Zeitung Heute : Der Mann hinter... Sylvia Plath

Ted Hughes war der Ehemann der Lyrikerin. Für die Feministinnen war er ein Monster.

Susanne Kippenberger

Sie kamen, sie sahen und sie bissen sich. Es war ihre erste Begegnung: auf einer Party in Cambridge, 1956. Der aufstrebende Dichter feierte mit seiner „poetischen Gang“, mit der er auch gern Volkslieder sang, die erste (und einzige) Ausgabe einer Lyrikzeitschrift; die amerikanische Fulbrightstipendiatin feierte mit. Und „dann geschah das Schlimmste“, notierte Sylvia Plath im Tagebuch, „dieser große, dunkle, wunderbare Kerl, der einzige, der groß genug für mich war, kam herüber und schaute mir tief in die Augen, und es war Ted Hughes.“ Sie zogen sich zu Diskussionen ins Hinterzimmer zurück, sie schrien und sie stampften, „und dann küsste er mich peng, knall auf den Mund“, riss ihr Haarband und Ohrringe weg und küsste sie auf den Hals, woraufhin sie ihn „heftig und lang in die Wange biss“. „Der anschwellende Burggraben aus Zahnabdrücken“, schrieb Ted Hughes am Ende seines Lebens, hätten sein Gesicht für einen Monat, „das Ich darunter für immer“ gebrandmarkt.

Vier Monate nach dem blutigen Kuss waren die beiden verheiratet: die Mittelschichtsamerikanerin, die schon einen Selbstmordversuch und Elektroschocktherapien hinter sich hatte und mit acht ihre ersten Gedichte schrieb – und der intellektuelle Naturbursche aus den Mooren von Yorkshire, Sohn eines Zimmermanns. Zwei Hochbegabte, die eine leidenschaftliche, literarisch geradezu symbiotische Beziehung führten, die in der Katastrophe endete. Kein anderes Paar, von Charles und Diana abgesehen, habe England so in Bann gehalten, schrieb ein britischer Kritiker. „Sterben ist eine Kunst wie alles“, dichtete Plath, „ich kann es besonders schön.“ Sie stellte Frieda und Nicholas, den kleinen Kindern, Milch ans Bett, versiegelte deren Tür und legte den Kopf in den Gasofen. Zu dieser Zeit war das Paar getrennt, Hughes hatte eine Affäre mit einer Frau, die sich und der gemeinsamen Tochter einige Jahre später auf die gleiche Weise das Leben nahm.

Es war, als wäre mit Sylvia Plath auch Ted Hughes gestorben. Der Witwer wurde zum Monster erklärt, zur feministischen Ikone des Bösen: Als untreuer Ehemann habe er seine Frau in den Tod geschickt, als Nachlassverwalter ihre Werke zerstört und verfälscht. Jahrzehntelang hat der Engländer eine Mauer des Schweigens um sich und die Kinder errichtet, zu allen Attacken geschwiegen, die Werke seiner Frau herausgebracht, aber keine persönlichen Kommentare abgegeben. Zurückgezogen lebte er mit seiner neuen Frau, einer Krankenschwester, in Devon auf dem Land, schrieb geschätzte Poesie und Prosa, viele Kinderbücher auch und gab mit seinem Freund Seamus Heaney eine Lyrik-Anthologie für Schüler heraus. Er nahm sogar das Amt des Hofpoeten an und dann, wie ein Donnerschlag, die Sensation: 1998, im Februar (dem Monat der ersten Begegnung und des Tods seiner Frau), veröffentlichte der Astrologiegläubige die „Birthday Letters“ – 88 Gedichte aus einem Vierteljahrhundert, über sich und seine Frau, gewidmet den beiden Kindern. „Der Himmel wird mir auf den Kopf fallen, wenn ich sie veröffentliche“, schrieb Hughes einem Freund. „Aber was soll’s. Der Himmel ist sowieso gefallen.“ Als gewaltigen Akt der Befreiung empfand der Autor sein poetisches Bekenntnis. Ein halbes Jahr später war er tot, gestorben an einer Krebskrankheit, die er, wie vieles, für sich behalten hatte.

Allein in England wurden die „Birthday Letters“ 150 000 Mal verkauft – einer der erfolgreichsten Gedichtbände überhaupt. Die Kritik war gespalten: Selbstgerecht fanden die einen die Verse, erschütternd die anderen – „Zeugnis eines gnadenlosen Machtkampfs“ („Süddeutsche“) oder „von überwältigender Humanität“ („Die Welt“). Hughes hatte es den Kritikern schon immer schwer gemacht, gerade mit seiner Naturlyrik, die nie romantisch war, sondern wild, brutal, roh. Die Krähe war sein poetisches Lieblingstier.

Am Ende seines Lebens, zum Teil posthum wurde der Lyriker mit Preisen überschüttet, auch für seine Nachdichtung von Ovids „Metamorphosen“. Nun wurde Hughes als einer der größten Dichter der Nachkriegszeit betrauert, Freunde und Familie malten ein ganz anderes Bild des „Monsters“: Ein scheuer, großzügiger Mann, liebevoller Vater und Umweltschützer, für den das Angeln pure Glückseligkeit war, der mit seinem Sohn Nick, der heute als Meeresbiologe in Alaska lebt, um die halbe Welt zum Fischen fuhr.

Im Jahr der „Birthday Letters“ veröffentlichte Tochter Frieda ihren ersten Gedichtband und widmete ihn Ted Hughes. Nun ist sie es, die mit Vehemenz jene angreift, die den Vater verteufelten und sich die Mutter einverleibten: „Als sie aus dem Ofen kam,/hatten sie sie ausgenommen, geschält/und garniert./Sie nannten sie ihr eigen.“ Verhindern konnte sie es nicht, dass die Geschichte ihrer Eltern verfilmt worden ist; „Sylvia“, mit Gwyneth Paltrow und Daniel Craig, kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos. Aber sie schrieb ein Gedicht, „My Mother“, in dem sie sie verdammt: die „Erdnussesser, die sich vom Tod meiner Mutter unterhalten lassen“, und die Macher, die aus ihr ein Monster, eine „Sylvia-Selbstmord-Puppe“ gemacht hätten.

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

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