selbst“, sagt Bsirske.

Kompliziert wird es immer, wenn Frank Bsirske Beweggründe erklären soll, vieles verschwindet dann im Nebulösen, scheint für ihn selbstverständlich, was in einer Zeit, in der alle Organisationen, Vereine und Parteien Mitglieder verlieren nicht mehr unbedingt selbstverständlich bleibt. Neue Frage: Was wollte er mit seinem Engagement erreichen? Frank Bsirske schweigt lange. „Ziel war, die nach dem Weltkrieg entstandenen Realitäten anzuerkennen“, sagt er schließlich. Dann zählt er in Stichpunkten auf: „Streben nach sozialer Gerechtigkeit, Verbesserung der Lebensverhältnisse, die Menschen nicht den Gesetzen des Marktes überlassen.“ Es sind Worte, die man schon sehr oft gehört hat von sehr unterschiedlichen Menschen. Worte, die man immer wiederholen kann, weil sie immer richtig klingen und eigentlich nichts sagen. Frank Bsirske meine sie wirklich ernst, wird seine Pressesprecherin versichern, als ihr Chef sie nicht mehr hören kann.

Zu Besuch bei Herbert Strobel, vielleicht weiß er genaueres. Er ist ein Freund von Bsirske, war einst Betriebsrat bei der Bewag, und ist jetzt Mitglied im Vorstand. Strobel ist 51, trägt Bart und wohnt in einem Einfamilienhaus in der Nähe der Gropiusstadt im Süden Berlins. An der Wand hängt ein großer Flachbildschirm, vor ihm liegt ein Zettel, auf dem er kurz die Eigenschaften seines Freundes notiert hat. „Musik- und filmbegeistert, ausgesprochen fleißig, kommunikativ“, steht darauf.

Kennen gelernt hat Strobel Bsirske Anfang der 70er Jahre in West-Berlin. Bsirske studierte damals mit einem Stipendium der Böckler-Stiftung Politik. Gemeinsam machten sie Jugendbildungsarbeit für die Gewerkschaft ÖTV. „Wenn man nicht aufpasste, war man viermal die Woche auf einer Demo“, beschreibt Strobel das damalige Lebensgefühl. Strobel sammelte Geld für Robert Mugabe, den Präsidenten von Simbabwe, der gerade sein Land ruiniert. Heute ist Strobel das peinlich. Alle seien damals stark politisiert gewesen. Über Frank Bsirske mag er keine Anekdoten aus dieser Zeit erzählen. Nicht auffällig sei der gewesen. Die Steine des Joschka Fischer drohen im Hintergrund. Frank Bsirske sagt selbst über sich: „Ich war kein Steine schmeißender Radikaler.“ Radikal aber schon. Und politisch korrekt bis ins Mark. Herbert Strobel erinnert sich an eine Kabarettvorstellung von „Pomp Duck and Circumstance“, die sie zusammen besuchten. Es gab witzig gemeinte Anspielungen auf Polen. „Da war der Frank angeknickt“, sagt Strobel. Manche Abende seien nach solchen Ereignissen auch schon frühzeitig zu Ende gewesen. Der Frank könne sich wie ein Terrier in eine Sache verbeißen. Dann sollte man nicht nur mit einer halben Stunde Diskussion rechnen. „Manchmal nervt er einfach“, sagt Herbert Strobel.

Ende Juli 2004. Frank Bsirske besucht die Druckerei Höhn in Ulm, ein mittelständisches Unternehmen mit 300 Mitarbeitern. Lothar Ruhnke, der Geschäftsführer, wartet im gläsernen Konferenzraum, die Haare grau, der Anzug sitzt genau. Er erzählt von den Schwierigkeiten seiner Firma, sie hätten unter der Globalisierung zu leiden, alles werde billiger, die Kunden brächen weg. Deshalb wünsche er sich von der Gewerkschaft, dass sie nicht nur die Besitzstände verteidige, sondern mehr Flexibilität und Bereitschaft zeige, etwas zu verändern. Bsirske nickt, lächelt. „Bei der Arbeitszeit gibt es kein Industrieland, das flexibler ist als Deutschland“, sagt er. Ruhnke schweigt, so schnell kann er das jetzt nicht nachprüfen. Dann fährt er fort, eine so unsinnige Sache wie die Steinkühler-Pause bei Daimler müsse auch endlich weg. Ein Gewerkschafter aus der Region antwortet: „Da müssen sie mal die Kumpels am Band fragen.“ Als würde bei Daimler unter Tage gearbeitet. Nun kann Lothar Ruhnke triumphieren, er habe dort gerade sein neues Auto abgeholt, die seien inzwischen technologisch viel weiter entwickelt, arbeiteten am Computer. Beide Seiten geben das Klischee perfekt. Bsirske ist auf seinem Stuhl langsam tiefer gesunken, die Hände hat er unter den Beinen vergraben. Am Ende will Ruhnke aber Frieden, für seine Firma sei eine Arbeitszeitverkürzung sinnvoller als eine Verlängerung. Bsirske sagt daraufhin, dass ihm dieses Gespräch Hoffnung auf die anstehenden Tarifverhandlungen gebe. Dann muss er weiter. „106 Bezirke gibt es, 56 davon habe ich schon gesehen. Und ich bin fest entschlossen, dann wieder von vorn anzufangen.“ Das ist ein typischer Bsirske-Satz. Er glaubt an die Macht der Kommunikation, will mit allen reden, alles verstehen und allen zuhören. Seine Mitarbeiter erzählen, dass er schon am Morgen eine halbe Stunde Verspätung wie eine Bugwelle vor sich herschiebe, über den Tag wachse sie dann immer weiter an.

