Zeitung Heute : Der Kuß der Küchenfee

GÜNTHER GRACK

Yim-Hos Film "Kitchen" nach Banana Yoshimotos RomanVON GÜNTHER GRACKDer Raum, in den sich das junge Mädchen verkrochen hat, liegt im Dunklen - schwach erhellt nur von dem gelben Licht, das aus dem Kühlschrank dringt.In ihrer Trauer um den Verlust der geliebten Großmutter ist Aggie dorthin geflüchtet, wo sie, nunmehr ganz allein, noch einen Hauch Nestwärme verspürt."Die Küche ist mein Lieblingszimmer", wird sie später, sehr viel später, einem Freund erklären: dem Friseur Louie.Und noch später, zum glücklichen Ende nach weiten Umwegen, wird sie ihn in der Küche ihrer neuen Wohnung mit der Frage empfangen: "Und, hast du Hunger?" Und diesmal wird der Raum in hellem, im hellsten Licht erstrahlen - überirdisch verklärt. Banana Yoshimotos Roman "Kitchen" hat seine junge Autorin in ihrem Heimatland Japan zu einer Kultfigur gemacht, zu einer Sprecherin ihrer Generation.Wie die beliebten shojo manga, munter kunterbunte, kraß kitschige Mädchen-Comics, zu denen er ein literarisches Gegenstück darstellt, ist "Kitchen" aus der Sicht der weiblichen Hauptfigur erzählt, also jener Aggie.Nicht so jedoch der Film, den Yim-Ho in seiner Heimatstadt Hongkong nach dem Roman gedreht hat und der jetzt, nach seiner Weltpremiere im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, in die Kinos kommt: hier ist der Junge der Erzähler, also Louie.Der Wechsel der Perspektive bewirkt eine gewisse Distanz zu der gefühlsseligen, von der Trauer um ihre Großmutter umflorten Heldin."Zum erstenmal in meinem Leben machte ich mit meinen eigenen Händen und Augen die Erfahrung, wie groß die Welt und wie tief ihre Dunkelheit ist, erlebte ich, von welch unendlicher Faszination, aber auch grenzenloser Einsamkeit sie ist" - solche Aggie-Suada erspart uns der Film.Louie, dieser sich cool gebende Junge, als Friseur stets up to date bis hin zur eigenen Frisur, einer schräg in die Stirn fallenden Tolle, setzt der Sentimentalität des Mädchens die erfrischende Unkonventionalität der Familie entgegen, in der er selber aufgewachsen ist.Wenn er den Trauerkloß Aggie in die Wohnung einführt, die er mit seiner Mutter teilt, sagt er in der chromblitzenden Küche von eben dieser Emma: "Sie liebt es, Geräte zu kaufen, aber sie kann nicht kochen." Worauf Aggie ihre Gastgeberin bitten wird, sie dies tun zu lassen. Bei aller Liebe zur Kochkunst, die Aggie noch um die ganze Welt treibt, ist Yim-Hos Film aber ganz und gar keine Materialschlacht um Herde, Töpfe und Pfannen geworden.Hier geht es ausschließlich um den Zusammenprall von Menschen - die zärtlichste wie die gewaltsamste Konfrontation.Louies Mutter etwa, in einem Nachtclub tätig, mondän, ohne irgend arrogant zu sein, kommt dem schüchternen Mädchen wie eine alte Freundin entgegen, spendet Aggie Trost, verwickelt sie in typische Frauengespräche - und dann stellt sich heraus, daß in ihr eigentlich ein Mann steckt, genauer: Louies Vater.Wie Aggie von Louie erfährt, hat sich sein Vater nach dem Tod seiner Frau, also Louies Mutter, einer Geschlechtsumwandlung unterzogen: "In seinem neuen Frauenkörper hält er den Geist seiner Frau am Leben." Welch ein liebenswürdiger Mensch! Allerdings wird diese Meinung nicht allerseits geteilt.Ein Herr Chiu, in Emma verliebt und geduldig um sie werbend, gerät, als er über ihre Vergangenheit aufgeklärt wird, außer sich und sticht das Objekt seiner Begierde in dem Lokal, in dem sie eben noch alle zusammen friedlich gespeist haben, mit einem Messer ab. "Wir leben, um zu lernen, wie man lebt", heißt Emmas Maxime in einem Brief an ihre Hinterbliebenen.Die Ballade von Aggie und Louie geht mit einer Trennung weiter, einer vorübergehenden freilich: Louie flieht in seiner Trauer aus dem heimatlichen Hongkong nach China in ein Bergdorf, von wo aus er Aggie wissen läßt, das Essen sei hier schrecklich, "überall Chili drin".Aggie folgt ihm nach, treibt ihn unter abenteuerlichen Umständen in dem Nest auf, aber bis sie sich ein für allemal wiederfinden, zurück in Hongkong, in jener neuen Küche, muß das Mädchen, das sich in der Kochkunst vervollkommnen will, einen Umweg über Europa machen. Die Liebe geht durch den Magen? Solch handfesten Wahrspruch plakativ zu illustrieren, ist sich dieser Film zu fein.Er entspricht eher einer Erkenntnis Aggies, das Leben sei "wie ein Kaleidoskop", und setzt seine Welt aus farbigen Bildern zusammen, die wässrig ineinanderfließen, und über alledem schwebt ein Mond, nach dem die jungen Liebenden mitunter greifen wie Schlafwandler.Was den Filmemacher Yim-Ho betrifft, so ist es ihm gelungen, bei seiner Gratwanderung zwischen Kitsch und Kunst nicht abzustürzen. Blow Up, Colosseum, Steinplatz, Gloria, Hackesche Höfe, Moviemento; Eiszeit (OmU) 

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