Zeitung Heute : DER KOMMENTAR

Drei Wochen lang hat sich die Weltöffentlichkeit lustig gemacht über die betagten deutschen Kicker, "die letzten Dinosaurier" ("Gazzetta dello Sport"), "die alten deutschen Monster" ("La Provence").So berechtigt der Spott an der Zusammensetzung der deutschen Mannschaft ist - er trifft die falschen.23 Millionen Fernsehzuschauer hierzulande haben am Sonnabend aus der ersten Reihe mitansehen müssen, daß beim 0:3 gegen Kroatien wieder einmal die beiden ältesten Feldspieler die mit Abstand besten waren, nämlich Lothar Matthäus und Jürgen Kohler.Es wächst nichts nach in der Fußball-Nation Deutschland, und das ist dieser selten so deutlich bewußt gemacht worden wie bei den zurückliegenden WM-Tagen in Frankreich.

Der Vergleich schmerzt beim Blick auf die anderen Nationen.England hatte beim unglücklichen K.o.gegen Argentinien vier 23jährige und das gerade 18jährige Supertalent Michael Owen in der Anfangsformation.Brasilien verfügt neben Wunderstürmer Ronaldo (21) noch über Denilson, der trotz seiner gerade 20 Jahre schon der teuerste Spieler der Welt ist.Im französischen Team setzten die beiden 20jährigen Thierry Henry und David Trezeguet die Akzente.Die Argentinier Hector Pineda, Juan Veron, Hernan Crespo und Marcelo Gallardo sind allesamt noch keine 24.Dänemarks Stolz ist der 22jährige Martin Jörgensen, und die Holländer haben gleich fünf Spieler dabei, die jünger sind als Deutschlands Benjamin, der Münchener Jens Jeremies.Bei den Kroaten ist Dario Simic mit seinen 22 Jahren schon eine feste Größe.

Und wen haben die Deutschen? Wehmütig denkt Berti Vogts zurück an seine Zeit als Trainer der Junioren-Nationalmannschaft, als er späteren Weltstars wie Lothar Matthäus, Rudi Völler oder Pierre Littbarski den Weg bereitete.Es sagt genug über den Leistungsstand im deutschen Nachwuchs, daß ein pflichtbewußter, aber biederer Arbeiter wie der 24jährige Jeremies schon als Wunderkind herhalten muß.Lars Ricken, Dortmunds noch vor einem Jahr gefeierter Senkrechtstarter, war nicht einmal gut genug für einen Platz im erweiterten WM-Kader.

Die jüngsten Resultate bei internationalen Junioren-Turnieren sprechen nicht gerade dafür, daß die deutsche Nationalmannschaft bei der nächsten Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea mit einer neuen Generation begabter Jungstars für Furore sorgen wird.Wer weiß, ob die Deutschen überhaupt dabeisein werden.Die Lücke, die sich hinter den Kohler, Matthäus und Klinsmann auftut, wird kaum zu schließen sein - nicht von den ganz jungen, und schon gar nicht von der Zwischengeneration, dem Möchtgern-Superstar Basler, der Mimose Möller oder dem ewigen Quertreiber Effenberg, den sein Vereinspräsident Beckenbauer gerade mal wieder öffentlichkeitswirksam ins Gespräch gebracht hat.

Hier wird das Dilemma des Bundestrainers Berti Vogts deutlich: Er ist verurteilt zu einem personellen Neuanfang, für den er kein Personal hat.gol

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