Zeitung Heute : Der kleine Unterschied

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Die HPV-Impfung für Männer

Hartmut Wewetzer

Am letzten Sonntag habe ich über die neue Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs berichtet. Sie wird für Mädchen zwischen 12 und 17 empfohlen und von den Krankenkassen bezahlt. Auch wenn noch keine Langzeitergebnisse vorliegen, so spricht doch einiges für einen recht guten Schutz vor Humanen Papillomaviren (HPV). Also vor jenen Warzenviren, die bei Gebärmutterhalskrebs eine gewichtige Rolle spielen. Viele Leser hat die Frage beschäftigt: Soll ich meinen Sohn impfen lassen? Oder mich selbst, obwohl ich ein Mann bin?

Es gibt prominente Fürsprecher der Impfung beider Geschlechter. Der bekannteste von ihnen ist der Krebsforscher Harald zur Hausen. Er hat wesentlich dazu beigetragen, die Gesundheitsgefahren durch Humane Papillomaviren aufzudecken, und die Impfung mit auf den Weg gebracht. „Ich kann keinen Grund erkennen, warum man Männer nicht impfen sollte“, hat der Forscher der Zeitung „Die Zeit“ verraten. Zur Hausen hofft, mit dem Schutz für beide Geschlechter die potenziell gefährlichen HPV-Typen 16 und 18 auszurotten.

Rechtfertigt dieses hehre Ziel das Impfen auch der jungen Männer? Es gibt Gründe, die dagegen sprechen. Der wichtigste ist, dass eine Impfung immer dem Betroffenen nutzen sollte. Aber Männer bekommen nun einmal keinen Gebärmutterhalskrebs. Der einzige Vorteil für sie liegt darin, dass die Impfspritze auch vor Genitalwarzen schützt. Allerdings ist der Schutz nicht mehr gegeben, wenn man bereits Genitalwarzen hat. Impfen beugt vor, kann eine bereits erfolgte Infektion jedoch nicht ungeschehen machen und eine Behandlung nicht ersetzen.

Auf der anderen Seite birgt jede Impfung Risiken, wenn auch meist geringe. Der HPV-Impfstoff wird offenbar gut vertragen. Über die Langzeitverträglichkeit ist aber noch nichts bekannt.

Und dann ist da noch das Geld. Die komplette Impfung kostet rund 450 Euro und muss möglicherweise nach einigen Jahren wiederholt werden. Das „Begleitimpfen“ der jungen Männer dürfte also das Budget der Krankenkassen erheblich belasten, ohne dass das Ergebnis den Aufwand rechtfertigen würde.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Ständige Impfkommission den Schutz vor HPV bislang nur für Frauen empfiehlt. Im Moment ist die Impfung für das männliche Geschlecht ein „Kann“, kein „Muss“. Das mag sich ändern, wenn mehr Erfahrungen über die Wirksamkeit des Impfstoffs vorliegen und der immense Preis auf ein ziviles Niveau abgesunken ist.

Unabhängig davon ist natürlich der Nutzen, den junge Frauen haben, wenn sie sich impfen lassen. Er dürfte den hypothetischen Schaden bei weitem übertreffen. Schließlich sterben bei uns jedes Jahr fast 2000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, und bei vielen weiteren muss der Gebärmutterhals behandelt werden, weil das Gewebe Anzeichen von Krebs zeigt. Ziemlich wahrscheinlich, dass die Impfung diese Risiken verringert und Leben retten wird. Auch ohne dass es dazu zwingend der Männer bedarf.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

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