Zeitung Heute : Der Mann, der seine Wut verlor

Er war der deutsche James Dean. Sie nannten ihn Hotte. Ein Rebell gegen die Obrigkeit. Dann kam er nach Amerika und musste SS-Offiziere spielen. Der Schauspieler Horst Buchholz ist einen sehr weiten Weg gegangen. Er war fast ein Weltstar. Gestern ist er in der Berliner Charité gestorben.

Harald Martenstein

Der höchste Adelstitel, den Berlin für seine Lieblinge zu vergeben hat, ist ein Kosename. Oft sind es zweisilbige. Sie klingen unsentimental, kurz und hart, sind aber nicht so gemeint. Hilde. Pfitze. Hotte. Wer es in diese Liga geschafft hat, der ist unsterblich, zumindest in Berlin.

Er war sehr dünn geworden. Zeitweise hatte er noch sechzig Kilo, bei fast ein Meter achtzig Körpergröße. Er rauchte ziemlich viel, aß ziemlich wenig und trank reichlich Wodka dazu. Bei seinem letzten Tagesspiegel-Interview zog er mit dem Reporter durch seine Lieblingskneipen, das „Bovril“, das „Mo“, die Gegend am Ku’damm und um den Savignyplatz, das leicht angewelkte Herz des alten West-Berlin. Manchmal sprachen ihn alte Fans an, vor allem weibliche. Der Kreis des Lebens hatte sich für ihn geschlossen, oder? Er wirkte zerbrechlich, in seinem grauen Mantel, den er fast immer trug. Er war im Sanatorium gewesen, kämpfte mit einer Lebensmittelvergiftung, eine Zeitung hatte ihn sogar schon einmal totgesagt. Dann, an einem eisigen Tag im Januar, brach sich Horst Buchholz den Oberschenkelhals, davon hat er sich nicht mehr erholt.

Hotte war ein auffällig hübscher Junge. Es gab sogar mal originalgetreue Hotte-Puppen, hergestellt in einer Nürnberger Spielzeugfabrik. Fast jede Hotte-Geschichte kreiste erst einmal um sein Aussehen. Er war der Mann, der nicht älter werden durfte. Das war natürlich nicht zu schaffen. Er wurde älter. Aber alt wurde er nicht.

Horst Buchholz hieß in den USA zeitweise Henry Bookholt. Er war ein Schuhmachersohn aus dem Bezirk Prenzlauer Berg, Jahrgang 1933, der nach dem Krieg von der Kinderlandverschickung aus Schlesien zurückkam, Essen klaute und sich im Nachkriegschaos irgendwie durchschlug. Das Theaterspielen fing er mit 14 Jahren an, als Statist am Metropol. Zum Star wurde er 1956, als Kleingangster Freddy Borchert in dem Film „Die Halbstarken“, an der Seite der Schauspielerin Karin Blauermel aus Wedding, genannt Karin Baal.

Horst Buchholz sei der deutsche James Dean, hieß es seitdem. Ein Rebell ohne erkennbares Motiv. Mehr noch: Ein Rebell, der nicht weiß, gegen wen er rebellieren soll. Es gibt keinen ebenbürtigen Gegenspieler, keine starke Vaterfigur in „Die Halbstarken“. Eigentlich sind die Söhne stark, und die Väter sind halbstark. Das ist in vielen deutschen Filmen dieser Zeit so. Den „Halbstarken“ fehlt nur noch ein einziger Schritt, der Schritt ins Politische, dann werden 68er aus ihnen. Buchholz war ihr erster Prophet.

Es schien so, als würde er aus Deutschland hinauswachsen. Er war auf dem Weg zum internationalen Star. Aber er ist es nicht ganz geworden, im Gegensatz zu der Frau, deren Geliebter er eine Zeitlang war: Romy Schneider. Horst Buchholz heiratete aber zur Enttäuschung der Boulevardpresse nicht etwa Romy, sondern deren fast unbekannte Kollegin Myriam Bru, die erste Frau, die sich in der „Bild“-Zeitung im Bikini abbilden ließ. Sie lebte zuletzt in Paris, er in Berlin. Eine Scheidung werde es nie geben, sagte er.

