Zeitung Heute : Der Mensch ist entziffert: Das Duell der Superstars

Hartmut Wewetzer

Das Treffen der beiden Männer soll in einem abgetrennten Raum der Business Class Lounge von United Airlines in Washington stattgefunden haben. "Wir kümmern uns um das menschliche Genom", soll einer der beiden Herren schließlich gesagt haben. "Für euch bleibt die Maus." Ein Mann Anfang 50 mit einem runden, rosigen Gesicht, schmalen Augen und meist unbewegter Mimik. Er ist Genforscher. Zu jener Zeit, im Frühjahr 1998, ist er nur der interessierten Öffentlichkeit bekannt, der allerdings schon ziemlich gut. Sein Name ist Craig Venter.

Venters Gegenüber ist ebenfalls Genforscher. Es ist Francis Collins, ein zumeist recht freundlich dreinblickender, hagerer Mann mit angedeutetem Seitenscheitel, Schnurrbart und großer Brille. Er ist ein paar Jahre jünger als Venter, Kopf des amerikanischen Genom-Projekts und damit zugleich der inoffizielle Chef des weltweiten Humangenom-Vorhabens. Jenes Unterfangens also, die drei Milliarden biochemische Buchstaben umfassende genetische Sequenz des Menschen zu entziffern - "die Mondlandung der Biologie", wie sie manchmal genannt wird.

1998 bemühen sich Forscher in den USA, Großbritannien, Frankreich, Japan und Deutschland bereits seit acht Jahren um dieses Mammutprojekt der aufstrebenden Lebenswissenschaften. Die Medien interessiert das Thema nicht besonders. Viele Kollegen der Genomforscher reagieren eher spöttisch und halten das Ganze für überflüssig. 2005 wollen die Forscher, die ihr Geld aus öffentlichen Mitteln beziehen, fertig sein. Manche zweifeln, ob die Zeit reicht.

"Wir glauben, dass die Leute nicht noch sieben Jahre warten wollen, bis das öffentliche Humangenom-Projekt abgeschlossen ist", hat Venter dem überraschten Collins im Frühjahr vor drei Jahren gesagt. "Wir werden vier Jahre vor euch fertig sein, Francis." Collins soll gelächelt haben, sagen Augenzeugen. Aber dieses Lächeln soll eingefroren gewirkt haben. Im Mai 1998 verkündet Venter der Presse, dass er das menschliche Erbgut sequenzieren wird. Mit Hilfe von 230 Dechiffrier-Robotern der Firma Perkin-Elmer, mit der er in Rockville, Maryland, die Firma Celera Genomics aus der Taufe gehoben hat. Und mit einer Armada summender Computer, die ein Football-Feld bedecken könnten. Angeblich kann es nur das Pentagon mit Venters Rechnern noch aufnehmen.

Celera kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie schneller. Venter und sein Team sequenzieren den Menschen in weniger als einem Jahr durch. Daneben, gewissermaßen als Fingerübung, entziffern sie das Erbgut der Fruchtfliege Drosophila, des Haustiers der Genetik. Als nächstes kommt die Maus dran. Im Frühjahr 2000 verkündet Venter vor dem amerikanischen Kongress, dass er das menschliche Genom weitgehend entziffert habe. Ein ungläubiger Aufschrei der öffentlich finanzierten Konkurrenz ist die Folge. Für manche Kritiker ist der Unternehmer Venter jetzt erst recht "der Feind".

Aber Venter behält Recht. In einem furiosen Endspurt hat auch das öffentliche Genomprojekt alle Kräfte zusammengenommen und geht mehr oder weniger zur gleichen Zeit wie Celera Genomics durchs Ziel. Am 26. Juni 2000 gibt es dann die große Versöhnungsfeier im Weißen Haus: Collins und Venter reichen sich unter den Augen von US-Präsident Bill Clinton die Hände. "Heute lernen wir die Sprache, in der Gott Leben geschaffen hat", sagt ein bewegter Präsident.

