Zeitung Heute : Der Mann, der zu viel wusste Es ist gar nicht lange her, da gab es einen, der

Georg W. Bush in vertraulicher Runde vor einem Irak-Krieg warnte. Nicht irgendeiner: Außenminister Colin Powell./Von Bob Woodward

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„Mit seinen Notizen neben sich, einem locker geschriebenen Text auf einzelnen Blättern, sagte Powell, der Präsident müsse berücksichtigen, was ein militärisches Unternehmen gegen den Irak in der arabischen Welt auslösen würde. Hexenkessel war das passende Wort.“

Anfang August 2002 machte USAußenminister Colin Powell diplomatische Besuche in Indonesien und auf den Philippinen, und wie stets hielt er Tuchfühlung mit dem, was zu Hause geschah. Der Irak brodelte weiter. Brent Scowcroft, der sanftmütige Sicherheitsberater von Bushs Vater während des Golfkriegs, hatte in einer Talkshow am Sonntagmorgen, dem 4. August, erklärt, ein Angriff gegen den Irak könne den Nahen Osten in einen „Hexenkessel“ verwandeln „und so den Krieg gegen den Terrorismus kaputtmachen“.

Grobes Gerede, aber Powell stimmt im Grunde zu. Er hatte dem Präsidenten seine eigene Analyse und die Schlussfolgerungen daraus noch nicht deutlich gemacht, und er erkannte, dass er das tun musste. Auf dem langen Rückflug um nahezu die halbe Welt, machte er sich einige Notizen. Bei praktisch allen Diskussionen im Nationalen Sicherheitsrat zum Thema Irak war es um Kriegspläne gegangen – wie man angreifen sollte und wann, mit wie vielen Truppen, hier ein Angriffsszenario und da ein Angriffsszenario. Es war ihm jetzt klar, dass der Bezugsrahmen verloren ging, nämlich die Haltungen und Ansichten der übrigen Welt, die er kannte und mit der er umging. Seine Notizen füllten drei oder vier Seiten.

Als er während des Golfkrieges Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs gewesen war, hatte Powell die Rolle des vorsichtigen Soldaten gespielt und dabei gegenüber dem ersten Präsidenten Bush, möglicherweise etwas zu gedämpft, argumentiert, dass die Eindämmung des Irak funktionieren könne, dass der Krieg möglicherweise nicht notwendig sei. Doch hatte er als der wichtigste militärische Berater seine Argumente nicht mit äußerster Kraft durchgedrückt, weil sie weniger militärisch als politisch waren.

Nun, als Außenminister war Politik – Weltpolitik – sein Verantwortungsbereich. Er beschloss, dass er deutlich werden musste, seine Überzeugungen und Schlussfolgerungen aussprechen musste, so dass es keinen Zweifel darüber gab, wo er stand. Der Präsident hatte eine ganze Menge von seinem Vizepräsidenten Dick Cheney und von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu hören bekommen, die innerhalb des Kriegskabinetts eine Art A-Mannschaft bildeten. Powell wollte das B-Team präsentieren, die alternative Sichtweise, von der er glaubte, sie sei bisher nicht geäußert worden. Er schuldete dem Präsidenten mehr als „Powerpoint“-Präsentationen.

Wieder in Washington, teilte er Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice mit, er wolle den Präsidenten sprechen. Bush lud die beiden am Montagabend, dem 5. August, in seine Residenz ein. Die Begegnung ging in ein Dinner über und wurde dann in das Büro des Präsidenten in der Residenz verlegt.

Powell teilte Bush mit, er beschäftige sich jetzt intensiv mit der Irak-Frage, er müsse über die weiteren Zusammenhänge nachdenken, über alle Konsequenzen eines möglichen Krieges.

Mit seinen Notizen neben sich, einem locker geschriebenen Text auf einzelnen Blättern, sagte Powell, der Präsident müsse berücksichtigen, was ein militärisches Unternehmen gegen den Irak in der arabischen Welt auslösen würde. Hexenkessel war das passende Wort.

Als Außenminister hatte er es mit den Regierungschefs und Außenministern dieser Länder zu tun. Es sei zu befürchten, dass die gesamte Region destabilisiert würde – befreundete Regime in Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien könnten in Gefahr geraten oder stürzen. Zorn und Enttäuschung über Amerika waren reichlich vorhanden. Ein Krieg konnte im Nahen und Mittleren Osten alles ändern. Er würde fast allem anderen, was die Vereinigten Staaten taten, den Sauerstoff entziehen, nicht nur im Krieg gegen den Terror, sondern auch allen anderen diplomatischen, militärischen und geheimdienstlichen Beziehungen, sagte Powell. Die ökonomischen Implikationen konnten katastrophal sein und möglicherweise die Ölversorgung und den Ölpreis in Regionen treiben, die man sich bislang überhaupt nicht vorstellen konnte. Und dies in Zeiten einer weltweiten Wirtschaftsrezession. Die Kosten einer Besetzung des Irak nach einem Sieg würden unvorstellbar hoch sein. Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Region, auf die Welt und auf die Vereinigten Staaten im Inneren mussten berücksichtigt werden.

Die Folgen wären gigantisch

Nach einem Sieg, und sie würden gewiss Erfolg haben, da war sich Powell sicher, wären die Folgen gigantisch. Wie sähe das aus, wenn ein amerikanischer General für längere Zeit ein arabisches Land leitete? Ein General MacArthur in Bagdad? Das wäre eine Ungeheuerlichkeit für den Irak, für die Region und für die Welt. Wie lange sollte sich das hinziehen? Niemand konnte das wissen. Wie würde Erfolg definiert?