Um 1960 herum erreichte Hottes Karriere ihren Höhe- und Wendepunkt. Er hatte in Georg Tresslers „Totenschiff“ einen starken Eindruck hinterlassen und als „Felix Krull“ gezeigt, dass er auch komisch sein kann. Jetzt wollte er nach Amerika. In den „Glorreichen Sieben“ spielte er neben Yul Brynner und Steve McQueen. Dann holte ihn Billy Wilder für „Eins, zwei, drei“. Was für eine Chance! Es wurde, nach den „Halbstarken“, der zweite große Film seines Lebens. Horst Buchholz war diesmal beides, halbstark und komisch. Dass er als Typ weicher war als James Dean, dass man das bis in den Tod Kompromisslose nicht ganz so leicht abnahm: In dieser Rolle war es genau richtig. Er spielte einen überzeugten Kommunisten, der sich im geteilten Berlin in eine Coca-Cola-Filialleiters-Tochter verliebt, sozusagen in den fleischgewordenen, in Sinnlichkeit verwandelten Kapitalismus.

„Eins, zwei, drei“ war wunderbar, aber nie ist ein so wunderbarer Film zu einer so unpassenden Zeit herausgekommen. Plötzlich wurde die Mauer gebaut, und niemand wollte eine leichte, ironische, augenzwinkernde Geschichte über den Ostwestkonflikt sehen. Die herrschende Stimmung war tragisch, wütend, ratlos, jedenfalls nicht komisch. Das war ein großes Pech für Billy Wilder, aber vielleicht ein noch größeres für Horst Buchholz. „Eins, zwei, drei“ wurde erst viele Jahre später ein Hit.

Horst Buchholz musste in den kommenden Jahrzehnten im internationalen Kino sehr oft den Nazi spielen und im deutschen Fernsehen den Liebhaber mit den grauen Schläfen, außerdem war er ein Spezialist für die Darstellung historischer Persönlichkeiten: Marco Polo, Cervantes, Johann Strauß. Er war fast immer gut im Geschäft, er hat wirklich in sehr vielen Filmen aus vielen verschiedenen Ländern mitgespielt. Aber die Erinnerung an ihn als Person, an „Eins, zwei, drei“ und an die „Halbstarken“, wird den Ruhm von „Mörderbienen greifen an“ oder „Im Wendekreis der Begierde“ bei weitem überstrahlen. Wim Wenders setzte ihn als amerikanischen Gangster ein, das war „In weiter Ferne, so nah“ und sah schon fast wie ein Schlusspunkt aus. Aber Horst Buchholz hatte noch einen großen Film vor sich.

Roberto Benignis „Das Leben ist schön“ ist eine Komödie. Man muss sich diese Handlung vorstellen: Ein jüdischer Vater kommt mit seinem Sohn in ein KZ, er versteckt das Kind und wird kurz vor der Befreiung erschossen. Dem Sohn spielt er die ganze Zeit etwas vor. Alles sei nur ein Spiel, die Nazis seien nicht wirklich böse. Denn er will die Seele des Kindes retten. Es ist tatsächlich eine glaubwürdige Komödie, und Horst Buchholz spielt darin einen gutmütigen SS-Offizier. Er ist nicht böse, nur gleichgültig. Er hat nichts gegen den Juden, er mag ihn sogar. Es fällt ihm nur nicht ein, ihm zu helfen. Er ist ganz in sich selbst versponnen, ein zerstreuter Geistesmensch. Buchholz spielt ihn so, dass er wie ein Spiegelbild des deutschen Bürgertums aussieht, das 1933 resigniert aufgab. So hat er tatsächlich beides verkörpert: die Rebellion und die Resignation. Den Nazivater und den Rebellensohn. Und in beiden Rollen war er gut. Nicht viele Schauspieler sind einen so weiten Weg gegangen.

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