Zeitung Heute : Der Mann hinter dem … Rasen der WM 2006

Die Fifa und André Heller streiten sich um den Rasen in Berlin. John Hendriks wird ihn ausrollen.

André Görke

Neulich ist Rainer Ernst in seinem grauen Mercedes T 200 über den „Snelweg“ gedonnert, wie die Autobahn in Holland heißt, und hat dabei die Telefonnummer von John Hendriks eingetippt. „John, noch 15 Kilometer, dann bin ich da!“, hat Ernst in die Freisprechanlage gerufen. Es sollte eine Drohung sein, doch Hendriks hat so entspannt wie immer geantwortet: „Klar, komm vorbei.“

Ernst, auf dessen Visitenkarte „Rasenkompetenzteam WM 2006“ steht, überwacht den Anbau des Allerheiligsten der Weltmeisterschaft: den Rasen. Und diesen John Hendriks, den er in Holland auf dessen Bauernhof unangemeldet überraschen wollte – der ist sein wichtigster Verbündeter. Bei Hendriks wächst der Rasen für die WM-Stadien. Als Ernst an jenem Vormittag bei Hendriks eintraf, war der WM-Rasen perfekt geschnitten, bewässert, ja, „in bestem Zustand“, sagt Ernst. In der kurzen Zeit zwischen Anruf und Ankunft wäre die Rasenpflege nicht zu schaffen gewesen, der Mann vom „Rasenkompetenzteam WM 2006“ wusste: Hendriks macht seinen Job zuverlässig.

Gemeende Heythuysen, einige Kilometer hinter der holländischen Grenze. Die Wiesen sind „deutsches Staatsgeheimnis“, sagt Hendriks und lacht. In den 70er-Jahren hat er hier 4000 Schweine und 100 Kühe über die Wiesen geschickt, heute ist da einfach nur grünes Gras. Weit und breit, 300 Hektar, 300 Hektar Fußballrasen – gut 30 Fußballfelder sind das.

„Eurem Rasen geht’s gut“, sagt der 51-jährige Hendriks am Telefon. „Er schläft gerade.“ Die Gräser, die zur WM im Berliner Olympiastadion liegen werden, wachsen in den Wintermonaten kaum – selbst wenn die Temperatur in Holland bei mehr als fünf Grad liegt.

Seit einem Jahr wachsen die Fußballrasenflächen nun schon in der niederländischen Provinz, weitgehend unbeobachtet. „Und dabei soll’s bitte bleiben, ja“, sagt Hendriks. Er habe keine Lust, dass ein paar Männer beim Kneipenabend auf die schräge Idee kommen, sich ein Stück Rasen als Souvenir herauszuschneiden. Deshalb ist der Ort eigentlich geheim.

Fünf Rasenplätze für die WM wachsen bei Darmstadt, sieben wachsen bei Hendriks, darunter der für Berlin. Wie sensibel das Thema Rasenpflege ist, hat vor einer Woche erst die Absage der WM-Eröffnungsfeier in Berlin gezeigt. Der Weltverbad Fifa hatte Angst, dass in den fünf Tagen zwischen Eröffnungsfeier und erstem WM-Spiel kein Rasen verlegt werden kann. „Mmh, ja“, sagt Hendriks dazu. „Ich hätte dafür aber wirklich nur 48 Stunden gebraucht.“ Mehr will er zu diesem Thema nicht sagen.

Jetzt reist Hendriks mit seinen 15 Mitarbeitern eben schon im Mai nach Berlin, um den Rasen zu verlegen. 8400 Quadratmeter, kein Unkraut, sattes Grün. Hendriks selbst hat nur als Schüler Fußball gespielt, und früher war es ihm egal, wenn er auf dem Acker einen Maulwurfshügel umdribbeln musste.

Wie wichtig Fußball für ein Land sein kann, hat er beim Blick in eine Boulevardzeitung gesehen, die empört feststellte, dass der WM-Rasen aus Holland käme. Ausgerechnet aus Holland! „Ja, und?“, fragt Hendriks. „Ist jetzt der Zweite Weltkrieg ausgebrochen?“ Gerade erst waren die Chefs von Chelsea London da und haben sich einen neuen Rasen ausgesucht. 100 000 Euro kostet das Stück.

Mehr als ein Jahr dauert der Weg von Holland bis Berlin, und alles beginnt mit dem richtigen Untergrund. Der muss genauso sein wie im Olympiastadion: Lava, Sand, Löß, darüber die Erdschicht. Die WM-Organisatoren haben vorgeschrieben, dass die Rasendichte „zwischen 95 und 100 Prozent“ liegen muss, das entspricht 25 000 Pflanzen pro Quadratmeter. Verwendet werden darf nur die Wiesenrispe, zudem ein bisschen Weidelgras. Dieser Rasen gilt als sehr fest, Stollenschuhe können ihm nichts anhaben.

Alle drei Tage werden die Halme auf eine Länge von 28 Millimetern gestutzt, am Ende rollen bei „Hendriks Graszoden“, so heißt die Firma, große Maschinen mit sehr großen Reifen auf das Feld. Die großen Reifen sollen die Last der Maschine verteilen; dann schiebt sich ein Messer von 1,20 Meter Breite in den Boden und schneidet eine 35 Millimeter dicke Sohle ab. Eine Bahn ist 15 Meter lang, sie werden später im Stadion exakt nebeneinander verlegt. Weil der eingerollte Rasen sich auf der Fahrt nach Berlin erhitzt, wird er im Kühllaster transportiert und morgens ausgerollt, weil er in der Mittagssonne einen Lichtschock erleiden würde.

„Rasen ist wie ein Kind“, sagt Hendriks. „Man bringt das Baby zur Welt, sieht es wachsen, erlebt den Teenager, die ersten Probleme, dann verlässt es das Haus und man hofft: Hoffentlich habe ich ihn auf diese Welt gut vorbereitet“, sagt Hendriks. Echte Kinder hat er nicht.

Die Welt da draußen, das sind die Stadien mit ihren steilen, komplett überdachten Tribünen. Und wenn es im Winter die Sonne nie über die hohen Stadiondächer schafft und der feuchte Rasen wochenlang im Schatten liegt, „dann stirbt er, leider“, sagt Hendriks. So ist das in Berlin, München, Köln, überall. In Amsterdam wurde der Fußballrasen in sechs Jahren ganze 25 Mal ausgetauscht.

Hendriks lebt von dem Sterben seines Rasens durch die Architektur. „Aber ich mag das nicht“, sagt er. „Ich mag die Natur, ich bin ein Bauernsohn.“ Wie seine drei Brüder, auch sie arbeiten in der Firma. Vor seinem Hof hat Hendriks gerade den alten Rasen abgezogen. Bald ist Frühling. Zeit, zu säen.

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