Zeitung Heute : Der letzte Rest der Mauer

BERNHARD SCHULZ

In der Diskussion um die Gedenkstätte sollte es nicht um ein Stückchen wohldosierten Schreckens oder um eine Touristenattraktion gehen, sondern um das authentische Geschichtszeugnis.VON BERNHARD SCHULZEs hat Jahre gegeben, da das Gedenken an den Mauerbau nur mehr formelhaft vonstatten ging.Der 13.August verkümmerte seit den siebziger Jahren zum Pflichtprogramm.Die Wunde, die die Mauer in den lebendigen Organismus der Stadt geschlagen hatte, verheilte zwar nicht; wie auch, allen Erfolgen der Entspannungspolitik zum Trotz.Aber man hatte sich eingerichtet, und mehr und mehr Berliner - jedenfalls im Westteil der Stadt - nahmen das Monstrum schon nicht mehr zur Kenntnis, es sei denn zu Ferienbeginn beim unvermeidlichen Ausreisestau. Mittlerweile droht das Gedenken am 13.August neuerlich zur lästigen Routine zu werden - nicht so sehr die Erinnerung an den Mauerbau selbst, sondern die an die vor Jahren schon beschlossene Gedenkstätte.Gewiß hat der Senat gerade erst beschlossen, die Gedenkstätte nunmehr zu errichten; vielmehr, er hat den diesbezüglichen Beschluß bekräftigt, weil es dem Grundsatz nach nichts Neues zu entscheiden gab.Und so zieht sich denn die Errichtung weiter in die Länge, weil der Grundsatz nicht in Frage steht - seine Umsetzung dafür um so mehr.Kaum war die Kunde aus der Senatssitzung gedrungen, ertönten die bekannten Einwände, und das einzige, das sicher scheint, ist die Fortsetzung des Streites. Ein Bauzaun umgibt die Reste der Mauer an der Bernauer Straße, an der die Gedenkstätte entstehen soll.Er gibt den Blick frei auf einen allmählich verwildernden, einstigen Mauerstreifen.Der Ort ist unspektakulär.Nur die Erinnerung derjenigen, die die Mauer noch in Funktion kannten, vermag die Monströsität dieser "Grenzbefestigung" vor Augen zu stellen.Die harmlose Brache kann es nicht. Mittlerweile muß der klägliche Mauerrest regelrecht geschützt werden.Erst vor wenigen Monaten kam es zu dem unglaublichen Vorgang, daß entgegen allen Beschlüssen zur Bewahrung dieses Reststücks Teile herausgebrochen wurden, die nun, um das Maß vollzumachen, wiederhergestellt werden sollen.Schlimmer konnte es nicht kommen.Entstehen wird eine Mauergedenkstätte, die die Politik lange Jahre verzögert hat, die zumindest gewichtige Anrainer nicht wollen und die in Teilen nicht einmal mehr das sein wird, was zuallererst von einer solchen Stätte zu verlangen wäre, nämlich ein durchweg authentisches Geschichtszeugnis.Darum aber geht es.Es geht nicht um ein Stückchen wohldosierten Schreckens oder um eine Touristenattraktion, sondern um das authentische Geschichtszeugnis.Daß die Mauer nach dem Zusammenbruch ihres politischen Fundamentes in den Abendstunden des 9.November 1989 auch physisch so schnell verschwand, darf als das sichtbare Zeugnis der deutschen Wiedervereinigung dankbar erinnert werden.Die Geschichte von 28 Jahren Teilung indessen hat sich nicht gleichermaßen verflüchtigt.Die Mauer war mehr und bitterer als die Unbequemlichkeit von Ein- und Ausreise, als die sie von manchen nur mehr erinnert wird.Sie verneinte ganz elementar das, was die Grundlage unseres Gemeinwesens ausmacht: die persönliche Freiheit. Das Pathos, mit dem daran am 13.August erinnert wurde, als die Mauer noch stand, mochte sich abnutzen.Um so stärker wurden alle diejenigen Lügen gestraft, die sich mit der Grenzziehung abgefunden hatten, als der Beton wegbrach und die Menschen sich ihre Freiheit zurückeroberten.Daran zu erinnern, und zwar mit aller Kraft eines authentischen Zeugnisses der Geschichte, ist die Aufgabe einer Mauer-Gedenkstätte.Sie ist keine Angelegenheit der Denkmalpflege, sondern eine der Selbstvergewisserung des Gemeinwesens.Denn es geht im Kern darum, der Erinnerung an einen unglücklichen Abschnitt der deutschen Geschichte Anschaulichkeit zu geben; weniger für diejenigen, die diese Zeit erlebt oder erlitten haben, sondern für die, die nach ihnen kommen und im übrigen bereits einen beträchtlichen Teil der Einwohner Berlins ausmachen. Vielleicht erinnern sich die Beteiligten am Streit um die Bernauer Straße am heutigen, 36.Jahrestag des Mauerbaus, warum die Gedenkstätte errichtet werden soll, warum sie nötig ist und warum sie keinen weiteren Aufschub duldet.Einmal fertiggestellt, wird sie ohnehin Zeugnis ablegen davon, wie wir mit der Erinnerung an die deutsche Teilung umgegangen sind.Ein Ruhmesblatt ist es wahrlich nicht.

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