Zeitung Heute : Der Mann hinter den... Berliner Eisbären

Philip Anschutz, der Klubbesitzer, hasst Trubel. Er will Sport sehen und dabei seine Chips essen.

Claus Vetter

Wenn der reiche Onkel aus Amerika kommt, dann sind sie alle etwas aufgeregt bei den Berliner Eisbären. Dabei ist der kleine, ältere Herr mit den grauen Schläfen nicht besonders anspruchsvoll. Philip Anschutz setzt sich bei seinen seltenen Besuchen in der wenig komfortablen Halle der Eisbären im Bezirk Hohenschönhausen mit seiner Frau auf die blauen Plastiksitze und isst Kartoffelchips. Schießt sein Klub ein Tor, dann hüpft der Mann mit dem Eisbären-Schal um den Hals jubelnd in die Höhe.

Seit 1999 gehören die Berliner Eisbären zum Imperium der Anschutz Entertainment Group. Das ist ein weitverzweigtes Unternehmen mit dem hierzulande etwas irritierenden Kürzel „AEG“; der Hauptsitz liegt in Denver, im US-Bundesstaat Colorado. Es ist ein Unternehmen, dessen Verästelungen nur schwer nachvollziehbar sind. „Anschutz besitzt mehr Spielzeug, als die meisten Menschen jemals benutzen könnten“, schrieb das Magazin „Fortune“ über den Multimilliardär. Trotzdem darf sich kein Eisbär über Vernachlässigung beklagen – der Chef schaut fast jede Saison im Sportforum Hohenschönhausen vorbei, und das ohne große Vorankündigung. Rummel ist nämlich nicht die Sache des Philip Anschutz. Besonders Fotografen mag er nicht. Bevor er die Eisbären gekauft hatte, kursierte in den Presseagenturen gerade mal ein einziges Bild von ihm. Bei den Eisbären aber lieferten sich die Fotografen dann Kämpfe mit den Bodyguards von Anschutz. Und gewannen sie. „Der Anschutz will hier Eishockey schauen, seine Chips essen, mit ein paar Leuten quatschen, aber sonst seine Ruhe haben“, sagte einmal ein ehemaliger Geschäftsführer. Der Eigner ist also ein Superfan – und nicht der ahnungslose Onkel, der andere in seinem Klub einfach so machen lässt.

So mischte sich Philip Anschutz vor drei Jahren nach einem Eishockeyspiel in London während einer Pressekonferenz unter die Journalisten, um dem Amerika-Chef seines Unternehmens eine Frage zu stellen. „Ich habe gehört, Sie steigen jetzt auch im Fußballgeschäft ein“, sagte der Ober-Chef. „Warum machen Sie das?“ So funktioniert Anschutzs Humor: ein wenig hämdsärmelig, aber durchaus clever. Und er hat gezeigt, dass er niemals die Kontrolle abgibt: Ich lasse euch zwar in meiner Firma schalten und walten, aber ich weiß immer, was ihr macht, das sollte sein Auftritt zeigen.

Sportlich redet er seinen Klubs nicht rein, lobt höchstens mal die „vorbildliche Nachwuchsarbeit bei den Eisbären“, wie deren Trainer Pierre Pagé berichtet. Aber er meldet sich immer dann, wenn seine Manager viel Geld ausgeben. So freute sich Anschutz gar nicht darüber, als die München Barons 2001 Deutscher Eishockeymeister wurden. Sie hatten das von Anschutz abgesegnete Budget um drei Millionen Mark überzogen. Aus Amerika gab es keine Glückwünsche, sondern eine heftige Rüge.

Anschutz ist ein Glückskind. Das war schon damals so, in den 60er Jahren, in seiner Heimat in Kansas. Das Universitäts-Diplom der Finanzwissenschaften hatte der junge Philip gerade in der Tasche, da kümmerte er sich schon um die Ölgeschäfte des erkrankten Vaters. Mit großem Erfolg, trotz des hohen Risikos. Dies sei im Ölgeschäft notwendig, hat Anschutz mal gesagt: „Wenn du Probebohrungen machst, liegst du in 95 Prozent der Fälle daneben: Die meisten Löcher sind trocken.“ Aus den Löchern aber, die Anschutz anbohrte, sprudelte in den meisten Fällen Öl. Der 65-Jährige gilt als einer der reichsten Männer Amerikas. Inzwischen gehören zu seinem Unternehmen Eisbahnen, Unterhaltungskonzerne, eine Filmfirma und natürlich diverse Sportklubs.

Deshalb ist Anschutz nicht nur Eisbären-Fan. In den USA besitzt er die Los Angeles Kings aus der Eishockeyprofiliga NHL, Anteile am Basketballklub Los Angeles Lakers und einige Klubs der Profi-Fußballliga MLS. In Deutschland nennt Anschutz neben den Eisbären auch noch die Hamburg Freezers sein eigen. Anschutz ist zwar ein großer Sportfan, aber er ist wohl ein noch größerer Geldfan: Rentiert sich ein Klub langfristig nicht, dann wird er dichtgemacht – so ist es den London Knights ergangen. Oder Anschutz verkauft, zum Beispiel die Vereine aus Genf, Stockholm, Prag und London. Aus Liebe zum Sport allein passiert bei ihm nichts: In Berlin ist Anschutz vor allem, weil er am Ostbahnhof eine Multifunktionsarena für 16000 Zuschauer errichten lassen will. Das Gelände gehört ihm seit Jahren. Abgerissen wurde die alte Bausubstanz schon, doch der Baubeginn wird immer wieder verschoben, zuletzt auf Herbst diesen Jahres. Man streitet sich ums Geld und um einen Sponsor für die Namensrechte an der Arena. Dieser Streit ist für die Eisbären eine Überlebensfrage. Jedenfalls, so lange sie zum Anschutz-Imperium zählen. Sollte sich der Bau der Berliner Arena noch weiter verzögern oder gar ganz abgesagt werden, könnte den Eisbären ähnliches drohen wie den München Barons: Weil der Multimilliardär in München nicht bauen durfte, zog er mit seinem Klub kurzerhand nach Hamburg um. Die München Barons heißen bereits seit drei Jahren Hamburg Freezers.

So ist das mit Spielsachen, die nicht mehr funktionieren: Sie werden umgetauscht oder zur Seite gelegt. Doch verschenken wird Anschutz sein Spielzeug ganz sicher nicht.

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