Zeitung Heute : Der Krieger im Mann erwacht

SANDRA LUZINA

Thomas Lehmen und Be van Vark KollektivTanz am Halleschen UferSANDRA LUZINADrill und Dressur - beim Doppelprogramm im Rahmen der TanzZeit im Theater am Halleschen Ufer fühlte man sich bisweilen in eine Kadettenanstalt versetzt - oder ins Fitneß-Studio.Thomas Lehmen unternimmt in "extended version" eine Sabotage am vorherrschenden Männerbild.Auf den ersten Eindruck beharrt der Tänzer auf der Stelle, kraftlos hängen die Arme herab.Doch der Schlaffi mutiert zum Marathon-Mann.Der Körper strafft sich, der Blick signalisiert Entschlossenheit.Micro Gargioni befeuert den Tänzer mit furiosen Trommelwirbeln.Da erwacht der Kämpfer und Krieger im Manne.Thomas Lehmen kommt uns nun fernöstlich.Immer wieder übt der Tänzer sich in der Demonstration physischer Stärke, doch der Versuch, seinen Mann zu stehen, kippt in die Lächerlichkeit um.Die Strapazen des Mannseins werden hier ausgestellt, doch das choreographische Resultat ist recht dürftig.Die Manipulierbarkeit des Menschen ist ein durchgehendes Thema der holländischen Choreographin Be van Vark.In "Homo Xerox" beschwört sie eine geläufige Negativ-Utopie: Im diesem Zeitalter gibt es kein Original mehr, ist das Individuum in seiner Einzigartigkeit bedroht.Die Schreckensvision wird auf denkbar schlichte Weise umgesetzt.Vier Frauen unter Einfluß, vier Tänzerinnen wie aus der Retorte.Über der hautfarbenen Unterwäsche tragen die Darstellerinnen durchsichtige Plastikkleider, die die weiblichen Rundungen kraß überbetonen.Und kein Inneres gibt es zu enthüllen, dargestellt werden soll die Macht der Konditionierung, der Zwang zur Konformität.Gleichgeschaltet die Menschen, gleichförmig die Bewegung.Die Techno-Musik in ihrem suggestiven Gleichklang, ihren Daniel Dax haben massive Klangattacken ersonnen - doch wenn das Kollektiv ewig auf der Stelle hüpft, dann mutet das wie eine besonders eintönige Aerobic-Variante an. Daß wir künftig dem Fitneß-Wahn bis zur Besinnungslosigkeit huldigen, davon erzählt dieser Abend.Bald bricht eine aus der Gruppe aus, es bilden sich Duos, es kommt zu kleinen Rangeleien.Der subjektive Faktor wird freilich nicht auf überzeugende Weise zur Geltung gebracht, das Aufbegehren gegen den Gleichschritt driftet schnell in die Monotonie ab. Weitere Vorstellungen bis 14.Oktober, jeweils 21 Uhr im Theater am Halleschen Ufer.

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