Zeitung Heute : Der Knabe ist ein Original

WOLFGANG LEHMANN

Untersuchungen beweisen: Statue im Pergamonmuseum ist 2300 Jahre altWOLFGANG LEHMANNAn der Kopie des "Betenden Knaben" im Eingangshof des Pergamonmuseums ist zu lesen, daß das Original zur Zeit nicht zu besichtigen sei.Besucher sollten sich dadurch nicht irremachen lassen; denn für ein Vierteljahr ist die antike Bronzestatue zurückgekehrt.Im Mai wird sie dann ihren angestammten Platz in der Mittelachse hinter der Rotunde des Alten Museums wiedereinnehmen."Angestammt" ist der Platz seit 1830, seitdem der Knabe öffentlich ausgestellt ist.Seitdem ist er auch der Betende, reichlich drei Jahrhunderte lang galt er einfach als "schön", als Apoll, als Zeus-Liebling Ganymed oder Hadrian-Liebling Antinous.Die homoerotische Komponente ist nicht zu übersehen, sie mag auch eine Rolle gespielt haben, daß verkleinerte Kopien im vorigen Jahrhundert in so manches Herrenzimmer fanden, als der Götter- oder Kaiserliebling längst zum Adoranten und zur Grabfigur mutiert war. Die Antikensammlung hat zusammen mit dem Gießerei-Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, unterstützt von der Volkswagen-Stiftung, in einem dreijährigen Forschungsprojekt die Statue untersucht und informiert in einer Ausstellung über die Arbeitsergebnisse. Mittelpunkt ist die Statue, die nun sicher in die Zeit des Hellenismus, in die Zeit um 300 vor Christus zu datieren ist.Sicher ist nun auch, daß es ein griechisches Original und nicht, wie einige Zeit angenommen, eine römische Kopie ist.In Rhodos, wo die Statue 1503 wahrscheinlich bei Erweiterungsarbeiten der Befestigungsmauern auftauchte, fand man in den letzten zwei Jahrzehnten Reste von Gießereiwerkstätten und darin auch Tonkerne, deren Zusammensetzung dem Kern im Kopf des "Betenden" entsprechen.Die Arme der Statue allerdings sind nicht antik, sie wurden erst im 17.Jahrhundert angefügt.Man folgte einer Linie, die durch die angehobene Schulter bestimmt ist, und entschloß sich für die uns bekannte Form des Betenden.Neben Wanderungs- und Wirkungsgeschichte wird eingehend über die Gußtechnik informiert und darüber, wie man diese mit Computersimulation und Experiment ergründet hat.Dabei wurde auch klar, daß die Qualität der Ausführung nicht "erste Klasse" ist, so Oberkustos Gerhard Zimmer.Das nun wiederum legt nahe, daß es sich bei dem Knaben um eine untergeordnete Figur in einer Gruppe handeln könnte, um einen Diener etwa, der seinem Herrn eine Lanze reicht. Ausstellung bis 6.2., Katalog 49 DM.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar