Zeitung Heute : Der letzte Tag

Der Bundestag hatte seine Immunität aufgehoben. Kurz darauf durchsuchten die Ankläger sein Haus. Und Jürgen W. Möllemann stürzte in den Tod.

Robert Birnbaum

Es ist ein kleines Flugfeld zwischen Raps- und Kornfeldern am Rand der Autobahn. Auf der A43 braucht man eine halbe Stunde von Münster bis zur Abfahrt Marl-Sinsen, dann noch zwei Minuten, dann ein weißes Abfertigungsgebäude: Regionalflugplatz Marl-Loemühle. Wenn die Fallschirmspringer kommen, bringt sie eine einmotorige Pilatus Porter in den Himmel über dem nördlichen Ruhrgebiet. Die Kühl- und Zechentürme der alten Stahlstadt Recklinghausen, die Lippe und der Dortmund-Ems-Kanal – bei klarer Luft muss das ganze Münsterland von da oben aus zu sehen sein bis zum Teutoburger Wald, der sich dünn wie ein Schnürsenkel durch die Ebene windet. Kein Ort zum Sterben.

Am Nachmittag hat die Polizei im hohen Gras neben der Landebahn ein Zeltdach aufgeschlagen gegen den Nieselregen, und darunter bewegen sich schwerfällig sechs Gestalten in weißen Overalls. Sie sichern die Spuren. Die Polizei wird später alles ganz genau ermitteln. Wann Jürgen W. Möllemann abgefahren ist, wann er in Marl angekommen ist. Dass dieser Fallschirmsprung mit den neun anderen Springern geplant war, weiß die Polizei jetzt schon, eigentlich für Mittwoch, wegen Gewitterwarnung dann verschoben. Die Polizei wird irgendwann auch geklärt haben, seit wann er wusste, was an diesem Tag alles geschehen würde. Es ist so viel geschehen an dem Tag, an dem Jürgen Möllemann starb.

Hinreichender Verdacht

Kurz vor halb eins im Bundestag ruft der Sitzungspräsident Hermann Otto Solms die Drucksache 15/1135 auf. Die Staatsanwaltschaften Düsseldorf und Münster beantragen die Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Jürgen W. Möllemann (fraktionslos). Im Reichstag gehen alle Hände nach oben. „Die Immunität des Abgeordneten Möllemann ist aufgehoben“, sagt Solms. Das ist normal so. Wenn eine Staatsanwaltschaft gegen einen Parlamentarier ermittelt und wenn die Ermittlungen einen hinreichenden Verdacht begründen, dann bittet sie das Parlament, die speziellen Schutzrechte ihres Mitglieds auszusetzen. Der hinreichende Verdacht gegen den Parlamentarier Möllemann ist hinreichend bekannt; Amtlich lautet er auf Steuerhinterziehung, Betrug, Untreue zu Lasten der FDP und Verstoß gegen das Parteiengesetz. Ein Wahlkampfflugblatt, finanziert aus unklaren Quellen, die der Verdächtige mit Tricks und Bareinzahlungen unter falschem Namen zu verschleiern suchte; eine Millionen-Abhebung von einem Konto in Luxemburg. Viel Gemunkel, wo das Geld her sein könnte – arabische Geldgeber? Vielleicht doch noch aus dem ominösen Fuchs-Spürpanzergeschäft mit Saudi-Arabien Anfang der 90er Jahre, das er damals als Wirtschaftsminister so befürwortet hatte? Gerüchte, billig zu haben. Er ist immer für ein Gerücht gut gewesen. Und erhat immer selbst mit Gerüchten jongliert, augenzwinkernd, mit Verschwörermiene. Möllemann, der Geheimnisvolle, der mehr weiß als andere – das war eine seinerRollen.

Wie das ist mit dem Fallschirm? Er hat es vor zwei Jahren selber in einem Gespräch mit dieser Zeitung beschrieben. „Ich habe einmal den Fehler gemacht, nicht zu kontrollieren, ob der Griff zum Öffnen des Schirms frei ist. Er war es nicht, und bei dem Affenzahn, bei 280 Stundenkilometern, kriegst du den nicht mehr raus. Ich wollte dann Reserve ziehen und habe den Daumen in einer Schnalle verhakt. Ich hatte noch ein paar Sekunden, ein paar hundert Meter, als der Reserveschirm aufging.“

