Zeitung Heute : Der letzte Dreh

Die Taktik: Mit aller Kraft und Gabriel die Landtagswahl gewinnen

Stephan-Andreas Casdorff

Am Stehtisch beim Wein, Scherze mit Schauspielern unter der Reichstagskuppel – auch Gerhard Schröder versteht sich auf Posen. Dass es ihm, dem Kanzler, nicht gut gehen könnte, muss er überspielen. Dass ein Kanzler jetzt sogar aus einer Fernsehsendung ausgeladen werden kann, darf keine Rolle spielen. Und für ihn nicht von Bedeutung sein. Neues Jahr, neues Glück. „Wir haben da Erfahrungen, wie man was dreht“, ruft Schröder jovial, und die SPD-Abgeordneten applaudieren. Die Wahl in Niedersachsen muss gewonnen werden – und zuweilen hilft bei Wahlen die Kraft der Autosuggestion. Im vergangenen Jahr hat er damit Glück gehabt.

Franz Müntefering, der Meister der „kurzen Sätze“, ist in Form. In dieser Hinsicht. Der Fraktionschef schaut ins Rund und sagt in kleinstem Kreis: „Ein bis zwei Prozent und dann knapp drüber, das sollten wir schaffen.“ Schaffen muss die SPD den Wahlsieg in Niedersachsen, der Heimat des Kanzlers, und noch trennen Sigmar Gabriel ein bis zwei, eher aber drei Prozentpunkte von der Chance, im Amt des Ministerpräsidenten zu bleiben – wenn er mit den Grünen eine Koalition eingeht. Nach der bisherigen Alleinregierung ist das die einzige rechnerische Alternative. „Ja und?“, sagt Müntefering. Ein Bündnis mit den Grünen würde ihn nicht stören. Und die Niedersachsen auch nicht, sie hatten schon mal eins: in der ersten Amtszeit Gerhard Schröders. Er hatte damals viel Glück.

Am Wochenende haben sie zusammengesessen, Gabriel und Schröder. Auf dieser Ebene, der privaten, verstehen sie sich gut, auf der anderen, der politischen, weniger. Elf bis zwölf Prozentpunkte mehr zu holen, um die absolute Mehrheit zu erreichen, ist „nicht zu schaffen“, weiß Gabriel. Frei nach Willy Brandt: 37 Prozent wären auch schon ein schönes Ergebnis. Aber selbst die werden nur zu schaffen sein, wenn Berlin hilft. Da muss was kommen, hat Wahlkämpfer Gabriel dem Kanzler zu verstehen gegeben. Denn die SPD kämpft auch intern gegen eine betonierte schlechte Meinung von Rot-Grün – allerdings im Bund. Im Land wollen die Menschen bisher mit Mehrheit den amtierenden Ministerpräsidenten, und der hofft, dass sich „das Gute doch noch durchsetzt“. So viel aber weiß die sozialdemokratische Basis in Niedersachsen: Glück allein hilft nicht.

Eine massive Anzeigenkampagne gegen die CDU und ihren Spitzenkandidaten Christian Wulff, um deren Kompetenz in Frage zu stellen, ist die niedersächsische SPD-Taktik. Und die der Berliner? Von der Bundes-SPD erwarten sich die Landespolitiker wenig: Ein Kaninchen, so wie vor der Bundestagswahl Peter Hartz, hat Schröder für seinen Nachnachfolger bisher nicht im Zylinder. Stattdessen registrieren die Wahlkämpfer, dass jeder Bundestagsabgeordnete „bar jeder Sachkenntnis“ den Ministerpräsidenten kritisieren könne, „nur weil es der große Gerd tut“. Gabriel muss jetzt darauf setzen, dass der Kanzler wirklich weiß, wie das zu drehen ist.

Eine Möglichkeit ist Zocken: Berlin geht davon aus, dass der Irak-Krieg noch rechtzeitig vor der Wahl am 2. Februar ein Thema wird und sich der Kanzler, unterstützt von den Bataillonen des Papstes, in seiner Ablehnung standhaft zeigt. Mit neuem Erfolg auch an den Wahlurnen. In Hannover baut Gabriel dafür vor: Er hat im Landeskabinett gesagt, die Amerikaner würden, „gleichgültig, was die Vereinten Nationen beschließen, einen Krieg beginnen“. Und mehr Katastrophenschutzübungen angeordnet, außerdem den Aufbau eines „Kompetenzzentrums Großschadensanlagen“. Pockenimpfstoff wird es in zehn Millionen Dosen geben.

Die zweite Möglichkeit ist Rechnen: Rechtzeitig vor der Landtagswahl überprüft der Finanzminister im Bund die Zahlen noch einmal – und siehe da, ein Vorziehen des nächsten Teils der Steuerreform ist doch möglich. Gabriel hat vorgerechnet, das Geld wäre da. Er denkt, wenn er Recht bekäme…dann könnte er als Regierungschef im Land vielleicht was drehen. Und der Regierungschef im Bund auch. Wenn sie Glück haben.

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