Zeitung Heute : Der Lustschrei der Ritterwanze

Harald Martenstein stellt seine Lieblinge unter den vielen Tieren und Pflanzen des Jahres vor – und fordert für 2008 eine Fünf-Prozent-Hürde.

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Bei den Tieren und Pflanzen des Jahres herrschen ähnliche Verhältnisse wie in der Parteienlandschaft der Weimarer Republik. Im Jahre 1928 sind 18 Parteien im deutschen Parlament gewesen, da hat niemand mehr durchgeblickt. Deswegen ist in der Bundesrepublik dann die Fünf-Prozent-Hürde eingeführt worden. Auf der Liste der Tiere und Pflanzen des Jahres 2007 stehen 25 Namen, dabei ist diese Liste des Naturschutzbundes vermutlich sogar unvollständig. Man brauchte auch in diesem Bereich eine Art Fünf-Prozent-Hürde.

Zusätzlich wird die Sache dadurch kompliziert, dass jedes Land der Erde über das Recht verfügt, in unbegrenzter Menge Tiere des Jahres zu ernennen. In der Schweiz war der Steinbock 2006 dran, in Deutschland bereits 1997. Der Apollofalter war 1995 Tier des Jahres – wieso nicht Schmetterling des Jahres? Den Titel gibt es doch auch. Und wann entdeckt die Schweiz den Apollofalter?

In den Zeitungen machen sie sich oft lustig über die Lebewesen des Jahres. Das klingt so hübsch skurril und klein kariert – Weichtier des Jahres, Regionale Streuobstsorte des Jahres, Flechte des Jahres. Puppenkernkeule. Bach-Nelkenwurz. Ritterwanze. Irgendwer muss dann immer die zehntausendste lustige Glosse über den skurrilen Namen Puppenkernkeule verfassen. Dabei ist das im Grunde gar nicht komisch. Zumindest nicht nur komisch. Die Tiere und Pflanzen sind ja zum Teil gefährdet, trotz ihrer sonderbaren Namen haben sie alle auf diesem Planeten eine sinnvolle Funktion und würden fehlen.

Tier des Jahres 2007 ist der Elch. 2006 war es, relativ unbemerkt, der Seehund, 2005 der Braunbär. Beim Braunbären haben die Naturschützer einen richtigen Riecher gehabt, denn bald darauf ist der sogenannte Problembär, den Boulevardzeitungen „Bruno“ tauften, über Italien und Österreich nach Deutschland eingewandert und wurde nach langer Wanderschaft und einer verwirrten Edmund-Stoiber-Rede von der bayrischen Obrigkeit erschossen, worauf es eine Debatte über das Wiedereinbürgern von Raubtieren gegeben hat. Den meisten Leuten ist in dieser Debatte klar geworden, dass Bär oder Wolf für den Menschen nur eine minimale Gefahr darstellen, andererseits es sich nicht wegdiskutieren lässt, dass sie nun einmal Raubtiere sind.

Man kann also nicht einerseits für eine möglichst natürliche Natur plädieren und für Wälder, die wieder so sind wie vor tausend Jahren, andererseits aber maximale Sicherheit und 100-prozentigen Schutz verlangen. Da ist ein Widerspruch, da muss man sich entscheiden. Diese Debatte wurde aber nicht durch die Ernennung des Bären zum Tier des Jahres ausgelöst, sondern durch Brunos disziplinloses Verhalten, vor allem sein gewohnheitsmäßiges Auffressen von Schafen.

Auch der Elch ist dabei, nach Deutschland zurückzukehren, und zwar von zwei Seiten aus. Sowohl in Brandenburg als auch in Bayern tauchen neuerdings manchmal Elche auf. Elche sind einzelgängerische Tiere, die Seen und Sümpfe mögen, unter anderem fressen sie Wasserpflanzen. Der Elch seinerseits, vor allem der alte und schwache, wird gern vom Bären gefressen, insofern passen die Neusiedler Bär und Elch biologisch gut zusammen.

Die Elchin heißt korrekt „Elchkuh“, der Elcherich wird „Schaufler“ genannt. Sie sind nicht vom Aussterben bedroht, in Europa leben etwa eine Million davon, dank des Naturschutzes mit steigender Tendenz. Ähnlich wie beim Bären gibt es starke Widerstände der deutschen Land- und Forstwirtschaft gegen ein dauerhaftes Comeback. Die konsequente Durch- elchung der deutschen Seenlandschaften würde wegen des starken Appetites des Elches nicht unwesentliche Kosten verursachen. Immerhin gibt es im Biosphärenreservat Oberlausitz ein offizielles Elchansiedelungsprojekt, dort gilt der Elch als nützlich, weil er mit seinem großen Maul – man beachte die Oberlippe, wie Humphrey Bogart! – die ständig vom Zuwachsen bedrohte Heide frei frisst.

Das größte Hemmnis gegen das Einelchen oder die Beelchung Deutschlands besteht in der Klimaveränderung. Der Elch ist ein Geschöpf des Nordens, kein Freund der Hitze, beim Klima weniger anpassungsfähig als der stets pragmatische Bär. Da sich in Deutschland immer mehr Lebewesen aus dem Mittelmeerraum ansiedeln und die Wasserpegel sinken, muss man auf lange Sicht die Chancen des Elches auf Wiedereindeutschung skeptisch beurteilen, es sei denn, der Elch entwickelt eine neue Unterart, den Mittelmeer-Trockenelch.

