Zeitung Heute : Der lange Weg der Landreform

Nur eine Handvoll Schwarzer hat es bislang geschafft, übernommenes Farmland produktiv zu bewirtschaften

Stephan Hofstätter

Mit offensichtlichem Stolz inspiziert Charlie Vena seine Kohlfelder. Vor zwei Jahren verdiente er noch weniger als 800 Rand und musste die Anordnungen eines weißen Bosses befolgen. Nun ist Vena Mitglied in einem Zusammenschluss schwarzer Arbeiter, der eine kommerziell erfolgreiche Farm besitzt, und sein Lohn hat sich fast verdoppelt. „Ich verstehe jetzt mehr von der Landwirtschaft und bin in meiner Gemeinde angesehener“, sagt Vena. „Ich fühle mich als Mensch aufgewertet.“

Letztes Jahr fuhr die 350-Hektar-Farm des Sisonke Farming Trust im nördlichen Hochland der Provinz Eastern Cape ihre erste Ernte ein. Es waren genügend Mais, Kartoffeln und Kohl produziert worden, um einen Profit von 250 000 Rand zu erwirtschaften. Obwohl sie eine Dividende hätten einstreichen können, entschieden sich die Arbeiter dafür, in Geräte für die Bewässerung zu investieren. Für dieses Jahr erwarten sie einen größeren Profit.

Sisonke ist eines von etwa 2500 Projekten zur Neuverteilung, die seit 1994 von der Regierung mitfinanziert wurden. Doch außer Sisonke hat nur eine Hand voll die Vision der Regierung erfüllt, Land an Schwarze zu verteilen, ohne dass die landwirtschaftliche Produktion leidet.

1994 erbte die ANC-Regierung aus der Zeit der Apartheid eine unter den Rassen ungerecht aufgeteilte Landeigentümerstruktur. 87 Prozent des Farmlandes befanden sich in den Händen der Weißen, obwohl diese nur elf Prozent der Bevölkerung ausmachten. Die Übergabe von Land an Schwarze zählte zu den zentralen Zugeständnissen der ausgehandelten Vereinbarungen, mit denen Südafrika ohne Bürgerkrieg von der Minderheits- in die Mehrheitsherrschaft überführt wurde. Bis heute ist sie ausschlaggebend für den Erhalt der politischen Stabilität.

Die Regierung hat versprochen, 30 Prozent des Farmlandes bis 2014 an Schwarze zu übergeben. Vorsichtigen Schätzungen zufolge liegen die Kosten allein für das Land bei über 20 Milliarden Rand, doch nur ein Bruchteil dieses Betrags ist im Budget veranschlagt. Im Entwurf einer Charta zur finanziellen Besserstellung Schwarzer, der im Juni fertig gestellt werden soll, wird festgelegt, dass weitere 20 Prozent an Schwarze verpachtet werden sollen, so dass die Summe schließlich bei 50 Prozent liegt.

Gemessen an den bisherigen Ergebnissen, klingen diese Zahlen wie Wunschdenken. In den letzten zehn Jahren sind weniger als vier Prozent des Farmlandes – 3,5 Millionen Hektar – übergeben worden. Derzeit stammen weniger als fünf Prozent der Nahrungsmittel, die in kommerziellen Märkten angeboten werden, von schwarzen Farmern.

13 Millionen Hektar Stammesland wurden im berüchtigten Land Act von 1913 den Schwarzen vorbehalten. Das Land bestand größtenteils aus schlechten Böden, die durch Überbevölkerung bald ausgelaugt waren. Etwa 15 Millionen der ärmsten Südafrikaner – ein Drittel der Bevölkerung – lebt noch immer in diesen ehemaligen Reservaten. Die Landreform zielt vor allem darauf ab, dieses rassistische Erbe der Landverteilung rückgängig zu machen.

Das langsame Tempo der Neuverteilung hat wachsende Frustrationen unter den landlosen Bauern ausgelöst. Sie fordern, dass der Staat seine Politik der willigen Verkäufer und Käufer aufgibt und weiße Landbesitzer enteignet. Die ANC-Regierung hat noch keinen Gebrauch von einem kürzlich erlassenen Gesetz gemacht, das ihr erlaubt, weiße Farmer, die sich weigern zu verkaufen, ohne Gerichtsbeschluss zu enteignen. Die Regierung gerät auch von Seiten der Bürgergesellschaft immer stärker unter Druck. Blade Nzimande, der Führer der Kommunistischen Partei Südafrikas, hat das langsame Tempo der Landreform als „Pulverfass kurz vor dem Explodieren“ bezeichnet.

