Zeitung Heute : Der Lotse geht von Bord

Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl über die gemeinsame Zeit mit Dieter Lenzen

Ursula Lehmkuhl

Einer Historikerin mag dieser Vergleich verziehen werden. Sehr weit hergeholt ist er nicht. Dieter Lenzen war ein Lotse, der nicht nur das Steuer fest in der Hand hielt, sondern als Systemtheoretiker immer auch den Steuerungsprozess beobachtete. Seine Beobachtungen sind sein Kompass. Ein verlässlicher Kompass, wenn man zurückblickt auf die Zeit seit 1999, als er als Erster Vizepräsident in das Präsidium der Freien Universität einzog.

Als ich 2002 den Ruf an die Freie Universität bekam, wurde ich von meinen Kollegen aufs Schärfste gewarnt, nur ja nicht an diese im Grunde nicht steuerbare Universität zu gehen. Tatsächlich ging es in den 1990er Jahren um das Überleben der Freien Universität. Ich habe damals genau hingesehen und war positiv überrascht. Der Erste Vizepräsident Dieter Lenzen hatte bereits 1999 Zielvereinbarungen mit den Fachbereichen eingeführt; die entsprechende Studie vom damaligen CHE-Chef Detlef Müller-Böhling war gerade erst erschienen. Zielvereinbarungen, Hochschulverträge und die dadurch gewonnene Autonomie in der Bewirtschaftung der Mittel, Aufhebung des Annuitätsprinzips und damit Abschaffung des November-Fiebers und vieles mehr ist mit der Präsidentschaft Dieter Lenzens verbunden. Er hat die Freie Universität zu einer modernen Universität gemacht – modern in dem Sinne, dass Eigenverantwortung der Fachbereiche und damit jedes einzelnen Kollegen gestärkt und das staatliche Gängelband praktisch abgeschafft wurde.

Er hat erfolgreich umgesteuert und damit die Freie Universität vor der Schließung bewahrt. Am 19. Oktober 2007 wurde die Freie Universität für diesen neuen Kurs mit dem Exzellenzstatus belohnt. Dieter Lenzen hat die Freie Universität zum Erfolg geführt – wider Erwarten und gegen die einhellige Meinung der überregionalen Presse. Die zurückliegenden zweieinhalb Jahre waren anstrengende, aber auch sehr spannende Jahre. Die Implementation der Exzellenzprojekte hat die Freie Universität erneut verändert. Als „International Network University“ gehört sie nun zu den 100 besten Universitäten weltweit.

Dieter Lenzen hat die Universität sicher durch Klippen und Untiefen gesteuert. Der Gegenwind in Form studentischer Proteste und Kritik, insbesondere von Seiten jener Kollegen, die sich als Verlierer der Exzellenzinitiative verstehen, ist dabei schärfer geworden. Ihm wird autokratisches Handeln vorgeworfen, dabei hat er vor allem „Leadership“ bewiesen. Nun geht er von Bord und sein Weggang ist ein großer Verlust für die Universität. Wäre er geblieben, so hätte er sein Projekt vollenden können. Was unter den gegebenen Umständen daraus wird, ist ungewiss. Aber nicht nur deshalb bedaure ich sein Gehen. Auch weil er die Universität zurücklässt in einer Situation, in der Steuern kaum mehr möglich ist, obwohl es dringend benötigt wird.

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