Zeitung Heute : Der Meinungsforscher

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Dienstagmittag, ich komme aus dem Musikladen WOM in der Kaiser-Josephstraße in Freiburg, der Stadt, in die ich gerade gezogen bin, mit einer Tüte voller CDs. Im Laden war es voll, auf der Straße ist es auch voll, Mittagsverkehr. Ich will zwischen zwei Straßenbahnen auf die andere Seite gehen.

Auf der anderen Seite sehe ich folgende Szene: Ein ungefähr 14-jähriges Mädchen steht auf dem Gehsteig, Rucksack auf dem Rücken, auf dem Kopf trägt sie eine schwarze Tatarenmütze, so eine mit einer hohen Spitze und abstehenden Ohrenschützern. Rund um das Mädchen herum stehen fünf andere, etwas ältere und größere Mädchen. Sie schließen einen Kreis. Eine von ihnen fängt an, die Kleinere in der Mitte zu rempeln.

Die hält schützend die Arme vor die Brust und versucht auszuweichen. Aber da gibt es nichts auszuweichen: Die anderen fangen auch an zu rempeln. Ich bleibe stehen und schaue hin. Ich bin mir nicht sicher, was da abgeht. Aus meiner eigenen Schulzeit erinnere ich mich an ganz ähnliche Rempeleien auf dem Schulhof. Damals war ich in der Mitte. Manchmal war es eher Spaß. Und manchmal haben sie mir echt weh getan. Von Mädchen habe ich so etwas noch nie beobachtet.

Sie reißen ihr die Mütze herunter und schmeißen sie auf die Straße. Sie zieht den Kopf ein. Heult die? Oder lacht die? Auf einmal schreit sie um Hilfe. Aber es kommt mir alles irgendwie komisch vor. Ich habe das Gefühl, sie kichert verstohlen, während sie um Hilfe schreit. Soll ich dazwischen gehen? Es wäre tierisch peinlich hinzugehen, wenn sie nur Spaß machen.

Mitten in meine Überlegungen schließt sich auch ein Kreis um mich. Zwei Frauen und ein Mann mit einem Schreibblock stellen mich zur Rede. Und zwar nicht sehr freundlich. Sie möchten von mir wissen, warum ich dastehe und nur zuschaue, so, wie es 86 Prozent aller Deutschen tun würden, sagt der Mann mit dem Schreibblock. So viele blieben nämlich untätig, wenn etwas Schlimmes in ihrer Nähe passiert. Das Ganze ist eine gestellte Szene. Damit sich die Prozentzahl bestätigt. Der Mann sagt noch, dass sie für ein Meinungsforschungsinstitut arbeiten.

Die prügelnden Mädchen stehen jetzt ganz brav da. Sie haben also wohl wirklich gelacht. Ich versuche zu erklären, was ich mir überlegt habe, aber an den Gesichtern kann ich sehen, dass mich das nicht herausreißt. Wir gehen auseinander.

Ich gehe heim. Ich habe mich so auf meine CDs gefreut. Und jetzt setzt sich der Gedanke in mir fest, dass ich einer bin von den 86 Prozent, die zu egoistisch, zu feig, zu schlappschwanzig sind, sich um andere zu kümmern, wenn sie in Not sind, wenn sie in Gefahr sind, ich bin das Letzte. Bedrückt schleiche ich bei mir die Treppen hoch.

Aber ich habe doch ganz richtig beobachtet, dass sie gekichert haben! Das hatte doch alles so was Unechtes an sich. Doch, wenn das Mädchen wirklich Angst gehabt hätte, dann hätte ich schon eingegriffen, oder? Einer von 86 Prozent legt in seinem Wohnzimmer „Celluloid Heroes“ von den Kinks auf. Ich hätte geholfen. Ich hätte vielleicht doch nicht geholfen. Der Zwiespalt bleibt mir den ganzen Tag erhalten.

Scheiße. Wenn sie schon solche Tests machen, warum nehmen sie dann nicht ein bisschen bessere Schauspieler?

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben