Zeitung Heute : Der Kommandeur

Wäre es nach den Mitarbeitern gegangen – Stefan Aust wäre nie an die Spitze des „Spiegel“ gelangt. Nun ist er es schon zehn Jahre

Ulrike Simon[Hamburg]

Es war an einem der ersten Tage von Stefan Aust als Chefredakteur des „Spiegel“. Eine junge Praktikantin, die ihn von Spiegel TV kannte, lief ihm auf dem Flur des Verlagsgebäudes über den Weg: „Stefan, was machen Sie denn hier bei diesen alten Säcken?“, fragte sie in der für Hamburg typischen Manier, sich mit dem Vornamen anzusprechen, aber dennoch zu siezen. 48 Jahre alt war Aust damals. Zehn Jahre ist das her. So locker begrüßt wurde er von den „Spiegel“- Redakteuren damals nicht.

Montagvormittag im Januar 2005, kurz vor elf Uhr. Im Fahrstuhl des Spiegel-Verlags steht eine der Frauen mit schwarzen Röcken und weißen Blusen, die den Redakteuren des Nachrichtenmagazins auf Bestellung Kaffee bringen. Ein Service, den es außer beim „Spiegel“ nirgendwo gibt. Um elf beginnt die Konferenz, in der heute ein externer Blattkritiker eingeladen ist. Das ist eine Ausnahme, denn normalerweise gilt beim „Spiegel“ das Prinzip „closed shop“, sagt später ein Redakteur, der sich wundert, dass Aust einer Zeitungsreporterin Einblicke gewährt.

Alle sind pünktlich und warten bereits, als Aust in Begleitung seiner beiden Stellvertreter kommt und sich an seinen angestammten Platz auf einen der mit kardinalrotem Stoff bezogenen Stühle setzt. Der Gastkritiker moniert unter anderem, dass die langen „Spiegel“-Gespräche früher einen höheren Stellenwert hatten, was Aust mit einem schlichten „stimmt nicht“ kommentiert. Im Hintergrund brummt leise die Klimaanlage. Sowohl am Tisch, an dem etwa 20 Redakteure Platz finden, als auch vor den Sitzreihen am Fenster, auf denen rund 40 weitere sitzen, stehen alle paar Meter hohe Aschenbecher. Jeder auf Hochglanz poliert, keiner genutzt. Vorbei die Zeiten, in denen bei „Spiegel“-Konferenzen nicht nur die Köpfe, sondern auch Zigaretten qualmten. Viele können sich heute auch nicht mehr erinnern, welcher Platz dem „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein gehörte. Früher blieb sein Stuhl frei, wenn „der Alte“ nicht da war. Es fällt auf, dass die meisten der älteren Redakteure im Rücken von Aust sitzen. Vielleicht, um ihm nicht ins Gesicht zu schauen; vielleicht auch, um nicht in seinem Blickfeld zu sein.

Zurück im Büro studiert Aust als Erstes die Quoten der „Spiegel-TV“-Sendung vom Vorabend: 15,6 Prozent. Eine gute Sendung, lobt Aust, und fügt hinzu, „Spiegel TV“ habe zurzeit einen guten Lauf. Dem Fernsehen gilt unverändert Austs Leidenschaft, sei es als Geschäftsführer von SpiegelTV, sei es beim in Berlin gestarteten Sender XXP, einem Gemeinschaftsunternehmen von Spiegel TV und Alexander Kluges Firma dctp; auch trauert er der seiner Ansicht nach verpassten Chance nach, mit einem Konsortium aus Spiegel-, Springer-, Bauer-Verlag und Hypo-Vereinsbank bei Kirch-Media einzusteigen.

Es hat sich einiges geändert, seitdem Aust 1994 Chef des „Spiegel“ geworden ist. Für jene, die damals schon hier gearbeitet haben, ist Aust die lebendige, tägliche Erinnerung an eine Niederlage. Wäre es nach den Mitarbeitern gegangen, denen der Spiegel-Verlag zur Hälfte gehört, wäre der als Leuteschinder verrufene Fernsehmann Aust niemals Chefredakteur geworden. Sie ließen sich erpressen. Augstein hatte gedroht, den Bettel hinzuschmeißen, wenn die Mitarbeiter nicht der Entmachtung von Vorgänger Hans Werner Kilz und der Berufung von Stefan Aust zustimmten. Tagelang ging es hoch her im Verlagsgebäude an der Hamburger Brandstwiete, dann lenkten die Mitarbeiter ein. Am Nachmittag des 16. Dezember 1994 wurde die Pressemitteilung verschickt: „Die Gesellschafter des Spiegel- Verlags haben den bisherigen Leiter von Spiegel TV, Stefan Aust, mit sofortiger Wirkung zum Chefredakteur des Nachrichtenmagazins ,Der Spiegel’ bestellt.“

Der oft als arrogant bezeichnete „Spiegel“ steckte zwei Jahre nach der Gründung von „Focus“ in einer Sinnkrise und hatte obendrein Anzeigenverluste zu verkraften, als der in Stade als Sohn eines Landwirts geborene Aust Chef von Deutschlands wichtigstem, nun aber nicht mehr einzigem Nachrichtenmagazin wurde. 1991 war Aust wegen der Erfolge von „Spiegel TV“ zum Medienmann des Jahres gekürt worden. Aus demselben Grund wird er in wenigen Tagen von Springers „Hörzu“ die „Goldene Kamera“ erhalten. Nach Stationen bei den „St.-Pauli-Nachrichten“ und „Konkret“ hatte sich Aust seit 1970 dem Fernsehen verschrieben. Beim Norddeutschen Rundfunk leitete er das Politmagazin „Panorama“. Von 1988 an baute er dann Spiegel TV auf. Als Autor war er mit Büchern wie „Der Baader-Meinhof- Komplex“, „Mauss – ein deutscher Agent“ und dem Drehbuch für „Tod in Stammheim“ aufgefallen. Nun also sollte die Redaktion des „Spiegel“ akzeptieren, dass er ihr als Chef aufgedrängt wurde.

Bei seiner Antrittsrede sagte Aust, er wisse, dass er den „Spiegel“ nicht neu erfinden könne; aber er werde einiges frischer machen. Er erinnerte daran, dass ihm zuvor, als er bei Spiegel TV begann, nachgesagt worden war, da komme nun einer, der Fernsehen so mache, als ob er Texte abfilmte. Der Erfolg seiner Arbeit bei den Zuschauern habe dies ja widerlegt. Nun heiße es, er werde aus dem „Spiegel“ gedrucktes Fernsehen machen. Das sei genauso abwegig. Ein gutes Jahr später formulierte er in einer Rede beim Goethe-Institut in Boston seine Ziele für den „Spiegel“: Der Weg führe „zu einem Blatt mit Hintergrund, zu einer ausbalancierten Mischung aus kurzen und langen Geschichten, zu Autorenstücken mit pointierten Stellungnahmen, zu einer verbesserten Optik und einer starken Auseinandersetzung mit dem Titelthema“. Aust fügte hinzu: „Wir bleiben beim klassischen ,Spiegel’-Journalismus – nach der mir zugeschriebenen Maxime back to the roots“, zurück zu den Wurzeln.

Schritt für Schritt hat Aust den „Spiegel“ verändert, brachte mehr Farbe ins Blatt, ließ besseres Papier kaufen, änderte das Layout und führte zu Beginn jedes Ressorts Meldungsseiten ein. Im Oktober 1998 brach er endgültig mit der aus dem angelsächsischen Journalismus stammenden und von ihm immer häufiger missachteten Regel, Artikel anonym erscheinen zu lassen. Mochten beim „Spiegel“ intern hierarchische Strukturen gelten und Machtkämpfe geführt werden wie in keiner anderen Redaktion – nach außen waren alle gleich. Nur Augstein war es in der Regel vorbehalten, mit Autorenzeile gedruckt zu werden. Heute ist das anders. Das befördert auch Eitelkeiten. Tatsächlich entstehen jedoch viele „Spiegel“-Artikel, indem mehrere Redakteure recherchieren und Texte formulieren, die dann ein anderer Journalist so zusammenschreibt, als sei die Geschichte aus einem Guss. Was von wem kommt, ist da oft kaum wiederzuerkennen. Der „Spiegel“ sei eben kein Autorenmagazin, in dem von jedem alles eins zu eins ins Blatt kommt, sagt Aust.

