Zeitung Heute : Der Mann hinter der Schnecke

Er kommt aus der italienischen Linken und rettet Gurken, Käse… – den ganzen Geschmack der Welt.

Deike Diening

Es war Protest nach Hausmacherart. Mit einem gefüllten Spaghettitopf in der Hand betrat Carlo Petrini 1986 die öffentliche Bühne. Die Aktion, die zur Gründung der Slow-Food-Bewegung führte, ist berühmt geworden: 1986 wollte McDonalds an der Spanischen Treppe in Rom eine Filiale eröffnen. Petrini reiste mit seinen Freunden, die sich „Bruderschaft des Barolo“ nannten, nach Rom und hielt den Menschen Nudeln vor die Nase. Dann schrieb er ein Manifest, tafelte lange und ausgiebig, und die Organisation Slow Food, als Antithese zu Fast Food, war geboren. Als Logo wählte er die Schnecke.

Fortan führte Petrini das paradoxe Leben eines Mannes, der Langsamkeit predigt, gegen „den universellen Tempowahnsinn“ ist, und selbst ein beschleunigtes Leben führt. Der ehemalige Weinjournalist ist über sein Anliegen auch jemand geworden, der um vier Uhr morgens aufsteht, und um zehn todmüde ins Bett fällt. Denn die Organisation hatte Erfolg.

Das könnte daran gelegen haben, dass ihr Gründer ein gänzlich unerschrockener Mensch ist. Einmal ist er sogar nach China gefahren. Er drang bis zum Landwirtschaftsminister vor, die Kommunistische Partei musste sich schließlich mit seinem Konzept beschäftigten.

Petrini, 55, Kleinstädter von Geburt, stammt aus dem Piemont in Norditalien und glaubt, dass eine Revolution nötig ist. Er glaubt auch fest an das „Menschenrecht auf Genuss“ – aber „wer für eine Revolution leidet, der schadet nur“. Und: „Ich bin überzeugt, dass der Verzicht der Menschheit Schlimmeres gebracht hat als alle Hingabe an weltliche Genüsse.“

Und doch geht es hier um viel größere Dinge, als die schnöde Nahrungsaufnahme. Diejenigen, die in Rom auf der Treppe gegen die McDonald’s-Filiale protestierten, kamen aus dem linken Intellektuellenmilieu. Zwar hantierten sie mit Kochlöffeln aus Mamas Küche, aber vor allem mit großen Begriffen: Globalisierung, Intelligenz, Seele und Menschheit. Darunter machen sie’s nicht. Seitdem ist es möglich, politisch zu essen. Die Schnecke ist die Gallionsfigur derer geworden, die glauben, dass man seine Nahrungsaufnahme im Kontext der Globalisierung betrachten muss. Die sehen, dass Amerika, aber auch die europäischen Staaten längst an der Nahrungskette großer Konzerne liegen. Kleine Orte, die ihre regionale Produktion einstellen, haben für Petrini „ihre Seele verkauft“. Der Einsatz für englische Cheddar-Käsesorten oder eine aussterbende Schafsrasse ist zugleich einer zum Erhalt der menschlichen Art. „Im Leben gibt es nur zwei wichtige Dinge – Essen und Lieben. Wenn eines von beiden verschwindet, verschwindet die Menschheit.“

Das Slow-Magazin nennt sich im Untertitel „Magazin für intelligenten Genuss“ und das Buch von Petrini heißt: „Geniessen mit Verstand.“ Damit hat er einen Überbau geschaffen, der es auch kritischen Menschen erlaubt, ihre Sinne zu schärfen – und essend zu kämpfen.

An den üblichen Mitteln der Linken hat Petrini nämlich inzwischen die Lust verloren: „Die Logik der Militanz und des politischen Aktionismus ist gescheitert“, resümierte er einmal, und: „Leider gehörte die Langsamkeit nie zum Inventar der Linken. Weder die Langsamkeit, noch die Stille oder die Zärtlichkeit.“

Seine Freunde sagen, Petrinis größte Gabe sei die Rede. Natürlich weiß die Welt längst, dass ein Großteil der Fische, die auf industriellen Schiffen gefangen werden, einfach wieder ins Meer gekippt werden. Petrini allerdings kann das so erzählen, dass den Anwesenden eine Gänsehaut über die Arme läuft. Und nur diese Gänsehaut verändert etwas.

Der Mann, der nicht länger hinnehmen wollte, dass jeden Tag auf der Welt sechs Gemüsearten aussterben, blickt nun auf eine Organisation mit über hunderttausend Mitgliedern weltweit. Sie organisiert die Lebensmittelmesse „Salone del Gusto“ in Turin, im letzten Jahr kamen 138000 Besucher, und alle zwei Jahre eine Käsemesse. Für italienische Schulen hat Petrini einige Stunden Geschmacksunterricht durchgesetzt, damit die Schüler Apfelgeruch nicht länger mit Shampoo assoziieren. Seit Anfang Oktober hat er die eigene Geschmacks-Universität in Italien eröffnet. Sie lehrt Geschichte, Warenkunde, Produktionsprozesse, nur das Kochen nicht. 480 Teilnehmer, 19000 Euro Studiengebühr pro Jahr, das Gebäude neoklassisch. Das ist Petrinis Netzwerkstruktur gegen die Bollwerke der Konzerne und Landwirtschaftssubventionen. Ein bisschen wie Terrorismus gegen die Armeen der Nationalstaaten.

Petrini, sagen seine Freunde, müsse einen gepanzerten Magen haben. So viel, wie der eingeladen wird! Statt dessen hatte er eine schwache Leber. 2001 wurde er krank. Petrini scherzte „ich habe die Stopfleber“. Er musste das Weintrinken sein lassen. Sich etwas aus der Organisation zurückziehen. Mit der Teekultur beginnen. „Jedes Mal, wenn wir etwas essen, nähern wir uns wieder ein bisschen dem Tod“, hat er mal gesagt.

Und in Deutschland? Gäbe es Slow Food nicht, die Hamburgische Gurke wäre auf ewig in Vergessenheit geraten. Sie war praktisch schon ausgestorben, als die Organisation in einem St. Petersburger Institut doch noch ein paar Samen auftrieb.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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