Die Sonne scheint in Bsirskes Büro. Es ist heiß, auf eine Klimaanlage wurde im Neubau verzichtet, wegen der Kosten, es gibt Kühldecken. Bsirske hat seine Beine so übereinander gelegt, dass die Füße weit voneinander entfernt stehen, der Körper ist seitlich verdreht. Weiter in der Vergangenheit: Nach dem Studium ging er nach Hannover und wurde Bildungsreferent bei den sozialistischen Falken. Ein Promotionsstipendium gab Bsirske zurück. „Der Doktor vor dem Namen war mir nicht wichtig.“ Wovon hat er damals geträumt? Bsirske schweigt, er beantwortet die Frage nicht, verliert sich in seinen Sätzen. Es ist sehr schwer, auf eine Frage eine knappe Antwort von ihm zu bekommen. 19 Jahre lebte er in einer Wohngemeinschaft in Hannover. In dieser WG wurden die Ausgaben proportional zu den Einnahmen geteilt. Klingt nach kommunistischem Paradies! Bsirske sagt: „Es war eine sehr solidarisch denkende Gemeinschaft.“ Vielleicht stammt aus dieser Zeit seine Gabe, endlos zu diskutieren, bis das Gegenüber müde abschaltet. Die WG zerbrach, als eine Mitbewohnerin eines Tages einen neuen Freund mitbrachte, den keiner mochte und alle auszogen.

Bsirske arbeitete ehrenamtlich bei der ÖTV und trat bei den Grünen ein. Anfang der 80er Jahre, standen ihm die gewerkschaftlichen Themen nahe. Das Wort „damals“ spricht er nicht aus. Inzwischen kritisiert er viel an seiner Partei. „In erster Linie bin ich Gewerkschafter“, sagt er. Sein ganzes Dasein scheint von Politik vollständig bestimmt. Auch seine Frau lernte er auf einer Demonstration kennen, 1993 heirateten sie, zur Hochzeit erschienen warnstreikende Kollegen. Sein Freund Herbert Strobel meint, Frank Bsirske habe sein Leben nicht karrieristisch durchgeplant. Er ist keiner, der mühsam jede Hierarchiestufe erklommen hat. Der Aufstieg des Frank Bsirske erfolgte eher unauffällig, mit Unterbrechungen, dann schnell und überraschend. Seine Stationen: 1989 wird er Sekretär der ÖTV-Kreisverwaltung Hannover, kurz darauf stellvertretender Geschäftsführer und 1991 stellvertretender Bezirksvorsitzender der ÖTV Niedersachsen, 1996 Personaldezernent der Stadt Hannover, 2000 ÖTV-Vorsitz, 2001 Verdi-Chef. In die Bezirksvorsitzenden-Zeit fällt auch seine erste Begegnung mit Gerhard Schröder. Was war sein erster Eindruck? Frank Bsirske schweigt lang. Die Stille wird zum Geräusch. „Einen mäßig freundlichen, patriarchalischen Eindruck“, presst er schließlich hervor. Das schlechte Verhältnis zwischen Kanzler und Gewerkschaftsführer ist auch für Verdi schwierig. Eine Gewerkschafterin, die nicht zitiert werden mag, sagt, „die beiden können überhaupt nicht miteinander. Wir versuchen zu verhindern, dass sie sich begegnen.“ Es sei deprimierend. Bsirske nennt es ein nicht „ganz spannungsfreies Verhältnis“.