Das Büro von Stefan Aust im elften Stock verrät wenig Persönliches. Hinter seinem Schreibtisch schlängeln sich die vergangenen „Spiegel“-Titel über und unter einer gerade durchgezogenen Linie, die die durchschnittlich verkaufte Auflage des Vorjahres symbolisiert. Gut ist, wenn sich eine Ausgabe über Vorjahr verkauft hat, schlecht, wenn sie unter der Linie angebracht ist. Links vom Schreibtisch steht eine schwarze Ledersitzgruppe, darüber eine Weltkarte. Schaut Aust aus der Glasfront nach rechts, blickt er über St. Pauli auf die Hafenkräne und die Elbe bis weit in Richtung Blankenese. Schaut er geradeaus, blickt er von der Speicherstadt bis hinter die Stadtgrenze, wo am Horizont ein paar Windräder stehen.

Auf die Frage, was sein größter Erfolg war in diesen zehn Jahren als Chef des „Spiegel“, nennt Aust die Einstellung von „Spiegel Reporter“, denn dadurch sei es ihm möglich gewesen, einige der besten Autoren an den „Spiegel“ zu binden. Die Qualität der Texte sei dadurch enorm gestiegen, das habe den „Spiegel“ einen großen Sprung nach vorn gebracht, sagt Aust. Er will jedoch nichts von Fällen wissen, in denen Autoren nicht mehr mit ihrem Namen unter Artikeln genannt werden wollen, weil die Texte derart umgeschrieben wurden, dass die Redakteure ihre Rechercheergebnisse manchmal geradezu ins Gegenteil verkehrt sehen. Aust lässt den Vorwurf nicht gelten, er habe kein Interesse an Sachthemen und lasse keine andere Meinung als seine eigene gelten. „Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Journalist zugibt, sein Artikel sei zu Recht gekürzt, redigiert oder gekippt worden, weil er schlecht geschrieben oder schlecht recherchiert war?“ Ein Totschlagargument. Aust hadert nicht lange. Auch nicht, wenn es um andere Kritikpunkte geht. Zum Beispiel jenem, ihm mangele es an Diskussionsbereitschaft. „Stimmt nicht“, sagt Aust, womit der Vorwurf für ihn erledigt ist. Aust hat auch stets das passende Gegenbeispiel, um – wie er sagt – „Verschwörungstheorien“ zu widerlegen, denen zufolge er von persönlichen Beziehungen und Interessen getrieben sei, wenn es um die Wahl von Themen oder die Ausrichtung von Artikeln gehe. Seien es der frühere Reiter Paul Schockemöhle, der frühere „Spiegel“-Geschäftsführer Werner Klatten oder „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher – alle drei bezeichnet Aust als seine Freunde, und alle drei wurden wenigstens einmal Opfer negativer Berichterstattung durch den „Spiegel“. Er erzählt diese Beispiele mit einem Gesichtsausdruck, als wolle er an jeden Satz ein „Ätsch“ dranhängen,

Über sich selbst sagt Aust, „ich bin der unabhängigste Journalist Deutschlands“. „In viel größerer Gefahr, abhängig zu werden“, seien „die Journalisten an der Recherche-Front“, wenn sie etwa vom Unternehmen A gezielt Informationen zugesteckt bekommen, um Unternehmen B zu schädigen. Seine ganze Aufmerksamkeit sei da geweckt, wenn er den Verdacht hat, einer seiner Redakteure könne instrumentalisiert worden sein. Spricht man mit Aust über Journalisten, die den „Spiegel“ aus Frustration oder Ärger verlassen haben, lässt er Zweifel anklingen, ob sie freiwillig gegangen sind. Tatsächlich haben einige aus freien Stücken gekündigt. Aust tritt ihnen nach und sagt, er glaube kaum, dass sie an ihrem neuen Arbeitsplatz mehr Unabhängigkeit genießen.

An diesem Montag hat Aust bereits eine Idee für den nächsten Titel. Inspirieren ließ er sich von einem Radiobeitrag. Tatsächlich wird diese Idee dann auch umgesetzt. „Der zerbrechliche Planet“ wird die Zeile lauten. Darüber der Blick aus dem All auf die Erde. So wie sie der Astronaut Harrison Schmitt auf seiner letzten Apollo-Mission im Dezember 1972 gesehen hat: als eine „wunderschöne, zartblauweiße Kugel im schwarzen Nichts“, wird später in der Titelgeschichte zu lesen sein. Doch ganz so komplikationslos entwickelt sich Austs Idee nicht. Zwar steht schon am Montag die Idee zu der etwas philosophisch angehauchten Titelgeschichte, auch der Autor ist gefunden. Und als die Redaktion am Mittwoch darauf erfährt, dass „Focus“ statt am Montag bereits am Sonnabend erscheinen wird, packt auch den „Spiegel“ der Ehrgeiz, den Erscheinungstag vorzuziehen. Es wird beschlossen, dass Redaktionsschluss diesmal nicht wie sonst in der Nacht zu Sonnabend ist, sondern bereits am Donnerstag um 23 Uhr.

