Zeitung Heute : Der Mann, der Italien antrieb

Ich liebe den Wind, weil man ihn nicht kaufen kann, sagte Gianni Agnelli einst. Er war der Chef von Fiat und ein ungekrönter König. Bis zuletzt hatte er erfolglos versucht, das angeschlagene Familienunternehmen zu retten. Gestern starb der Patriarch im Alter von 81 Jahren in Turin.

Vito Avantario,Ursula Weidenfeld

Von Vito Avantario und

Ursula Weidenfeld

Niemand weiß, ob er jemals jemanden geliebt hat. Liebe ist etwas fürs Personal, soll er seiner Schwester Susanna einmal gesagt haben. Seine Frau, eine neapolitanische Prinzessin, hat sich damit abfinden müssen, dass er eheliche Treue für ein kleinbürgerliches Missverständnis hielt. Sein sensibler und weicher Sohn Edoardo muss unter der eisernen Strenge des Vaters gelitten haben. Nur sein Unternehmen, das er von seinem Großvater übernahm, hat davon profitiert. Er machte es zur größten Firma Italiens. Fiat war Italien. Und er, Giovanni Agnelli, den alle nur Gianni nannten, war Fiat.

Gianni Agnelli ist tot. Der Mann, der einmal gesagt hat, er liebe den Wind, weil man ihn nicht kaufen kann, ist gestern an Krebs gestorben. Die Fiat-Aktie reagierte darauf zunächst einmal mit einem Kurssprung. Der Tod des Patriarchen, so hieß es gestern an der Mailänder Börse, mache endlich den Weg frei. Den Weg für die Zerschlagung von Fiat, für den Einstieg von General Motors in der Autosparte, für die Banker, die dem Unternehmen seit Jahren Geld gaben, ohne es auch lenken zu dürfen.

Die Gleichung, dass Agnelli Fiat und dass Fiat Italien sei, stimmte schon lange nicht mehr. Mit dem Aufstieg Silvio Berlusconis in der italienischen Unternehmenslandschaft und in der italienischen Politik ist ein neues Italien entstanden. Jetzt streift das Land seine Nachkriegsgeschichte, Gianni Agnelli und seine Familie ab.

Fiat zerfällt

Es ist, als habe der Krebs zuerst die Firma des Partiarchen und dann den Patriarchen selbst befallen. Der Fiat-Konzern zerfällt. Seit Jahren. Zuerst musste die Regierung für jedes Auto, das verschrottet wurde, Prämien ausloben. Damit überhaupt noch jemand Fiats kauft. Dann bestellte die römische Regierung geräumige BMWs. Und schließlich fuhren selbst Mitarbeiter des Konzerns in ausländischen Autos zur Arbeit. Männer, die Gianni Agnelli getroffen haben, die ihn verehren, sein Foto in der Brieftasche mit sich herumtragen: Wenn sie ein Auto kaufen wollen, entscheiden auch sie sich immer öfter für ein anderes Modell. Fiat, der Konzern, der Autos baut und Zeitungen druckt, der eine Telefonfirma ist und ein Reisebüro, der Traktoren herstellt und Ferraris, Fiat ist unheilbar krank, sagen Analysten. Sie prophezeien, dass es nur Monate dauern wird, bis Agnellis Bruder Umberto das Unternehmen gemeinsam mit den Banken und General Motors, dem größten Autohersteller der Welt, portioniert, zerteilt und verkauft habe.

1966 hatte Gianni Agnelli die Präsidentschaft des italienischen Autokonzerns übernommen. Unter seiner Regie wurde Fiat zum Herzen des italienischen Familienkapitalismus. Es wurde zu einem Staat im Staat. Nachdem Agnelli sich die Konkurrenten Lancia (1969) und Alfa Romeo (1986) einverleibt hatte, nahm die Macht von Fiat absurde Ausmaße an: Der Konzern hatte mit einem Marktanteil von fast 60 Prozent eine monopolähnliche Stellung auf dem italienischen Markt.

220000 Mitarbeiter waren in Bestzeiten weltweit für den Mischkonzern tätig. Und fast jeder der Mitarbeiter war der festen Überzeugung, dass Gianni Agnelli ihn persönlich kenne. Immer wieder tauchte der Firmenchef am Band auf, erschien auf Firmenfesten und drückte Pensionären die Hand. Der Mann, der seiner Familie gegenüber bisweilen unnahbar und kalt war: Seine Mitarbeiter verehrten ihn glühend. Der Alte sei immer sehr distanziert zu seinen beiden Kindern gewesen, heißt es. Sohn Edoardo soll ihn, so geht die Legende, als Kleinkind einmal strahlend, mit hochgeworfenen Armen und dem Ruf „Papi, Papi!“ begrüßt haben. Gianni Agnelli ging an dem Jungen vorbei und begrüßte zuerst den Hund.

