Zeitung Heute : Der letzte Kampf

Al Qaida und andere Terrorbanden machen zwischen Amerikanern, UN und anderen westlichen Nationen aus dem Westen keinen Unterschied. Alle sollen sterben

Frank Jansen

Das Weltbild von Al Qaida ist so brutal wie simpel. Die westlichen „Kreuzritter“ und die Juden müssen bekämpft werden, bis zum Tod. Überall auf der Welt, und jetzt vor allem im Irak. Schon vor dem Beginn des Militärschlags der Amerikaner erklärte ihnen Osama bin Laden wieder einmal den Krieg. „Wir betonen die Bedeutung von Märtyrer-Operationen, denn diese Angriffe haben die Amerikaner und Israelis geängstigt wie nichts zuvor in der Geschichte“, sprach der Al-Qaida-Chef auf ein Tonband. Anfang Februar strahlte der arabische Fernsehsender Al Dschasira die Drohung aus. Die sich außerdem gegen jeden Muslim richtet, „der Amerika hilft, Muslime im Irak zu töten – von den irakischen Heuchlern bis zu den arabischen Herrschern, wer auch immer an ihrer Seite kämpft oder ihnen Stützpunkte oder logistische Hilfe anbietet oder eine andere Form der Hilfe, selbst wenn es nur mit Worten ist“.

Die Hassparolen sind nicht ungehört verhallt. Ihre mörderische Wirkung scheinen die Amerikaner allerdings erstmals vor zwei Woche erkannt zu haben – nach dem schweren Anschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad. Zu den Tatverdächtigen gehöre die Gruppe „Ansar al Islam“, sagte US-Zivilverwalter Paul Bremer. Und: Die „Partisanen des Islam“ seien dabei, sich in Bagdad neu zu formieren. Sind sie nun auch verantwortlich für den Angriff auf das UN–Hauptquartier?

Sicherheitsexperten zählen die Gruppe zum Umfeld von Al Qaida. Ansar al Islam, etwa 400 bis 700 Mann, entstand im Sommer 2001 im Kurdengebiet im Nordirak. An der Grenze zu Iran erkämpften sich die „Partisanen“ einen kleinen Gottesstaat. Dann flohen Terrorschüler der Al Qaida hierher, als die Amerikaner Afghanistan attackierten. Schließlich experimentierte Ansar al Islam sogar mit Giftstoffen wie Zyankali und Rizin. Letzteres wurde in Tierversuchen getestet. Die Gruppe erschien den Amerikanern derart gefährlich, dass gleich zu Beginn des Irakkrieges Elitesoldaten gemeinsam mit kurdischen Milizionären den Ministaat überrannten. Ansar al Islam floh nach Iran. Und nun, so vermuten Experten, wenden sich die Gotteskrieger in den Zentralirak. Um sich getreu dem Aufruf bin Ladens am Kampf gegen die verhassten USA zu beteiligen.

Weitere Islamisten kommen vor allem über Jordanien und Saudi-Arabien in den Irak. Saudi-Arabien gilt bei Sicherheitsexperten als besonderer Problemfall. Das Königreich ist, obwohl mit den USA verbündet, ein Tummelplatz für Islamisten. 15 der 19 Attentäter des 11. September waren Saudis, und Osama bin Laden, der einem saudischen Clan entstammt, kann sich offenbar immer noch auf die Hilfe einflussreicher Landsleute verlassen. Womöglich auch auf Informanten in den saudischen Sicherheitsbehörden. Chef des königlichen Geheimdienstes war, bis zur plötzlichen Ablösung kurz vor dem 11. September, ein langjähriger Freund bin Ladens, der Prinz Turki Ibn Feisal. Er förderte nicht nur Al Qaida, sondern Islamisten weltweit. Mit Wissen der Amerikaner. Die sich dennoch zurückhielten.

Jetzt stehen sie im Irak einem diffusen Terrorbündnis aus versprengten Saddam-Fedajin und militanten Islamisten gegenüber. Terrorismusforscher sagen, es seien bereits tausende Gotteskrieger eingesickert. Härter noch als Saddams Anhänger sind sie auf eine Art letzten Kampf zwischen Gut und Böse eingeschworen. Der sich auch gegen die UN richtet, die bin Laden schon 2001 per Video verdammt hat. Weil die Vereinten Nationen „das unterdrückerische, tyrannische und arrogante Amerika unterstützen“.

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