Am Donnerstagmorgen scheint noch alles zu klappen. Aust kommt um halb zehn mit dem neuen, schnellen ICE aus Berlin an, wo er am Tag zuvor Franz Müntefering interviewt und mit Joschka Fischer Kaffee getrunken hat. Um zehn Uhr treffen sich in Austs Büro die Ressortleiter zur „Lage“, in der im Wechsel ein Redakteur die Nachrichten des Tages zusammenfasst, Themen besprochen und die Plätze im Heft verteilt werden.

Nach der Konferenz zieht sich Aust zurück, um die Titelgeschichte zu lesen. Eine halbe Stunde später ist die gute Laune verflogen. Mürrisch verlässt er sein Büro. Das war es noch nicht. Im gedruckten Blatt werden später unter der Titelgeschichte sage und schreibe 18 Autorennamen stehen. Doch jetzt, am Donnerstag, elf Stunden vor Redaktionsschluss, geht es um die Auswahl des Titelbildes. Im sechsten Stock, in dem das einzig für den Titel zuständige Ressort sitzt, hängen an der Wand acht Entwürfe, die alle leicht variiert die Erde aus dem All zeigen, darunter die Zeile „Der zerbrechliche Planet“. Es gebe Ereignisse, bei denen sich eine künstlerische Darstellung verbietet, sagt Aust und lässt sich Fotos zur Flutkatastrophe in Asien zeigen. Die Vorauswahl der Redakteure reicht Aust nicht. Er setzt sich selbst an den Bildschirm – auf der Suche nach einer „Ikone“, jenem Foto, das sinnbildlich für die Katastrophe steht und sich ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingraben wird. Am Ende wird dann doch der blaue Planet auf dem Titel erscheinen. Es wird auch beim Redaktionsschluss in der Nacht zu Sonnabend und beim Erscheinungstermin am Montag bleiben. Soll doch „Focus“ schon am Sonnabend am Kiosk liegen, heißt es auf einmal. Die Zeit will Aust nutzen, um die Titelgeschichte neu schreiben zu lassen.

Es gibt einige Äußerungen, die Stefan Aust wiederholt selbst gewählt hat, um sich zu charakterisieren. Etwa, dass er ein großer Realist sei; dass er von Natur aus kein ängstlicher Mensch sei; dass er nicht fürs Schreiben bezahlt werde; dass er als „Spiegel“-Chef nur Angestellter sei; dass er seinen Vertrag erfülle; dass er auf den Job beim „Spiegel“ nicht angewiesen sei; dass er ein „Manager“ sei; dass er Entscheidungen erst treffe, wenn sie anstehen, was er dann gern mit dem Satz zusammenfasst: „I cross the bridge, when I reach it.“

Seit zehn Jahren ist Aust Chefredakteur des „Spiegel“. Weitere drei sind ihm nach Ablauf des aktuellen Vertrags Ende 2005 sicher, danach können ihm die Gesellschafter erstmals kündigen, die Höhe der in diesem Fall zu zahlenden Abfindung wurde kürzlich bei der Vertragsverlängerung bereits festgelegt. Bleibt Aust weitere zwei Jahre und findet in dieser Zeit einen geeigneten Nachfolger für sich, den er als seinen Stellvertreter einarbeitet, wird ihm dies zusätzlich versilbert. Am Ende könnte er eine Amtsdauer verbuchen, die der von Altkanzler Helmut Kohl gleichkommt. Bis es so weit ist, bestimmt er, wo es langgeht, denn „ich halte den Kopf hin, wenn etwas schief läuft“, sagt Aust. Welche Entscheidung er in seinen zehn Jahren beim „Spiegel“ am meisten bereut? Es sind keine falschen Personalentscheidungen, auch nicht die Affären und Skandale, die, anstatt vom „Spiegel“ enthüllt zu werden, aus anderen Zeitungen, Magazinen oder Sendern zu erfahren waren. Was Aust bereut, ist etwas anderes. Etwas, das ihm viel Kritik einbrachte, weil ihm vorgeworfen wurde, gemeinsam mit Springer Politik zu betreiben: „Der ,Spiegel’ hätte die neue Rechtschreibung von Anfang an nicht übernehmen sollen.“

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