Zeitung Heute : Der Mann hinter... Osama bin Laden

Chefideologe der Al Qaida, Stellvertreter des meist gesuchten Terroristen der Welt – und Kinderarzt: Wer ist Aiman al Zawahiri?

Frank Jansen

Er gilt als die Nummer zwei: Aiman al Zawahiri, Chefideologe der Al Qaida und erster Mann hinter Osama bin Laden. Offenbar war er am Freitagmittag (dem Redaktionsschluss der Sonntagsbeilage) mit 200 Kämpfern im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet umzingelt. Wer ist dieser Mann, den seine Gefolgsleute den Doktor nennen? Er droht gern. „Bush, verschärfe deine Verteidigung und deine Sicherheitsmaßnahmen, denn die muslimische Nation, die dir die Legion von New York und Washington geschickt hat, ist entschlossen, dir Legion um Legion zu schicken, die den Tod und das Paradies suchen.“ So spricht der Chirurg und Kinderarzt Aiman al Zawahiri, der auch Bin Laden behandelt haben soll. Im Februar strahlte der katarische Fernsehsender Al Dschasiera das Tonband aus, auf dem die belehrende Stimme des Ägypters zu hören ist.

Zawahiri ist im Drohen geübt, nach dem 11. September hat der dickliche Mediziner mehrere Botschaften des Hasses übermittelt. Im Dezember 2003 prophezeite Zawahiri, „wir jagen die Amerikaner und ihre Verbündeten ständig und überall, sogar in ihrer Heimat“, im September hatte er die Pakistanis aufgerufen, Präsident Pervez Musharraf zu stürzen, „diesen Verräter“. Dabei richtete Zawahiri auch „Grüße von Scheich Osama bin Laden“ aus. Dem einzigen Mann, der in der Unterwelt des islamistischen Terrors noch mehr Autorität beanspruchen kann als Zawahiri.

Welche Verehrung der Ägypter weltweit unter den Zehntausenden Gotteskriegern, den „Dschihadis“, genießt, hat nach Informationen der Amerikaner kürzlich einer der grausamsten Strategen des Heiligen Krieges demonstriert. In einem 17-seitigen Papier, das den US-Truppen im Januar im Irak in die Hände gefallen ist, wende sich der Jordanier Abu Mussab al Zarqawi „an die Männer auf den Bergspitzen, die Falken des Ruhms, die zwei ehrenwerten Brüder“. Gemeint seien Osama bin Laden und Aiman al Zawahiri. Zarqawi, der mehrere Anschläge im Irak organisiert haben soll, bitte in dem Papier um die Erlaubnis, im Irak einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu entfachen, sagen die Amerikaner. Sollten sie Recht haben, wäre die Stellung Zawahiris so zynisch wie eindrucksvoll dokumentiert.

Dabei war Zawahiri dem Westen einst so nahe, dass er hier einen guten Ruf hätte erwerben können. 1951 geboren, wuchs er in Kairo in dem vornehmen, kosmopolitischen Maadi-Viertel auf. Dort wohnten westliche Diplomaten neben Juden und Angehörigen der ägyptischen Oberschicht. Zawahiris Vater war Pharmakologie-Professor, die Mutter war Tochter des Rektors der Kairoer Universität. Die Eltern entstammten Familien, die in Ägpyten wahre Akademiker-Dynastien hervorgebracht hatten. Und Zawahiri galt schon in der Schule als Überflieger – aber auch als Eigenbrötler, der sich bereits als Jugendlicher dem islamischen Fundamentalismus zuwandte. Das Schlüsselerlebnis war offenbar, wie bei vielen Arabern, die Niederlage im Sechs-Tage-Krieg 1967 gegen Israel.

Durch das Desaster verlor der von dem ägyptischen Präsidenten Nasser verkörperte arabische Nationalismus seinen Nimbus. Vor allem die akademische Jugend begann, sich dem Islam zuzuwenden und jede westliche Ideologie, sei es Nationalismus, Marxismus oder Liberalismus, abzulehnen. Zawahiri orientierte sich an der Weltsicht von Sayyid Qutb, einem Vordenker der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft. Auch Osama bin Laden beruft sich auf Qutb. Dessen Maxime lautete: Alle Muslime, die sich nicht dem Kampf zur Errichtung eines Gottesstaates anschließen, werden wie die Ungläubigen erbarmungslos bekämpft.

So handelte Zawahiri auch. Er ordnete seine Ehe mit einer frommen Ägypterin, sein Privatleben überhaupt und die Arztkarriere – Zawahiri betrieb in Kairo eine kleine Klinik – dem politischen Kampf unter und baute die militante Gruppe „Dschihad Islami“ auf. Als die Sowjets 1979 in Afghanistan eindrangen, reiste Zawahiri nach Pakistan, um wie tausende andere arabische Freiwillige, den afghanischen Widerstand zu unterstützen.

Zurück in Ägypten, geriet er 1981 kurz nach der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar al Sadat in Haft – der Islamische Dschihad hatte sich zu der Tat bekannt. Nach drei Jahren kam Zawahiri frei, radikalisierte sich weiter, verließ Ägypten und traf vielleicht schon Ende der achtziger Jahre Osama bin Laden in Pakistan, die Quellenlage ist unklar. Im folgenden Jahrzehnt bauten die beiden das Terrorkonglomerat Al Qaida aus. Bin Laden und Zawahiri passen zueinander: Beide kommen aus wohlhabenden Familien, beide hat nicht materielles Elend in den Fanatismus getrieben, sondern die Wut über angebliche oder reale Demütigungen der arabischen Welt durch den Westen. Zawahiri steuerte in Al Qaida die unerbittliche Militanz-Ideologie des ägyptischen „Dschihad Islami“ bei, die bin Laden mit seinem Charisma, seinem Geld, seinem Hass auf die Amerikaner und das saudische Königshaus zu einem neuen Geschäftsmodell des Terrors formte. Mit globalem Anspruch: 1998 verbündeten sich bin Laden und Zawahiri mit anderen Chefs militanter Gruppen zur „Internationalen Islamischen Front für den Kampf gegen Juden und Kreuzfahrer“.

Die Selbstmordflüge des 11. September 2001 waren auf zynische Weise das innovativste Terrorprodukt, das bin Laden mit Zawahiri entwickelt hat. Der in Ägypten inzwischen zum Tode verurteilte Zawahiri ist vermutlich auch für weitere schwere Anschläge verantwortlich, darunter die Attentate auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998. Das FBI hat 25 Millionen Dollar auf Zawahiri ausgesetzt, das Kopfgeld auf bin Laden wurde gerade auf 50 Millionen verdoppelt.

In der Serie seiner Drohungen hat Zawahiri auch Deutschland nicht ausgelassen. Im November 2002 verkündete der Ägypter, die jungen Gotteskrieger könnten „die Dosis“ des Anschlags von Djerba noch erhöhen – diese Dosis brachte 14 Deutschen den Tod.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten gern im Hintergrund bleiben.

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