Zeitung Heute : Der Mann auf der Leiter

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Ich sitze im Theatercafé in Freiburg. Diese Tage sind so schön, einer wie der andere, dass man sich eigentlich nichts anderes vorstellen kann, als im Theatercafé zu sitzen und einen Eisbecher zu löffeln. Mit Pistazie, Pfirsich und Himbeere. Und mit einem kleinen silbrigen Sonnenschirmchen drauf gesteckt. Sitz da und iss dein Eis und finde, dass das Leben toll ist. Aber für mich ist es irgendwie nicht so toll, das Leben. Immer, wenn die Tage so schön sind und die Menschen alle so fröhlich aussehen und Mädchengelächter in der Luft hängt, stelle ich mir die Frage, wer ich eigentlich bin, was ich soll und wo es mit mir hingehen wird. Warum das ausgerechnet bei Sonnenschein so ist, weiß ich auch nicht. Weil vielleicht alles so hell ist und in mir drin nicht.

Ich bin gerade bei Pfirsich angelangt, als am Himmel über dem gegenüberliegenden Haus die schwankende Spitze einer Leiter auftaucht. Es ist eine wahnsinnig hohe Leiter, aus Aluminium, und sie schwankt bedrohlich hin und her. Dann sehe ich einen kleinen Mann Sprosse um Sprosse emporsteigen.

So ganz sicher wirkt er nicht. Er trägt eine blaue Latzhose. Über den Fenstern im ersten Stock stehen zwei Buchstaben an der Wand. Ein großes B und ein großes Ü, und ein großes C hat er in der Hand und schraubt es vorsichtig fest. Über ihm der strahlend blaue Himmel. Er wirft einen Blick nach unten, wo die Leute auf dem Gehsteig laufen. Eine Frau mit einem Zwillingskinderwagen kommt ganz gemächlich daher, 13 Radfahrer flitzen vorbei. „Voorsicht!“ schreit der Mann und setzt seine Füße eine Sprosse tiefer, dann noch eine, bis er schließlich wieder unten steht. Der Mann schiebt mit dem Fuß eine eiserne Kiste auf dem Pflaster nach rechts. Dann ruckelt auch die Leiter nach rechts. Der Mann entnimmt der Kiste ein H und steigt wieder schwankend in die Höhe. BÜCH steht jetzt da.

Ich ahne, wie es weitergeht. Die Buchhandlung Kraubner kenne ich. Müssen jetzt noch sämtliche Buchstaben da hinauf? Jawohl, sie müssen. „Voorsicht!“ Er muss damit sogar um die Ecke. Einmal stoße ich meinen Eisbecher beinahe um, als ich das Gefühl habe, dass die Leiter jetzt wirklich kippt, mitten in die Menschen hinein. Buchstabe um Buchstabe setzt sich fort. Die Sonne wandert um die Fassade herum. Ein städtischer Arbeiter mit einem Kehrwagen erscheint. „He du!“ schreit er.

Der Leiterbesteiger klettert mit dem Buchstaben U in der Hand wieder nach unten. Die beiden haben einen kleinen, heftigen Wortwechsel. Dann hebt der eine die Leiter hoch, der andere kehrt seinen Weg. Die Leiter wackelt. Ich bestelle mir einen Latte Macchiato. Ich habe nichts vor, das Ende will ich doch noch erleben.

Alle Buchstaben oben. Der Mann verschwindet in der Buchhandlung, zack! leuchten die Buchstaben. Bis auf einen. Ein A bleibt dunkel. Die Leiter wandert zu dem A. Die Latzhose steigt hinauf. Ich kann nicht genau erkennen, was er macht, aber jedenfalls leuchtet jetzt auch das A. Nun muss nur noch die Leiter waagerecht umgelegt werden. „Vorsicht, Vorsicht!!!“ Ein Mann wird angestoßen, aber er dreht sich nur um. Er schimpft nicht. Die Leiter wird zusammengefaltet und auf einem Lieferwagen verstaut. Der Mann steckt sich eine Zigarette an. Wenn man ihn jetzt fragen würde, wer er ist, würde er wahrscheinlich sagen Elektriker. Er steigt in sein Auto. Er hat seine Arbeit gemacht. Er ist jemand. Er ist Elektriker. Und ich? Wer bin ich? Was soll ich werden? Wo soll es mit mir hingehen – an diesem wunderschönen blauen Frühlingstag in Freiburg.

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