Das Interview mit der „Welt am Sonntag“, in dem Frank Bsirske sagte, Gerhard Schröder sei gescheitert, war das ein Fehler? Frank Bsirske schweigt wieder lange. Nein, er habe nur gesagt, dass Schröder bei der Senkung der Arbeitslosigkeit und Ankurbelung der Konjunktur bisher gescheitert sei. „Das ist eine unsensationelle Aussage“, findet er und fügt hinzu: „Es ist bedenklich, wenn das, was mit den Tatsachen im Einklang steht, nicht mehr gesagt werden darf.“ Es ist auch die Geschichte einer langen gegenseitigen Enttäuschung. Die Regierung hätte gern die volle Unterstützung der Gewerkschaften bei ihren Reformen und wartet auf Vorschläge von ihrer Seite. Die Gewerkschaften und Frank Bsirske selbst haben sich im Wahlkampf für Rot-Grün eingesetzt. Und jetzt muss Bsirske dabei zusehen, wie die Regierung mit Hartz IV die Arbeitslosenhilfe abschafft. Vielleicht ist die Frage aber auch, ab wann man mit Kritik den eigentlichen Gegner, die CDU und die FDP, unterstützt? Bsirskes Stimme hebt sich zum ersten Mal in diesem Gespräch ein wenig. „Man kann doch nicht von den Gewerkschaften erwarten, dass sie die Dinge schönfärben, einen Mantel des Schweigens darüber decken, dass die Lasten sehr einseitig verteilt werden.“ Kurz darauf fügt er an: „Der neoliberale Kurs von Merz und Merkel ist eine Alternative, aber keine bessere.“

Dass er als „Blockierer“ dargestellt werde, schmerze Bsirske, sagt sein langjähriger Mitarbeiter Frank Heidenbluth. Er war Bsirskes persönlicher Referent in Hannover, als der einmal auf die Arbeitgeberseite wechselte. Von 1996 bis 2000 war er Personaldezernent der Stadt, Chef von 16000 Menschen. Aus dieser Zeit ist Frank Bsirske als Reformer bekannt. Er regte an, die Bürgerämter kundenfreundlicher zu machen, stritt für Arbeitszeitflexibilisierung bei Kindertagesstätten und trug auch Personalabbau mit. Frank Heidenbluth hat vor kurzem drei Monate Praktikum in der Verdi-Zentrale in Berlin gemacht. Verdi hat etwa 5000 Mitarbeiter, 1000 davon sind zu viel. Frank Heidenbluth neigt den Kopf. „Ich weiß auch nicht, wie er das machen will.“ Letztlich haben Gewerkschaften in der Krise dieselben Instrumente wie Konzerne. Nur wird bei ihnen genauer hingeschaut. „Sozialer Kahlschlag“ wird Frank Bsirske nun vorgeworfen. Er selbst genehmigte sich eine Erhöhung seines Bruttogehalts auf 13500 Euro im Monat. Bei den Mitarbeitern haben sie sich darauf geeinigt: Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis 2007, dafür Arbeitszeitreduzierung und fünf Prozent Lohnkürzung. Die fünf Prozent werden aber als Kredit verzinst und sollen zurückgezahlt werden.

Bsirskes Handy klingelt zweimal, er drückt den Anrufer weg. Welche Alternativen bieten die Gewerkschaften an? Bsirske setzt sich auf, sie hätten viele Alternativen zu bieten, man müsse sich nur mit ihnen auseinander setzen. Dann beginnt er von „Rentenversicherung“, „Zumutbarkeitsregelungen“ und „Gesundheitsversorgung“ zu erzählen. Dass ein Viertel der Medikamente unwirksam sei. Details üben eine große Anziehungskraft auf Frank Bsirske aus. Am Ende hat man das Gefühl man wisse alles, es wurde aber nichts gesagt. Bsirske scheint immer gleich aufmerksam, bewegt sich wenig, verändert kaum den Tonfall, die Sätze fließen ohne Höhen und Tiefen dahin. Es gibt selten einen Punkt. Im Inneren wiegt er die Worte bis zur Unkenntlichkeit ab. Und der Zuhörer weiß nicht, ob es seine Taktik ist, zu verwirren oder ob er einfach so ist. Bsirske sei ein sehr komplexer Mensch, sagt sein Sprecher.

Verdi hat in den letzten drei Jahren an die 250000 Mitglieder verloren. Es seien sehr viele Arbeitsplätze abgebaut worden, entgegnet Bsirske, und damit auch viele Verdi-Mitglieder weggefallen. „Wir müssen uns aber stärker bemühen, die Attraktivität von Verdi für Jüngere zu erhöhen.“ Die Jungen, diese fremden Wesen, die so ganz anders sozialisiert wurden als Bsirske und die meisten Gewerkschafter. Die mit der Unsicherheit aufgewachsen sind, dass sie vielleicht keiner braucht, die wenig Aussicht auf ausreichende Rente und feste Jobs haben. Die dadurch sehr viel eigensinniger, vielleicht auch unsolidarischer geworden sind. Wie will er die begeistern? „Da gibt es keine Pauschalkonzepte, wir müssen jeweils maßgeschneiderte Vorschläge machen.“ Im Übrigen nehme er an, dass ein heute allein stehender 25-Jähriger, wenn er erst mal Familie habe, andere Ansichten vertreten werde. Abwarten bis die potenziellen Mitglieder älter werden. Bsirskes Mitarbeiter werden unruhig. Der nächste Gast wartet schon längst vor der Tür. Eine letzte Frage: Wo sieht sich Frank Bsirske in zehn Jahren? „In verantwortlicher Position, wenn es um die Weichenstellung für die Zukunft dieser Gesellschaft geht.“ Was er damit meint, weiß nur er allein.

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