Zeitung Heute : Der Mann in Weiß

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Es war die Zeit der Drei Tenöre und ihrer zweiten Welttournee, man schrieb den Sommer 1996. Ich sollte für jene andere Zeitung, bei der ich damals beschäftigt war, etwas über den Tenor an sich zu Papier bringen, aus gegebenem Anlass. Luis Murschetz, der Zeitungszeichner, zeichnete also eine dickbäuchige Propellermaschine, in der drei befrackte Herren unterschiedlicher Breite singend ein winzig kleines Fußballstadion überflogen – und ich wühlte und fraß mich durch die Literatur.

Francesco Tamagno etwa, der erste Otello, so las ich, brachte mit bloßer Stimmgewalt den Kronleuchter des Königlichen Opernhauses Covent Garden ins Schwingen: ein typischer tenore di forza. Fernando de Lucia wiederum trug den Ehrentitel „Gloria d‘Italia“, soll allerdings nicht mehr als eine vocetta, ein Stimmchen, besessen haben: ein echter tenorino. Giacomo Lauri-Volpi seinerseits schmetterte noch 84-jährig öffentlich „La donna è mobile“ – mit einer Stimme, deren hohe D‘s bei günstigen Winden im fernen London zu vernehmen gewesen sein sollen (wo Lauri-Volpi sich in bester Kastratenmanier mit Beniamino Gigli erbitterte Gefechte um die Position des primo uomo lieferte). Und nebenbei lernte ich, dass Enrico Caruso 265 Schallplatten-Aufnahmen gemacht hat, Lauritz Melchior, Leo Slezak und John McCormack dem Tonfilm zu raschem Ruhm verhalfen, und Jussi Björling als einer der ersten auf LP sang. Ohne Tenöre, so schien es, ging früher gar nix.

So oder so ähnlich schrieb ich das Ganze schließlich auf – und hielt zwei Tage später ein flauschiges Kuvert in Händen. Sehr geehrte Dame, stand da in raumgreifenden Lettern unter dem Briefkopf eines österreichischen Kurhotels, alles falsch, denn De Lucia hatte ein Volumen größer als der junge Caruso, und überhaupt, „wo bleibt bei Ihnen der einmalige Jan Kiepura, der einzige Superstar in Oper und Tonfilm??“ Beste Grüße! Ihr Marcel Prawy. Ich war geschmeichelt ob solcher Leserschaft: Der Mann, der im weißen Dinnerjacket geboren zu sein schien und sein Leben lang wusste, wie Oper wirklich geht, Professor Dr. Dr. hc., Ehrenbürger von Miami, Präsident der Internationalen Richard-Strauss-Gesellschaft, Träger der Nicolai-Medaille in Gold sowie des „Lieben Augustins“! Sieben Jahre lang trug ich mich mit dem Gedanken, Prawy einmal meine Aufwartung zu machen, in seiner Suite im Hotel Sacher, mit ihm über Jan Kiepura zu streiten und am Ende ein versöhnliches Paprikahendl zu essen. Dazu kam es leider nie. Vor einer Woche ist Marcel Prawy, das Urgestein, 92-jährig gestorben. Gerne hätte ich ihm auch gesagt, dass ich die Drei Tenöre, auf die er große Stücke hielt, letztlich gar nicht soo schlimm fand. Damals jedenfalls.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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