Zeitung Heute : Der König des virtuellen Rotlichtviertels

THOMAS STRATMANN

Er ist der König im virtuellen Rotlichtviertel, doch genauso gut könnte er mit Haushaltsgeräten handeln."Wenn ich durch den Verkauf von Toastern mehr Geld verdienen würde, dann würde ich eben Toaster verkaufen," behauptet Seth Warshavsky.Als erfahrener Geschäftsmann weiß der 25jährige allerdings schon seit seinen Anfängen als Anbieter von Telefongestöhn: "Sex sells", und zwar bestens.Andere Produkte kamen daher für ihn nicht in Frage.

Mit Startkapital, das er im Telefonsex-Geschäft verdiente, gründete Warshavsky 1995 in Seattle die "Internet Entertainment Group" (IEG), ein Pornounternehmen, dessen Websites unter der Sammeladresse http://www.clublove.com heute rund 600 000 Abonnenten regelmäßig anwählen.Sie zahlen bis zu 50 Dollar für halbstündige Live-Peepshows, die in einem ehemaligen Warenlager in der Innenstadt von Seattle produziert und dann ins Internet geladen werden.Außerdem bietet IEG, der derzeit weltweit erfolgreichste Internet-Pornohandel, das übliche Schmuddelmaterial, von Nacktphotos bis hin zu Videoaufnahmen.Der Umsatz stieg von sieben Millionen Dollar in 1996 auf geschätzte 40 Millionen in diesem Geschäftsjahr.

Warshavsky nutzt nicht nur geschickt ein neues Medium für seine Zwecke, sondern spielt gleichzeitig auch gekonnt mit den traditionellen US-Medien.Adrett gekleidet erscheint er zu Interviews, schildert sachlich seine Geschäftssituation, und verweist bei genaueren Nachfragen die Journalisten an Mitarbeiterinnen - die sollen dann die üblichen Fragen beantworten, die sich ein Pornohändler nun mal gefallen lassen muß.

Ausbeutung? Nicht bei IEG, dort werde sie "hervorragend" bezahlt, sagt "Natalia", eine der Tänzerinnen, die nackt vor den digitalen Kameras posiert und dafür 20 Dollar pro Stunde kassiert.So finanziert sie ihr Studium.Zusammen mit der 35jährigen Mara Mehren, der Leiterin der IEG-Personalabteilung, stimmt "Natalia" ausdrücklich Warshavskys Behauptung zu, das Angebot seiner Firma sei im Vergleich zu anderen Schmuddelanbietern "eher konservativ und sauber", es erniedrige Frauen keineswegs.

Mara Mehren versteht ohnehin nicht, was denn an Sexdarstellungen im Internet so schlimm sein soll - da gebe es doch viel Schrecklicheres online, Bastelanleitungen für Bomben zum Beispiel.Warshavskys Vorführ-Damen wickelten mit solchen Sätzen unlängst einen Reporter der Tageszeitung "Seattle Post-Intelligencer" um den Finger.Und auch größere, überregionale Blätter, allen voran das hochangesehene "Wall Street Journal", präsentierten die IEG in wohlgesonnenen Artikeln - als profitables und daher durchaus respektables Unternehmen.Empörung über den IEG-Anteil an der Pornowelle im Internet äußerten allerdings einige US-Senatoren bei öffentlichen Anhörungen über Gesetze zum Schutz minderjähriger Websurfer.Vor den Senatoren saß im vergangenen Februar als "Sachverständiger" niemand anderer als Seth Warshavsky.Er mußte sich gegen Vorwürfe wehren, nach denen sein "digitaler Pornoladen" dazu beitrage, daß kein amerikanisches Kind vor obszönem Material geschützt sei.

Warshavsky fürchtet wie alle anderen Cyberporno-Anbieter, daß strikte Gesetze seinem Geschäft ein Ende machen, deshalb der freiwillige Auftritt in Washington.Vor dem Senatskomitee gab er sich einsichtig und schlug eine Schutzmaßnahme vor: Sexanbieter, deren Angebote in den USA als "adult entertainment" bezeichnet werden, sollen zukünftig mit dem Webadressen-Zusatz ".adult" versehen werden.Damit würden sie sich von harmlosen Websites der Kategorien ".com" oder ".org" unterscheiden.Besorgte Eltern könnten in heimischen Computern mit Software-Filtern den Zugang zu ".adult"-Adressen sperren.

Erfolgversprechend ist der Warschavsky-Plan nicht, denn selbst bei der Einrichtung einer ".adult"-Kategorie im World Wide Web müßten sich schließlich nicht alle Nationen der Welt an die US-Regeln halten, und internationale Pornohändler könnten weiterhin unter ".com"-Adressen erreichbar sein.Ein voller Erfolg war der Washingtoner Auftritt für Seth Warshavsky dennoch, denn er konnte sich als "verantwortungsbewußter" Pornoverkäufer präsentieren.

Eine weitere willkommene Gelegenheit zur Image-Verbesserung bot sich in diesem Sommer.Ein junges Paar warb mit dem Angebot, mit IEG-Unterstüzung im Internet eine ganz besondere Live-Show aufzuführen: Angeblich sollte es sich für die beiden "Teenager" um das "erste Mal" handeln, und zu dieser eigentlich höchst privaten Veranstaltung wollten sie die ganze Welt in ihr kalifornisches Schlafzimmer einladen.Aber die angeblichen Jugendlichen entpuppten sich dann als erwachsene Pornoprofis, und die IEG machte sich zur Sprecherin empörter Voyeuristen; man werde sich nicht daran beteiligen, "hart arbeitenden Zuschauern" mit Betrug das Geld aus der Tasche zu ziehen, hieß es aus Seattle.Vollmundig präsentierte sich die Firma als Kämpferin für Ehrlichkeit in der Pornographie: "IEG wird die Abonnenten nie betrügen."

Erneut hatte Seth Warshavsky positive Schlagzeilen gemacht und stand als Saubermann unter Schmierigen da - offenbar verläuft also alles nach Plan.Denn der Schmuddelhändler will weg vom Schmuddelimage, sein Unternehmen soll schließlich schon bald höchste kapitalistische Weihen erhalten.Anfang nächsten Jahres will Warshavsky wagen, was noch kein Cybersex-Unternehmener wagte: IEG-Aktien sollen dann an der Börse gehandelt werden.

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