Rund eine Million Menschen waren zeitweise abhängig vom Erfolg des Familienunternehmens aus dem Piemont. Weil die Familie Agnelli tausenden Vätern Arbeit gab, nahm der Clan die legitime Nachfolge des italienischen Königshauses ein. Gianni war der ungekrönte König Italiens. In Rom residierten die Agnellis in einer Villa direkt gegenüber der des Staatspräsidenten, in Turin richtet sich die Frage nach der besten Adresse der Stadt selbstverständlich am Wohnhaus der Agnellis aus.

Die nach dem verlorenen Weltkrieg desillusionierte und vaterlose italienische Gesellschaft erhob den Mann mit dem Caesarenprofil zum Mythos: Gianni Agnelli hatte Stil und Charme – und das brachte ihm in den Augen der Italiener viel Ruhm ein. Generationen von Männern ahmten seine eigenwillige Art sich zu kleiden nach. Er trug stets die Armbanduhr über dem Ärmelbund, die Krawatte über dem Pullover und Sportschuhe zum Anzug. Im modebesessenen Italien war er der Erste, der die aus Amerika von den Brooks Brothers stammenden Button-Down-Hemden trug. Es dauerte nicht lange, bis es kaum noch einen Italiener gab, der seinen Kragen nicht am Hemd festgeknöpft hätte.

Gianni Agnelli war vielleicht der erste Playboy: In den 60er Jahren wurden ihm Affären mit der Hollywood-Diva Rita Hayworth und mit der Sexbombe Anita Ekberg nachgesagt. Seine Ehefrau, die blaublütige Marella Carracciolo, hat unter den Affären ihres Mannes nicht wenig gelitten, auch wenn Agnelli stets diskret damit umging. Jedenfalls blieb Marella immer an seiner Seite.

Neben dem Geld, den Frauen und der Mode (in dieser Reihenfolge) gab es noch eine andere Leidenschaft im Leben von Gianni Agnelli, und sie war seine größte: der Sport. Auch hier gab sich der stets rastlose Geschäfts- und Lebemann nie mit Mittelmaß zufrieden. Fiat ist bis heute Hauptsponsor des Formel-1-Weltmeisters Ferrari, und dazu Mäzen des erfolgreichsten italienischen Fußballklubs, Juventus Turin. Die Spiele der „Signora“ – der alten Dame, wie Juve in Italien liebevoll genannt wird – verfolgte er bis ins hohe Alter oft von der VIP-Tribüne des „Stadio Delle Alpi“ aus.

Er hat sich selbst ausgelöscht

Siegen war das Lebensprogramm von Gianni Agnelli. Gefühle dagegen verachtete er. Sie erschienen ihm ein Mangel an Selbstdiziplin zu sein. Gianni Agnelli – bei ihm habe die Form das Sein verdrängt, sagte der Schriftsteller Cesare Garboli. Wirklich gekannt habe ihn niemand, nicht einmal seine Familie. „Gianni Agnelli hat sich selbst ausgelöscht, sein eigenes Ich aufgegeben zu Gunsten der Form.“ Das galt offenbar auch für die Gesellschaften und die Empfänge, die die Agnellis gaben: Schönere, pompösere und aufwändigere Essen als bei Agnellis habe es nie gegeben, berichtete eine der ersten Damen der italienischen Gesellschaft. Nur satt sei man leider nie geworden.

Am Ende seines Lebens verließ Gianni Agnelli das Glück. Sein Neffe Giovanni Alberto starb 1997 im Alter von 33 Jahren an einem seltenen Darmtumor, der Junge, der doch den Fiat-Konzern übernehmen sollte. Zwei Jahre später ein weiterer Schicksalsschlag: Sein Sohn Edoardo stürzte sich von einer Autobahnbrücke. Edoardos Depressionen und Drogenprobleme waren bekannt, aber öffentlich wurde darüber nie berichtet. Frauenzeitschriften schrieben nach Edoardos Freitod auf der Titelseite, dass Gianni Agnelli geweint habe. Der Tod des Sohnes hat ihn zerbrochen. Gianni Agnelli zeigte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit, wurde schwer krank.

Zuletzt hatte er sich noch einmal in seiner Residenz in Villar Perosa bei Turin aufgerafft, er wollte das Desaster um den Familienkonzern abwenden. Seine Kräfte haben nicht mehr gereicht.

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