Ähnliches, nämlich eine Vorliebe für kühle und feuchte Lebensräume, gilt für die Blume des Jahres, die Bach-Nelkenwurz, welche Feuchtwiesen, Au- und Bergwälder schätzt und den Mittelmeerraum verabscheut. Die Bachnelkenwurz, bis zu 60 Zentimeter hoch und dank ihrer roten Blüten recht hübsch, ist quasi die feuchtere und kühlere Schwester der Echten Nelkenwurz, im Volksmund wird sie Herrgottsbrot genannt, die Wurzel wirkt antibakteriell und entzündungshemmend. Deswegen gilt die Nelkenwurz als Heilpflanze, welche sich auch zum Würzen von Speisen, zum Essen in Salatform und zum Aromatisieren von Likören eignet. Sie gilt als gefährdet, denn es gibt immer weniger kühle Feuchtwiesen – warum wohl?

Ein wenig bekanntes, obgleich gar nicht so seltenes Tier ist die Maskenschnecke, Weichtier des Jahres. Auch die Maskenschnecke bewohnt die feuchten, kühlen Wälder Deutschlands und begibt sich, anders als der ins Flachland verliebte Elch, mitunter in höhere Gebirgslagen. Die Maskenschnecke hat ein behaartes Schneckenhaus, beinahe ein Fell. Außerdem sitzen am Eingang des Schneckenhauses Zähne. An den Haaren der Schnecke haftet oft Schlamm oder Schmodder, auf diese Weise tarnt sie sich und deswegen heißt sie Maskenschnecke. Gefährdet ist auch sie nicht, außer, es gäbe in Deutschland eines Tages keine feuchten, kühlen Wälder mehr, stattdessen nur noch heiße und trockene Wälder, und dies ist ja keineswegs ausgeschlossen.

Die Entscheidung für Maskenschnecke, Bach-Nelkenwurz und Elch kann also durchaus als subtiler Protest gegen die Klimaveränderung interpretiert werden, ebenso wie die Wahl des Isländischen oder Lungenblutmooses, eines auf Eis und Schnee fixierten Tundra- und Hochgebirgsbewohners, zur Flechte des Jahres.

2007 ist das Jahr der Kaltlebewesen. Wenn es schon nicht schneit, dann soll man wenigstens hin und wieder das Lungenblutmoos betrachten.

Umso erstaunlicher, dass bei der Wahl zum Insekt des Jahres die Ritterwanze triumphierte, ausgerechnet dieses Geschöpf, welches dem Elch und der Bachwurz von ihrer Lebenseinstellung her so unähnlich ist wie nur möglich – die Ritterwanze liebt Wärme über alles, ist knallbunt, extrem gesellig und zumindest im sonnigen Süddeutschland keineswegs selten. Ritterwanzen laufen den ganzen Tag in Grüppchen emsig auf dem Boden umher, klettern Halme empor und saugen Pflanzensäfte. Sie haben wenige Feinde, da sie leicht bitter schmecken, offenbar so ähnlich wie Kräuterlikör oder Campari. Die herausragende Eigenschaft der Ritterwanze aber besteht in der Tatsache, dass diese winzigen Tierchen ihre Sexualpartner durch Schreie herbeirufen, die so laut und heftig sind, dass selbst das menschliche Ohr sie hören kann, und dass der anschließende Sexualakt bis zu 24 Stunden dauert, ein Verhalten, das selbst in der beim Paarungsverhalten so facettenreichen Natur als ungewöhnlich aufwendig gilt.

Schwer zu sagen, welche Botschaft für 2007 uns die Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft mit der Hervorhebung der lebenslustigen, heißblütigen Ritterwanze senden möchte. Interessanterweise hat die Deutsche Gesellschaft für Mykologie, die für den Pilz des Jahres Zuständigkeit beansprucht, sich auf ein ähnliches, nur etwas morbideres Themenfeld begeben. Die Puppenkernkeule, Pilz der Pilze 2007, pflanzt sich fort, indem ihre Sporen an Schmetterlingspuppen haften und dort eine tödliche Krankheit auslösen. Auf der Leiche des werdenden Schmetterlings, und sich von ihr nährend, wächst dann der leuchtend orangefarbene, etwa daumengroße Pilz. Er gilt von Alters her als Aphrodisiakum und wird angeblich auch als Dopingmittel für Sportler verwendet.

Arzneipflanze des Jahres ist nicht die Nelkenwurz, sondern der Hopfen. Der Hopfen ist so deutsch wie selten mal eine Pflanze. 37 Prozent des weltweiten Hopfens wächst bei uns. Er gehört zu den Hanfgewächsen. Bier und Haschisch sind weitläufige Verwandte, beide, Hopfen und Hanf, gelten als „psychoaktiv“, und zwar als beruhigend bis entspannend. Auch der Hopfen ist nicht vom Aussterben bedroht, die Bierindustrie würde dies niemals zulassen.

Die Lebewesen des Jahres 2007 befinden sich also, zusammenfassend gesagt, gottlob fast alle in sicheren Verhältnissen, das heißt: noch. Es darf nur nicht zu heiß werden. Wenn es zu heiß wird, verödet ein Teil der Natur, und wir werden niemals wieder den zurückhaltenden, zärtlichen Lockruf des Elches hören, stattdessen unablässig und laut bis zur Schmerzgrenze überall in Deutschland die entfesselten Liebesschreie der Ritterwanzen, und zwar 24 Stunden am Tag.

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