Zeitung Heute : Der Koloss von Rügen

Für Prora, Hitlers Seebad, gibt es bis heute keinen Plan. Wird es nun vom Staat verkauft?

Nadja Klinger[Prora]

„Öffentliche Bitte“ stand über der Zeitungsanzeige. Sie hatte anderthalbtausend Euro gekostet. Als ehemaligem Offizier liegt es Uwe Schwartz eigentlich mehr zu kämpfen, aber dann hat er sich doch zum Bittsteller gemacht. In seinem Büro hat er die Anzeige aufgesetzt. Aus dem Fußboden kroch die Kälte und biss sich durch seine Schuhsohlen. „Sehr geehrte Damen und Herren Bundestagsabgeordnete“, hat er höflich begonnen. Im folgenden bittet er sie, den Verkauf von Block 3 zu verhindern. Er hält die Anzeige für seine letzte Chance.

Vom Meer kam eisiger Wind und drückte auf die alten Bürofenster. Es waren mal Kasernenfenster, vorher Fenster eines Flüchtlingslagers. Sie blicken auf den Sandstrand von Prora auf Rügen. Ursprünglich gehörten die Fenster zu Hitlers gigantischem Plan.

An der weißen Ostseebucht zwischen Binz und Saßnitz wollte er ein Bad für 20000 Urlauber errichten. Die sollten mit der Ferienorganisation „Kraft durch Freude“ für den Krieg fit gemacht werden. Acht Bettenhäuser von je einem halben Kilometer Länge sollten sich hinter den Dünen entlangziehen. Hinter dem Kai war ein riesiges Wellenbad geplant. 1943 wurden erste Gebäudeteile notdürftig fertig gestellt, um ausgebombte Hamburger Familien unterzubringen. Im Mai 1945 kam die Rote Armee. Prora bot einen deprimierenden Anblick, die Deutschen erinnerte es an den verlorenen Krieg.

Uwe Schwartz schickte seine Bitte in die Welt aus persönlichem Interesse, er will seine Arbeit in Prora behalten. Er führt Besucher durch das kleine private „Museum Prora“. Aber man kann aus dieser Bitte noch etwas anderes herauslesen. Prora ist neben dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände die größte architektonische Hinterlassenschaft der Nazis. Und bis heute hat der Staat keinen Plan, wie mit diesem Erbe verfahren werden soll.

Nach dem Krieg wollte die Rote Armee die Gebäude einfach sprengen. Es ist ihr nicht gelungen. Fünf Jahre hat sie gebraucht, um allein den Schutt des südlichsten Blocks abzutragen. Die anderen wurden durch die Sprengungen beschädigt, zwei Ruinen stehen bis heute. Danach wurden Flüchtlinge, enteignete Grundbesitzer und Militär in Prora einquartiert. Man wollte kein Denkmal. Es gab im Land genug Anlass, sich zu erinnern.

Mitte der 50er Jahre zog die Nationale Volksarmee, die NVA, ein. Etliche Quadratkilometer Inselland wurden als Truppenübungsplätze veranschlagt. Dörfer verschwanden, Prora wurde zum Sperrgebiet. Offizier Uwe Schwartz hatte noch nie von dem Ort gehört, als er 1981 hierher versetzt wurde. Vom Bahnhof hat man ihn mit dem Laster abgeholt. Die Fahrt ging durch Kiefernwald, dann an endlosen Betonblöcken entlang. Wo bin ich?, hat Schwartz in den Tagen nach seiner Ankunft immer wieder gefragt. Dass die Gebäude aus dem Dritten Reich stammten, hat man ihm gesagt. Mehr wusste niemand. „Kraft durch Freude“ – keiner hatte eine Ahnung, was das war.

Hinterm Kai hatte die NVA ihren Exerzierplatz. Wo einst Hitlers prunkvolle Festhalle stehen sollte, kämpfte nun ein bronzener Soldat auf einem Sockel. Während sie ihren Dienst taten, blickten die Offiziere auf den Horizont. Es war derselbe Horizont, den Hitlers Bauleute gesehen hatten. In Prora hatte man keinen Respekt vor der Geschichte. Man setzte sie einfach fort. Als die Wende kam, war der Horizont immer noch derselbe, aber die NVA verschwand. Die Bundesrepublik besaß nun eine riesige Immobilie, die ziemlich heruntergekommen war. Sie stellte sie unter Denkmalschutz. Immer noch riegelt der so genannte Koloss von Rügen Inselland von der Ostsee ab, und er zieht mehr Touristen an als die Kreidefelsen.

Wo Touristen sind, kann man was anbieten. Es gab immer noch keinen großen Plan für Hitlers Seebad, aber plötzlich viele kleine. Eine Galerie mietete sich für wenig Geld in die unbeheizbaren Räume von Block 3 ein. Es kamen ein Jugendcamp, ein Fahrradverleih, eine Diskothek, die „Fischerklause“. Die Touristen aber wollten vor allem etwas über Prora wissen. So haben Kurt Meyer, ein westfälischer Buchverleger, und der Physiker Joachim Wernicke aus Berlin 1994 zwei „Museen“ gegründet – jeder seins, beide in Block 3. Allerdings hatte keiner zum Thema allzuviel zu bieten. Zeitzeugen schleppten Geschichten an und Gegenstände. Die Räume füllten sich. Uwe Schwartz ist nach dem Abzug der NVA hiergeblieben, er macht Führungen in Wernickes „Museum Prora“, er ist auch Hausmeister dort. Seit fünf Jahren gibt es noch ein drittes Museum. Es gehört der Stiftung Neue Kultur, die mit EU-Mitteln zur Geschichte des Bades forscht.

Seit Prora also wieder ein Ort auf der Landkarte ist, nutzen ein paar Leute die Chance, ihn auch wieder zu einem in der deutschen Geschichte zu machen. Der Beitrag der Bundesrepublik beschränkte sich darauf, dass sie Block 3 vermietete. Aber es ist ein teures Denkmal, und deshalb will sie es nun am liebsten ganz loswerden. Vor kurzem ist ein Kaufvertrag mit Kurt Meyer, dem einen Museumsbetreiber, unterzeichnet worden. Die Denkmalschützer von Mecklenburg-Vorpommern protestieren, weil Meyer ein Stück der Ruine mit einem Hotel überbauen will. Auch Historiker sind dagegen, dass Prora stückweise verkauft wird. „Das gesamte Gelände muss als historisches Denkmal erhalten und entsprechend seiner Bedeutung genutzt werden“, sagt Jürgen Rostock von der Stiftung Neue Kultur.

Vielleicht ist das Konzept von Kurt Meyer tatsächlich überzeugender als das gemeinsame Konzept der anderen Mieter – aber passt ein Hotel an diesen Ort? Meyer hat schon gegen Denkmalpflegeauflagen verstoßen, indem er über Nacht seinen Gebäudeteil angemalt hat.

Der Bundestag muss dem Kaufvertrag noch zustimmen, gestern sollte der Haushaltsausschuss darüber befinden. Doch er hat die Entscheidung vertagt.

Vor ein paar Tagen haben sich ein paar Abgeordnete in Prora umgesehen. Die Delegation hatte viele Fragen, aber nur zehn Minuten Zeit. Die Museumsleute haben die Fragen notiert und die schriftlichen Antworten nach Berlin hinterhergeschickt. Uwe Schwartz hat die Anzeige geschaltet. Jetzt wartet er. Aufgeregt. Es ist ja auch seine Geschichte.

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