Jetzt, im Februar 2001, hat die Welt auch offiziell Zugang zu den Daten. Mit dem heutigen 12. Februar gilt das menschliche Genom als "veröffentlicht", zugänglich ist es im Internet. Ausführlich untermauert wird das durch große Beiträge der beiden konkurrierenden Sequenzier-Projekte in den Fachblättern "Science" - hier veröffentlicht Venter nach monatelangem Tauziehen um die Geheimhaltung und mögliche Nutzung seiner Daten - und in "Nature", dem britischen Konkurrenten von "Science". Hier veröffentlichen Collins und seine Leute. Auf 150 Seiten berichten sie über erste, teilweise spektakuläre Einsichten in unser Buch des Lebens. Undenkbar, dass beide Seiten gemeinsam in einer angesehenen Zeitschrift das Genom veröffentlicht hätten.

Wenn sich die beiden Kontrahenten heute im Hilton-Hotel in Washington die Hand reichen werden, so sollte man sich nicht täuschen. Rivalen werden sie bleiben, vielleicht auf immer. Aber die letzten zwei Jahre haben genügt, um aus Venter eine Art Popstar der Wissenschaft zu machen, bewundert und angefeindet zugleich. Der Mann mit dem Pokerface ist heute das Gesicht der Genforschung. Für die einen ein Mensch mit schier unglaublichen Fähigkeiten, für die anderen ein Bösewicht, der seine Hand auf unser Genom legen möchte.

Venter ist arrogant, und er genießt es. Er eckt an, und darauf legt er vermutlich den größten Wert. Ein Individualist, der am liebsten das Spiel "einer gegen alle" spielt. Sein tiefes Misstrauen gegen den Staat und seine Einrichtungen rührt noch aus seiner Zeit in Vietnam. Im Januar 1968 erlebte Venter als junger Sanitäter in Südvietnam das Inferno der Tet-Offensive. Fünf Tage und Nächte schuftet er in der Notaufnahme des US-Marinehospitals. Gegen den Tod vieler Freunde und Kameraden ist er dennoch machtlos. Am Ende bricht er schluchzend zusammen. "Tausende habe ich sterben gesehen, weil sie das Opfer dummer Regierungspolitik wurden", sagt er heute. Ein Rebell wider die Bürokratie ist geboren.

Als Venter nach Amerika zurückkehrt, ist aus dem surfenden kalifornischen Beachboy von einst ein ernsthafter Mann geworden. Er studiert und promoviert an der Universität von Kalifornien in San Diego und geht dann an die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA nach Bethesda bei Washington, an die größte Forschungsfabrik der Welt.

Auch hier stellt sich schnell heraus, dass der junge Wissenschaftler seinen eigenen Kopf hat. Er beschafft sich den Prototyp einer DNS-Dechiffriermaschine, mit der sich einzelne Basenpaare der Erbsubstanz, gleichsam ihre Buchstaben, entziffern lassen. Venter ist elektrisiert - seine Chefs umso weniger. Er muss das Gerät aus eigener Tasche zahlen.

Allmählich reift in Venter die Idee, als erster auf dem Planeten Genom zu landen. Er entwickelt eine Methode, die darin besteht, nur die wirklich wichtigen Abschnitte der Erbsubstanz zu entziffern. Also die Gene, deren Information in den Bau von Proteinen umgesetzt wird, gleichsam die Nuggets in einem Schlamm von scheinbar nutzloser Erbinformation, aus denen unser Genom zu 95 Prozent besteht. Von den aktiven Genen isolierte Venter kurze Schnipsel, genannt "Expressed Sequence Tags".

Venter stellte einen Förderantrag: Für zehn Millionen Dollar wollte er alle wichtigen Gene finden. Obwohl er schon jetzt ein unglaubliches Tempo bei der Erbgut-Entzifferung vorlegt, wird sein Antrag abgelehnt. James Watson, der Entdecker der DNS-Struktur und Begründer des internationalen Genom-Projekts, bescheidet dem von Maschinen besessenen Venter, diese Arbeit "könnten auch Affen tun".

Als Venter dann gleich einen ganzen Berg seiner Erbgut-Schnipsel zum Patent anmelden möchte, wird er endgültig zum "Feind" der etablierten Forscher - die seine Verdienste dennoch anerkennen müssen. 1992 verlässt er die Nationalen Gesundheitsinstitute und gründet sein eigenes Institut, "The Institute for Genomic Research", kurz und sinnig "Tigr" genannt. Der Tiger Venter wird immer mehr zum Geschäftsmann und damit zum Vorbild für junge Wissenschaftler, die ihr Glück in der aufstrebenden Biotechnik-Branche versuchen wollen. Venter selbst gilt inzwischen als Milliardär.