Um 12 Uhr 28 geht die erste Eilmeldung über die Ticker: „Bundestag hebt Möllemanns Immunität auf.“ Die zweite Eilmeldung folgt keine Viertelstunde später: „Staatsanwaltschaft durchsucht Haus von Möllemann.“ In Münster haben die Fahnder auf das Okay aus Berlin gewartet. Die Presse auch. Die Kameras laufen, als kurz nach 12 Uhr drei Kombis auf dem Privatweg in Münster-Gievenbeck vorfahren. Die üblichen Herren in grauen Anzügen. Bevor sie klingeln können, geht schon die Tür auf. Die Haushälterin der Familie öffnet. „Wir haben einen richterlichen Durchsuchungsbefehl gegen Herrn Möllemann“, sagt einer der Männer. In Düsseldorf die gleiche Szene, wo in einem tristen Zweckbau die Firma WebTec Geschäfte macht, von denen der Inhaber Möllemann immer nur erzählt hat, dass sie ihm ein Leben problemlos auch ohne Politik erlauben würden. Auf Mallorca haben sie gewartet, in Luxemburg, in Liechtenstein. An 25 Orten zücken Kriminalbeamte und Staatsanwälte den Durchsuchungsbefehl, mehr als 100 Beamte sind an diesem Tag im Einsatz.

Um zehn nach zehn, sagt Wolfgang Kubicki, hat Möllemann ihn angerufen. „Watscheslaw“, hat Möllemann gesagt, „was machen die Autos und die Kameras bei mir um die Ecke?“ Möllemann hat seinen treuen Kubicki immer „Watscheslaw“ genannt, „Watscheslaw Kubitzki“. Der Schleswig-Holsteiner antwortete: „Der Bundestag wird gleich deine Immunität aufheben, und dann werden sie dein Haus durchsuchen.“ Nein, überrascht habe das seinen Freund nicht. „Er war völlig aufgeräumt. Er hatte ja auch nichts zu befürchten in dieser Phase des Verfahrens.“ Ein Selbstmord? Kubicki schüttelt den Kopf. „Es gibt für mich keinen logischen Grund.“

Was hat er immer für Witze gemacht über das Fallschirmspringen! Sein Lieblingsscherz ging so: Jürgen W. Möllemann schwebt bei einer dieser unzähligen Wahlkampf-Veranstaltungen vom Himmel – im vorigen Jahr immer im 18er-Verband, „das ist verdammt schwierig, die alle zu koordinieren“, hat er mal angemerkt –, schwebt also vom Himmel, landet, hakt den Schirm aus, stiefelt in der blau-gelben Springerkluft ans Mikrofon und sagt: „Merkwürdig.“ Da waren die Leute immer ganz still, weil sie spürten: Jetzt kommt was. „Merkwürdig“, sagt Möllemann, „wenn ich mit dem Fallschirm abspringe, klatschen die immer alle – bis zu dem Moment, wo der Schirm aufgeht.“ Verdutztes Schweigen im Publikum, dann Auflachen, dann Applaus.

Das Stehaufmännchen

Möllemann, auch das war eine seiner Rollen, konnte selbstironisch sein bis zum Schmerz – damals, in den besseren Tagen. Als er der Mann war, der die FDP in Bewegung hielt. Der Stellvertreter. Der Chef des größten Landesverbands. Der Erfinder der „Strategie 18“, der sich am Ende, knurrend, aber hilflos, seine ältesten Feinde gefügt hatten. Der Mann, vor dem sie zitterten, was ihm jetzt schon wieder einfallen würde, und vor dessen Einfallsreichtum und Redekunst sie immer wieder kapitulieren mussten. Möllemann konnte einem Parteitag den Kopf verdrehen. Damals, in den besten Zeiten.

Wie lange sind die her? Wer ihn getroffen hat in den letzten Wochen und Monaten, hat einen Mann gesehen, dem mit dem Einfluss der Witz vergangen war. Einer, der ernste Tiraden vortrug darüber, dass die Leute die Parteien leid seien. Vor ein paar Tagen noch war er bei „Sabine Christiansen“ als Paradiesvogel eingeladen, zusammen mit dem anderen prominenten Outsider des Politik-Geschäfts, Oskar Lafontaine. Viel zu sagen hatte Möllemann nicht. Dass er über eine eigene Partei nachdenke, natürlich.

Aber die ihn in diesen Wochen noch einmal abseits der Kameras erlebt haben, die haben nicht den Eindruck gehabt, dass das mit der Partei mehr war als ein Versuch, irgendwie doch noch dabei zu bleiben. Die FDP, hat er früher immer gesagt, sei doch seine Familie. Daran war so verdammt viel Wahres. Immer, immer ist er wiedergekommen, das ewige Stehaufmännchen, nach dem Rücktritt als Wirtschaftsminister, nach der Niederlage im Kampf um den Parteivorsitz gegen Wolfgang Gerhardt, nach der Niederlage im Kampf um den Kanzlerkandidaten-Titel. Immer wieder hat er neue Ideen gehabt, neue Intrigen geschmiedet, neue Pläne. Der „Quartalsirre“ – das Zitat stammt von Solms; es ist viel mehr hellsichtig, als es bösartig klingt, weil so viel von der ungeheuren Energie dieses Mannes darin steckt und so viel von seinem Scheitern. Hans-Dietrich Genscher, der sein Ziehvater war weit über das eigentlich Politische hinaus, hat ihm das Gleiche gesagt, nur väterlicher: „Im Grunde bist du manchmal dein schärfster Gegner.“ Kurz vor dem Ende, im Antisemitismus-Streit, hat der Ziehsohn den Spruch in letzter Konsequenz bewahrheitet: Alle hat er weggestoßen, sogar Genscher, und ganz zuletzt die FDP. Er, der den Kampf zum Ideal erhoben hat, hat aufgehört zu kämpfen. Sie sollten ihn wenigstens nicht hinauswerfen.

Im Bundestag hat er danach noch einmal hinten auf seinem Stuhl gesessen, das gab dann ein Foto in den Zeitungen mit milde spöttischen Unterschriften. Einmal, Ende März, hat er eine Presseerklärung verbreitet aus Düsseldorf, zum Irak-Krieg und zur Rolle, die Europa in der Welt spielen müsste. Der Inhalt war zwar ein bisschen wirr, aber das war nicht so wichtig. Wichtig war der Absender. Er lautete so : „Jürgen W. Möllemann MdB/MdL, Bundesminister a.D.“ Da hat einer ganz fest gehalten, was ihm längst entglitten war.

Flagge auf Halbmast

In Berlin, am Donnerstag um Viertel nach eins. In Guido Westerwelles Bundestagsbüro im Reichstag läuft immer der Fernseher mit einem Nachrichten-Kanal. Der FDP-Chef bereitet sich auf eine Pressekonferenz zu den neuen Arbeitslosenzahlen vor. Da liest er auf dem Laufband unten im Bild die Nachricht. Im Schrank seines Büros hängen stets zwei Ersatzanzüge. Den schwarzen streift er über. Es sind sieben Sätze, in die er seine Sprachlosigkeit legt. „Tragischer Tod“, „tiefe Betroffenheit“, „Mitgefühl“, „politische Verdienste“. Westerwelle liest langsam, holt tief Luft zwischen Worten. „Mehr möchte ich in diesen Stunden nicht sagen. Ich bitte um Ihr Verständnis“, lauten die letzten zwei Sätze.

Vor kurzem, vor dem Parteitag in Bremen, hat Westerwelle einmal geschildert, wie ihn der Kampf mit diesem Mann mitgenommen hat, diesem Münsteraner, der ihn hintergangen hat, hinter seinem Rücken das berüchtigte Flugblatt verteilte, der die FDP in eine Krise gestürzt hat wie nie zuvor und den er deswegen bekämpfen musste, wie es alle FDP-Vorsitzenden vor ihm tun mussten. Ob ihm jetzt hier vor den Kameras bewusst ist, dass er den Namen dieses Mannes gerade zum ersten Mal seit Monaten wieder ausgesprochen hat? Durch die Panoramafenster sieht man oben auf dem Dach des Reichstages die Deutschlandflagge im Wind. Sie hängt schon auf Halbmast. Das machen sie immer so beim Tod eines Bundestagsabgeordneten.

Auf dem kleinen Flugplatz Marl-Loemühle sind sie an diesem Donnerstag zu zehnt in die Pilatus Porter gestiegen. Alle haben vorher die Sicherheitseinrichtungen überprüft, auch Möllemann, seine Springer-Kameraden bezeugen es. Dann sind sie 4000 Meter hoch in den Himmel gestiegen. Möllemann ist als Letzter oder Vorletzter gesprungen. Sein blau-gelber Schirm hat sich ganz normal geöffnet, groß und deutlich haben die Initialen JWM noch einmal am Himmel gestanden. Dann, irgendwo bei 1000 Metern, flog Möllemanns Schirm weg. „Er muss ihn abgetrennt haben“, sagt einer, der alles gesehen hat und selbst ein erfahrener Springer ist. Kein Reserveschirm hat sich geöffnet, keine Automatik hat reagiert. Damals in dem Interview ist er gefragt worden, was einer denkt, wenn er im freien Fall stürzt, ob er an Zuhause denkt oder an sein Leben? Nichts von dem, hat Jürgen Möllemann geantwortet. „Sie denken nur: Das war’s, scheiß Spiel.“

Mitarbeit: Markus Feldenkirchen, Frank Polke

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