Zeitung Heute : Der Kongress pfeift, die Kandidatin zappelt

Der Saal stöhnt, der Saal feixt: Ursula Engelen-Kefer stürzt den DGB ins Chaos und stiehlt dem Chef Michael Sommer zum letzten Mal die Show

Alfons Frese

Franz-Josef Möllenberg will witzig sein und dabei die Gemüter beruhigen. Doch nach wenigen Sätzen krümmen sich viele vor Grausen. Nur eine zierliche Person in einer der hinteren Reihen des großen Saals im Neuköllner Estrel Hotel lächelt erleichtert. „Jetzt muss ich doch kandidieren“, sagt Ursula Engelen-Kefer zu ihrem Nachbarn, dem bayerischen DGB-Chef Franz Schösser. Um kurz nach neun hat der DGB-Bundeskongress seine Sensation. Oder eine „Schweinerei“, wie ein empörter Gewerkschafter meint. Jedenfalls ist den Regisseuren die ganze Nummer schwer verrutscht. Der Kongress tanzt – DGB-Chef Michael Sommer auf dem Kopf herum. Doch auch die wirklich mächtigen Bosse, IG Metall-Chef Jürgen Peters und der Kollege Frank Bsirske von Verdi, sind geschlagen. Diese drei hatten sich das so schön ausgedacht mit dem neuen DGB-Vorstand, endlich ohne Engelen-Kefer, die mit ihrer Medienpräsenz den anderen allzu oft die Show gestohlen hatte und mit ihrer penetranten Kämpfernatur auf den Geist ging.

Möllenberg ist Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten. Als dienstältester Gewerkschaftsvorsitzender führte er die Findungskommission, die im letzten Herbst die Kandidaten für den neuen Vorstand aussuchte. Selbstverständlich habe man damals auch mit Engelen-Kefer gesprochen, erklärt Möllenberg jetzt den knapp 400 Gewerkschaftsdelegierten. Doch anders als die anderen Kandidaten, die Möllenberg „frisch und fit“ findet, sei Engelen-Kefer „62 Jahre alt und wird im nächsten Monat 63“. „Das sieht man ihr zwar nicht an“, sagt Möllenberg, doch wer gegen die Rente mit 67 sei, der könne doch nicht an der Spitze des DGB … An dieser Stelle grummelt der Kongress. Es gibt Pfiffe, Engelen-Kefer lächelt, und Möllenberg kapiert langsam, dass es keine gute Idee war, an diesem Morgen frei zu reden. Jetzt kommt er auch noch mit dem Nikolaus. Denn am 6. Dezember – „am Nikolaustag, deshalb erinnere ich mich so gut daran“ – habe ihm Engelen-Kefer gesagt, nicht mehr kandidieren zu wollen.

Aber was will sie jetzt, an diesem Dienstagmorgen? Ehemann Klaus Engelen kommt gegen neun aus seinem Hotelzimmer nach unten in den Saal des riesigen Hotels. Zu diesem Zeitpunkt geht er davon aus, dass seine Frau nicht antritt. Unterm Arm trägt er zwei Manuskripte: eine Rede für den Fall der Kandidatur, eine Rede für den Rückzug. Seine Frau treibt zu dieser Stunde ihre Unentschiedenheit auf die Spitze. Erst hat sie das Kongresspräsidium gebeten, eine kurze Erklärung abgeben zu dürfen – um mitzuteilen, dass sie nicht kandiert. Ein paar Minuten später entscheidet sie sich anders und zieht die Wortmeldung zurück. Dieses Gezappel erklärt sie später mit ihrer „tiefen Zerrissenheit“. Viele Gewerkschafter sind stinksauer.

Auch die Delegierten sind „hin und her gerissen“, sagt Margret Mönig-Raane, stellvertretende Verdi-Chefin und Engelen-Kefer-Sympathisantin. Sie selbst ist auch hin und her gerissen. Eigentlich würde Sie gerne die zäheste Verteidigerin der deutschen Sozialsysteme wieder wählen. Doch das ganze Nominierungsverfahren ist eben anders gelaufen. Und jetzt kann man nicht mehr zurück, den ganzen Kongress ins Chaos stürzen und die Vorsitzenden bloßstellen. Doch das Chaos ist da, als der Delegierte Reinhard Böckel aus Bayern Engelen-Kefer vorschlägt. „War nicht einfach für mich, hier nach vorne zu gehen“, sagt der junge Mann, der bei BMW arbeitet. Das glaubt ihm jeder. Ausgerechnet einer aus der IG Metall, wo sonst gerne über die Chaoten von Verdi gelästert wird, springt aus der Reihe. Was wird ihm wohl Jürgen Peters nachher sagen? Die Spannung steigt, die Nervosität auch. Die Sitzungsleiterin will Engelen-Kefer fragen, ob sie die Kandidatur annimmt, fragt aber stattdessen, ob sie die Wahl annimmt. Eine Hälfte des Saals stöhnt auf, die andere Hälfte feixt.

Dann spricht Engelen-Kefer. Die Findungskommission sei der Ansicht gewesen, „ich sei zu alt und zu orthodox“. Aber Engelen-Kefer kann sich Sozialpolitik in Deutschland wohl nicht vorstellen ohne sich selbst. Ihre Vorstellungsrede ist erstaunlich langweilig. Am Montag noch hatte sie im Rahmen ihres Rechenschaftsberichts mit viel Lautstärke und Leidenschaft gegen die aktuelle Arbeitsmarkt-, Renten- und Gesundheitspolitik agitiert und die Delegierten begeistert wie keiner zuvor und danach. Ganz anders das CDU-Mitglied Ingrid Sehrbrock. Eine Lehrerin, die jede Klasse in den Tiefschlaf versetzt, sobald sie länger als drei Minuten redet. Am Montag quälte sie die Delegierten mit teilnahmslos vorgetragenen Erlebnisberichten aus Indien. Und dann muss über Nacht etwas passiert sein. Denn Sehrbrock treibt an diesem Morgen nicht die Leute aus dem Saal. Die Inder kommen nur am Rande vor, und als sie die Mängel in der deutschen Bildungspolitik aufzählt, wird sie sogar mal laut. „Ich mache mich stark für die Ganztagsschule.“ Und für Mindestlöhne sowieso.

Sehrbrock bekommt erst mehr Applaus als Engelen-Kefer und dann auch mehr Stimmen. 56,8 zu 43,2 Prozent. Die Unterlegene gratuliert, „ich freue mich für Frau Sehrbrock“, und lässt sich aus dem Saal geleiten. Eine gute Stunde später hat sich Engelen-Kefer wieder gefangen. Wegen der „überwältigenden Zustimmung“ der Delegierten habe sie sich dann doch zur Wahl entschlossen, erklärt sie. Das Risiko sei „sehr, sehr groß“ gewesen, sich gegen die „mächtigen Gewerkschaftsvorsitzenden“ zu stellen. „Aber ich bin ja meistens die schweren Wege gegangen.“ Jetzt ist ihr Kampf vorbei. Engelen-Kefer tritt ab. Und hat dabei Michael Sommer zum letzen Mal die Show gestohlen. Denn der verlegt seine Grundsatzrede vom Dienstagnachmittag auf den Donnerstag. Weil er Angst hat, wegen des letzten großen Auftritts von Ursula Engelen-Kefer nicht genügend Aufmerksamkeit in den Medien zu erfahren.

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