In seinem eigenen, auf Risikokapital gegründeten Institut vervollkommnet Venter die Schrotschuss-Technik der Genom-Analsyse. Dabei wird das gesamte Erbgut eines Organismus in kleine Teile "zerschrotet", dann in Bakterien vermehrt und Buchstabe für Buchstabe in Automaten entziffert. Computer setzen dann die Sequenz zusammen. Auch für dieses Verfahren versagte ihm der Staat die Förderung. Dann legt Venter das erste komplett entzifferte Erbgut eines freilebenden Krankheitserregers namens Hämophilus influenzae vor. "Tigr" wird zur Sequenzierfabrik Nummer eins. Auch das menschliche Erbgut hat Celera Genomics unter Leitung von Venter mit der Schrotschuss-Technik entziffert. Dabei konnte er allerdings auf den Vorarbeiten des öffentlichen Genom-Projekts aufbauen, das gründlicher, aber auch langsamer zu Werke ging.

Bei aller Geschäftstüchtigkeit und allem Nonkonformismus ist Venter, der übrigens mit einem Segelboot auf den Spuren von Columbus den Atlantik überquerte (allein natürlich), stets Forscher geblieben, dem es vor allem darum geht, seine Ergebnisse in angesehenen Zeitschriften zu veröffentlichen. Venter glaubt daran, mit Hilfe der Genom-Forschung umfassende Kenntnisse über die Entwicklung des Lebens und die Entstehung von Krankheiten zu erlangen. Mittlerweile werden ihm nur noch wenige widersprechen.

Niemand sollte den Fehler machen, Venter zu unterschätzen. Er weiß zuviel, um den Menschen nur auf seine Gene zu reduzieren. Unterschätzen sollte man auch nicht seinen Widersacher Francis Collins, der im Gegensatz zu dem abtrünnigen Venter stets den staatlichen Forschungsinstitutionen treu geblieben ist und die internationale akademische Gemeinde der Genomforscher in ihrem gemeinsamen Großprojekt zusammengehalten hat. Allerdings scheint ihn mit Venter nur das herausragende wissenschaftliche Talent zu verbinden. Ansonsten sind beide höchst unterschiedliche Charaktere, so dass man fast daran zweifeln möchte, dass ihr Erbgut - wie das aller Menschen - zu 99,9 Prozent identisch ist.

Der Arzt Collins wurde zum Superstar der Szene, als er 1989 gemeinsam mit Kollegen mit Hilfe eines damals neuartigen Suchverfahrens namens Positionsklonierung das Gen für die angeborene Atemwegskrankheit Mukoviszidose fand. Seitdem sind Gentests möglich, die die Krankheit frühzeitig erkennen. 1993 wurde Collins Chef des Nationalen Genom-Forschungsinstituts der USA. Er glaubt fest an die positiven Auswirkungen des Genomprojekts. "Wagen wir es zu träumen" heißt das Lied, das er selbst geschrieben und zur Gitarre bei der Jahrestagung der nordamerikanischen Mukoviszidose-Gesellschaft vorgetragen hat. Venter würde vermutlich nicht gerührt zur Gitarre greifen.

Collins weiß um die Brisanz der Genomforschung. So hat er sich scharf dagegen ausgesprochen, dass Menschen auf Grund ihrer genetischen Ausstattung benachteiligt werden. Sein Engagement hat die amerikanische Gesetzgebung zum Thema Gene und Versicherungen mitgeprägt. Vielleicht das Überraschendste an Collins ist sein Bekenntnis zum Christentum. Er ist kein Bilderstürmer wie sein Gegenspieler, aber sein Glaube hat ihm in der traditionell eher agnostisch gesonnenen Forschergemeinde nicht nur Freunde eingebracht. Wichtiger ist, dass Collins glaubwürdig geblieben ist - auch für eine Öffentlichkeit, der Venter unheimlich geworden ist.

Der hat schon ein neues Projekt: nach dem Genom will er sich nun des "Proteoms" annehmen, also der Gen-Produkte. "Wir werden eine Proteomfabrik bauen und eine Million Proteine am Tag identifizieren." Das ist kein Größenwahn. Das ist Craig Venter.

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