„Es ist prima zu sagen, dass wir das allein erledigen können“, sagte Powell dem Präsidenten ganz offen ins Gesicht, „nur können wir das nicht schaffen.“ Ein erfolgreicher Kriegsplan setze Stützpunkte und Einrichtungen in der Region sowie Überflugrechte voraus. Man würde Verbündete benötigen. Es wäre nicht der Golfkrieg, der nicht viel mehr war als ein netter zweistündiger Ausflug von einem voll auf Zusammenarbeit eingestellten Saudi-Arabien nach Kuwait-Stadt – das Ziel der Befreiung lag damals nur 40 Meilen entfernt. Die Geographie wäre schwierig. Bagdad liege ein paar hundert Meilen weit weg, ganz Mesopotamien wäre zu durchqueren.

Die Nahostkrise war immer noch allgegenwärtig. Sie war das Problem, das die arabische und islamische Welt angegangen sehen wollte. Ein Krieg gegen den Irak würde Israel einem Angriff durch Saddam aussetzen, der während des Golfkriegs Scud-Raketen eingesetzt hatte.

Saddam war ein Verrückter, eine Bedrohung, eine wirkliche Gefahr, er war unberechenbar, aber während des Golfkriegs war es weitgehend gelungen, ihn einzudämmen und abzuschrecken. Ein neuer Krieg könne genau das auslösen, was man verhindern wolle – Saddam würde toben, in einem letzten Verzweiflungskampf würde er möglicherweise seine Massenvernichtungswaffen einsetzen.

Was die nachrichtendienstliche Seite der Angelegenheit angehe, sei, wie der Präsident ja wisse, das Problem ebenfalls gewaltig, sagte Powell. Sie hatten es nicht geschafft, Bin Laden, Mullah Omar und die anderen Führer von Al-Qaida und Taliban in Afghanistan zu finden. Sie wussten nicht, wo Saddam steckte. Saddam kannte alle Arten von Kniffen und Tricks. Ihm stand ein ganzer Staat zur Verfügung, um sich zu verstecken. Sie sollten sich besser nicht auf eine weitere, möglicherweise erfolglose Menschenjagd einlassen.

Powells Darstellung war ein aus Analyse wie Emotion gespeister Ausbruch, der seine gesamte Erfahrung umfasste – 35 Jahre im Militär, als früherer nationaler Sicherheitsberater und nun als Außenminister. Der Präsident schien interessiert, während er zuhörte, und stellte Fragen, gab aber kaum Kontra.

Und Powell erkannte, dass seine Argumentation zur Frage aufforderte, nun, und was tun wir? Er wusste, Bush schätzte, ja er verlangte Lösungen, und der Minister wollte seine Ansichten bis zur letzten Konsequenz entwickeln. „Sie können sich immer noch um ein Bündnis oder ein Eingreifen der Vereinten Nationen bemühen, damit geschieht, was getan werden muss“, sagte er. Man müsse sich um internationale Unterstützung bemühen. Die Vereinten Nationen waren nur ein Weg. Aber irgendein Weg, Verbündete zu gewinnen, musste gefunden werden. Ein Krieg gegen den Irak konnte sehr viel komplizierter und blutiger sein als der Krieg in Afghanistan, der Beweisstück A war für die Notwendigkeit eines Bündnisses.

Der Präsident sagte, er ziehe ein internationales Bündnis vor, und es habe ihm sehr gefallen, ein solches für den Krieg in Afghanistan aufzubauen.

Powell erwiderte, er glaube, dass man sich immer noch der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft versichern könne. Was denke er, welche Anreize und Motive bei einigen der entscheidenden Mitspieler wie etwa den Russen und Franzosen eine Rolle spielten? Was würden sie tun?

Was die Diplomatie angehe, sagte Powell, so glaube er, der Präsident und die Administration könnten die meisten Länder auf die Seite Amerikas ziehen.

Der Präsident dankte ihm

Der Außenminister spürte, dass das Gespräch mehrmals an Spannung zunahm, wenn er Druck ausübte, am Ende jedoch war er davon überzeugt, nichts ungesagt gelassen zu haben.

Der Präsident dankte ihm.

Es hatte zwei Stunden gedauert – das waren nicht die clintonschen, Diskussionen-bis-spät-in-die-Nacht-Ausmaße, aber für den Präsidenten und Powell war es außergewöhnlich. Powell hatte das Gefühl, er hatte seine Argumente auf den Punkt gebracht. Das vertrauliche Gespräch allein mit Bush und Rice bedeutet, dass nicht haufenweise atmosphärische Störungen aus anderen Ecken – Cheney und Rumsfeld – kamen.

Rice formulierte in Gedanken eine Überschrift: „Powell plädiert für ein Bündnis als einzigen Weg zum Erfolg.“

„Das war phantastisch“, sagte Rice am nächsten Tag bei einem Telefongespräch mit Powell, „und wir sollten es öfters wiederholen.“

Ein Hinweis auf die potenzielle Bedeutung des Abends bestand darin, dass Bushs Stabchef Andrew Card am nächsten Tag Powell anrief und ihn bat, hinüber zu kommen und ihm denselben Vortrag zu halten, mit den Notizen und allem.

Das Dinner war ein voller Erfolg, merkte Powell.

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