Doch Kritiker sehen in einer beschleunigten Neuverteilung von Farmland an ungelernte Schwarze eine Gefahr für die Nahrungsmittelversorgung und die Wirtschaft im Allgemeinen. Die Primärlandwirtschaft macht weniger als fünf Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Gleichzeitig gehen immer mehr kommerzielle Farmen in Südafrika wegen schlechter Böden, geringer Regenfälle und internationaler Konkurrenz durch subventionierte Güter Pleite. Laut offiziellen Statistiken vom Jahresanfang ist die Zahl kommerzieller Farmer in Südafrika im letzten Jahrzehnt von 60 000 auf 45 000 gesunken. Über 152 000 Farmarbeiter von insgesamt 1,1 Million, jeder mit durchschnittlich sechs abhängigen Angehörigen, haben ihren Job verloren. In manchen Fällen hing das damit zusammen, dass sich die Farmer den neu eingeführten Mindestlohn nicht leisten konnten oder rationalisierten. Nur 49 Prozent der Farmer machen Gewinne.

Manche Farmer befürchten, es sei ein zu hohes Sicherheitsrisiko, die Leute auf ihrem Land wohnen zu lassen. Über 1500 Farmer sind seit 1994 bei Überfällen auf Farmen ums Leben gekommen. Andere halten die neuen Auflagen für Arbeiterunterkünfte für zu beschwerlich oder zu teuer. AgriSA, die Vereinigung der kommerziellen Farmer, befürchtet vor allem, dass eine schnelle Landreform nicht ordentlich durchgeführt wird. „Wir sind nicht gegen die Landreform – wir wollen nur, dass sie produktiv und dauerhaft durchgeführt wird“, sagt Willie Auret, Vorsitzender der Zweigstelle der Provinz North West.

Auf einer Farm weiter südlich kann man sehen, wie die Landreform auf katastrophale Weise schief gehen kann. Das Areal von 680 Hektar wurde von einem deutschen Soldaten gekauft, der in den Grenzkriegen am Ostkap gekämpft hatte. Es blieb sechs Generationen lang in der Familie. Die Farm stand hoch über einer Ebene mit überaus fruchtbaren Schlickböden. Auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit Mitte der 1990er kaufte der Betrieb der ortsansässigen Pflanzenzüchterei jeden Monat 180 000 Setzlinge ab und versorgte die Märkte in benachbarten Kleinstädten und in Johannesburg mit Tonnen frischer Lebensmittel. Eine Molkerei mit 120 Kühen produzierte 2000 Liter Milch täglich, und in stabilen Ställen waren bis zu 1200 Schweine untergebracht. Die Farm hatte 60 Angestellte. Überfälle, bei denen zwei Familienmitglieder ums Leben kamen, veranlassten die Überlebenden, die Farm zu verkaufen.

1999 wurde sie von der ANC Women’s League gekauft, die sie ohne Betriebskapital übernahm und keinen Hauptverantwortlichen einsetzte. Innerhalb von sechs Monaten waren nur noch sechs Schweine und 49 Kühe am Leben. Felder, die einmal Tausende ernährt hatten und auf denen Dutzende von Arbeitern beschäftigt waren, liegen jetzt brach.

Fälle wie dieser nähren die Furcht der Weißen in Südafrika, dass das Land dem Beispiel Simbabwes folgt, wo Tausende kommerzieller Farmen gewaltsam übernommen und ruiniert wurden, so dass die Wirtschaft des ganzen Landes zusammenbrach. Hoch gestellte Politiker und Beamte haben jedoch wiederholt betont, dass die Gefahr einer Wiederholung in Südafrika nicht bestehe. „Die Gesetzgebung ist eindeutig“, sagt der Beauftrage für die Landverteilung, Tozi Gwanya. „In unserem Land wird die Landreform ordnungsgemäß und nach dem Gesetz ablaufen.“

Für Gwanya liegt die Lösung in einer engeren Zusammenarbeit zwischen Anspruchstellern und weißen Landbesitzern. „Es gibt viele Beispiele von afrikanischen Anführern, die weißen Siedlern aus Europa helfen, sich hier als Farmer niederzulassen“, sagt er. „Die Geschichte zeigt, dass Schwarz und Weiß Seite an Seite arbeiten und die Ressourcen dieses Landes teilen könnten. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel für alle Südafrikaner.“

Der Autor ist Redakteur der südafrikanischen Zeitschrift „Farmer’s Weekly“ und Spezialist für Fragen der Landreform. Aus dem Englischen von Susanna Nieder.

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