Zeitung Heute : Der Kulturkampf fällt aus

HANS TOEPPEN

Der Duden, der zeitweise kräftig auf die Eindeutschung von Fremdwörtern gesetzt hat, schrieb 1954 noch "Kautsch", "Klaun" und "Schofför".Einen Kulturkampf, der verständlich gewesen wäre, hat es damals trotzdem nicht gegeben.Die Duden-Redaktion ist von sich aus zur Vernunft zurückgekehrt.In bezug(!) auf die Kautsch könnte man heute fragen, wieso es mit Bezug(!) auf Känguru, behände oder Stängel in den letzten zwei Jahren in Deutschland zu einem Sprachstreit gekommen ist, als wollte die Kultusministerkonferenz das Assyrische an den Schulen einführen.Ob es nun an der Medienwirksamkeit des schwäbischen Lehrers Friedrich Denk liegt oder an den spät erwachten Literaten, die sich noch schnell das deutsche Sprachgewissen umgehängt haben, oder einfach an der Tatsache, daß sich über dieses Thema so kenntnislos wie dramatisch philosophieren läßt - keiner weiß es genau.Vermuten läßt sich lediglich, daß die wirklichen Probleme dieser Gesellschaft zu komplex sind, um noch wahren Streit auszulösen, weshalb wir uns gerne mit volkstümlichen Schaumwogen bescheiden bei Themen, bei denen jeder mitreden kann.

Den Zahn hat das Bundesverfassungsgericht den Beteiligten nun gezogen.Die Entscheidung ist wohltuend bescheiden.Das Grundgesetz sagt, erstens, nichts über Schreibweisen.Ein Gesetz war, zweitens, nicht notwendig, weil das Rechtschreib-Reförmchen "nicht wesentlich" in den Unterricht eingreift.Und die Güte oder der Nutzen der Reform sind drittens verfassungsrechtlich gar nicht zu beurteilen.Das ist vor allem ein Bremsklotz für jene Leute, die alles nach Karlsruhe schleppen wollen, was ihnen nicht in den Kram paßt.

Viertens hat das Gericht noch die legendäre Behauptung korrigiert, die Sprache gehöre dem Volk und sonst niemandem.Es geht hier aber nicht um Sprache, sondern um Eingriffe in die Rechtschreibung.Wäre die gegenwärtige Schreibtechnik tatsächlich im Munde oder im Verstande des Volkes entstanden und nicht am Schreibtisch von Bürokraten und Sprachwissenschaftlern, wäre uns vermutlich mancher Irrwitz der deutschen Orthographie und Interpunktion erspart geblieben wie beispielsweise die Kommasetzung in Infinitivgruppen.

Eingriffe wie die jetzige Reform mit ihren verhaltenen Änderungen bei Großschreibung, Getrenntschreibung und Zeichensetzung sind von staatlichen Instanzen auch keineswegs das erste Mal vorgenommen worden.Gegen die staatliche preußische Schulorthographie ist beispielsweise Bismarck, vergeblich, noch "conservativen" Sturm gelaufen.Die anschließende Rechtschreibreform von 1901/1902 war nicht minder staatlich.Und danach hat uns nicht das Volk, sondern der durchaus normfreudige Duden beherrscht - übrigens auch wieder im Auftrag des Staates.

Das Volk hatte am wenigsten damit zu tun.Es hat geschrieben, wie es ihm in der Schule und vielleicht noch von der Duden-Redaktion beigebracht worden ist, und es hatte und hat allergrößte Schwierigkeiten mit diesen Regeln.Die meisten würde es wahrscheinlich zum Teufel jagen.Denn "das Volk" ist ja nicht verbohrt.Warum sollte es einerseits "Rad fahren" und andererseits "autofahren" schreiben wollen?

Wirkliche Probleme wären für das Bundesverfassungsgericht wohl erst dann entstanden, wenn die Kultusminister nicht eine Reform sondern gleich eine Sprach-Revolution gemacht hätten.Womöglich wären dann die humboldtschen "Gränzen (!) der Wirksamkeit des Staates" wirklich überschritten, die von den Kritikern schon jetzt ständig im Munde geführt wurden.Aber was hülfe dann das Gesetz, das sie fordern? Das Parlament ist nicht das Volk, sondern nur sein Vertreter.Auch das Parlament kann sich bekanntlich am Volk versündigen, woraus ein Sprach-Fundamentalist schließen müßte, daß es überhaupt keine administrative Schreibreform geben dürfte.Wir schrieben dann vielleicht noch wie Walther von der Vogelweide und hätten einen plebiszitären Staat.

Aus dieser Zwickmühle wird uns auch das "Volk von Schleswig-Holstein" nicht befreien, das nun gegen die Reform in Stellung gebracht wird.Was fehlt, ist ein wenig Gelassenheit - wie beim bekannten Literaten Goethe.Dem war die konsequente Rechtschreibung "immer ziemlich gleichgültig".Das Abendland ist darüber nicht untergegangen.

ACHTUNG

Der Deutsche Wetterdienst bat uns folgende Suchmeldung zu veröffentlichen.Gesucht wird Frau Ursula Keller.Nähere Informationen gibt es unter http:// www.dwd.de/general/dkeller.html .

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