Zeitung Heute : Der Mann hinter... Klaus Wowereit

Er schwärmt für Mexiko wie der Regierende. Er fiel schon auf, weil er eine Fliege binden kann. André Schmitz hat viele Talente.

Ulrich Zawatka-Gerlach

Deinetwegen kehre ich zurück!“ Als das ergreifende Liebesduett im dritten Akt der „Aida“ erklang, stürzte Guiseppe Sinopoli vom Dirigentenpult der Deutschen Oper und starb wenig später. Mit weichen Knien war Intendant André Schmitz an diesem Abend auf die Bühne gegangen und hatte das Publikum gebeten, den Saal zu verlassen.

Es gibt Dinge im Leben, die vergisst man nicht. Weder den Tod im Orchestergraben noch den Anruf zwei Monate später, als Schmitz wütend in seiner Wohnung saß, weil Diebe ihn gerade bestohlen hatten. Klaus Wowereit, der Chef der SPD-Abgeordnetenhausfraktion, wollte ihn sprechen.

„Ja, stellen Sie doch durch“, sagte Schmitz. Ne, ne, sagte die Sekretärin. „Der möchte zu Ihnen nach Hause kommen.“

Als Wowereit kam, im Juni 2001, muffelte Schmitz ihn an: „Willst du mir einen Job anbieten? Finanzsenator kann ich ja wohl nicht werden.“ Das nicht. Aber Chef der Senatskanzlei.

Das war drei Tage vor dem Misstrauensvotum gegen den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und die übrigen CDU-Senatsmitglieder. Die Große Koalition in Berlin ging zu Ende, Wowereit wollte Diepgen beerben und suchte einen Mann für sein Küchenkabinett im Roten Rathaus, dem er voll und ganz vertrauen konnte.

Einen wie André Schmitz. Dessen heimlicher Wunsch, Staatssekretär für Kultur zu werden, erfüllte sich nicht. Stattdessen laufen bei dem smarten Rotschopf seit dreieinhalb Jahren alle Fäden der Senatspolitik zusammen. Ausgerechnet bei Schmitz, dessen Kindertraum es war, ans Theater zu gehen. Ein Traum, den er nicht erklären kann. Familiär war er nicht vorbelastet. Erst viel später wurde ihm eine Großtante bekannt, die Staatsschauspielerin bei Boy Gobert war. Während des Jura-Studiums war Schmitz an den Hamburger Kammerspielen bei Ida Ehre Regieassistent. Seine Referendarszeit verbrachte er am Thalia-Theater und merkte: Verwaltungsdirektor zu sein, das ist eine Nische, in der man die Juristerei mit der Kultur verbinden kann.

Diese Erkenntnis verschlug ihn nach dem Staatsexamen ans Stadttheater Hildesheim, dann erfüllte sich Schmitz’ zweiter Kindertraum: Er zog nach Berlin. „Eine Stadt, die meinem Naturell entspricht.“ Volksbühnen-Intendant Frank Castorf hatte 1992 händeringend nach einem Verwaltungsdirektor gesucht. Ihm wurde der damals erst 35-Jährige aus Hildesheim empfohlen. Schmitz kam, sah die ersten Castorf-Inszenierungen und fragte sich: „Auf was hast du dich da bloß eingelassen?“ Auf eine große Liebe offenbar. Als ihn Götz Friedrich, Chef der Deutschen Oper, später abwerben wollte, wehrte sich Castorf: „Der André ist doch der Einzige von uns, der weiß, wie man eine Fliege bindet. Wen soll ich sonst zum Senat schicken?“

Schließlich ging Schmitz doch zur Deutschen Oper und wurde sogar, als Friedrich starb, kommissarischer Intendant. Sein Markenzeichen hat er beibehalten: Er ist immer, auch zu Hause, tadellos gekleidet. Ein charmanter Mensch mit diplomatischem Habitus, dem der Schalk im Nacken sitzt. Das hilft, wenn man jeden Tag mit Wowereit zusammenarbeitet. „Ich kenne ihn heute besser als vor drei Jahren“, sagt Schmitz und grinst wie ein kleiner Junge, der dem großen Bruder einen Streich gespielt hat. Ja, Wowereit sei ein „sehr fordernder Vorgesetzter“. Dem könne man nicht sagen: Mach’ es so und so – und er macht es dann. „Aber über einen längeren Prozess kommt durchaus was an.“

Schmitz und Wowereit duzen sich, sie sind Freunde. Der Kanzleichef mag den Regierungschef schon deshalb, „weil er einer der wenigen Politiker ist, der gern ins Theater geht“. So haben sie sich kennen gelernt. „Und er hat mich dann zu seinen Geburtstagen eingeladen.“ Schmitz staunt immer wieder: „Klaus Wowereit hat eine Kondition, die ist unglaublich.“ Klar gehe der Regierende gern auf Partys. Aber er sei jeden Morgen einer der Ersten im Rathaus, stelle enorme Anforderungen an die eigene Arbeit und habe ein „großartiges Talent, Probleme zu erkennen und zu analysieren“. Mit Wowereit teilt er auch die Begeisterung für Mexiko. In den 70er Jahren hatte Schmitz – als Rucksacktourist in Los Angeles – eine Großfamilie aus Veracruz kennen gelernt. Sie luden ihn nach Hause ein. Seitdem war Schmitz 15 Mal in Mexiko, er spricht ein bisschen Spanisch und nahm an der Dienstreise des Regierenden Bürgermeisters teil, im Herbst 2003, nach Mexico-City und Guanajuato.

Der Quereinsteiger Schmitz hatte schon mal einen Regierungschef, für den er gerne arbeitete: Den streitbaren FDP-Mann Ingo von Münch, der die Hamburger Liberalen 1986 nach einem entschiedenen Wahlkampf gegen die verfilzte SPD in eine Koalition mit den Sozialdemokraten führte. Als Vize-Bürgermeister schrieb er die Stelle des persönlichen Referenten in der „Zeit“ aus. Schmitz bekam den Zuschlag – und beichtete erst am Ende der Probezeit, dass er Sozialdemokrat sei. Von Münch bat ihn nur darum, das nicht an die große Glocke zu hängen. Damit hatte Schmitz kein Problem, bis heute ist er SPD-Karteileiche geblieben.

Damals war er ein Fan von Helmut Schmidt und fand, dass auch die FDP „ein paar gute Leute hatte“. Er habe halt eine Schwäche für Menschen, sagt Schmitz, „bei denen Beruf von Berufung kommt.“

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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