Zeitung Heute : Der Mensch ist entziffert: Wir Fruchtfliegen

Adelheid Müller-Lissner

Viele große Kunstwerke sind unvollendet, von Schuberts achter Symphonie bis zur berühmten Kathedrale Sagrada Familia, die Gaudi in Barcelona erbaute. Dass aber ein Werk, an dem noch gearbeitet wird, vor dem letzten Schliff nicht nur aufwändig gefeiert wird, sondern auch Anlass zu weiteren Zukunftsprojekten bietet, kann als ungewöhnlich gelten. Für deutsche Genforscher und Forschungspolitiker ist der 12. Februar 2001 jedoch auch ein Grund, in die Zukunft zu blicken.

An der Entzifferung der Buchstabenfolge des menschlichen Genoms durch das öffentliche Humangenomprojekt (HGP) und Craig Venters Firma Celera Genomics, deren zeitgleiche Veröffentlichung am Montag weltweit für viel Aufmerksamkeit sorgte, hatte Deutschland zwar nur einen Anteil von etwa 1,6 Prozent. Die Bedeutung der drei beteiligten Arbeitsgruppen in Jena, Braunschweig und Berlin ist trotzdem nicht gering zu veranschlagen: Sie hatten entscheidend an der Aufdeckung des Chromosoms 21 mitgewirkt, die im letzten Frühsommer bekannt gegeben wurde. Und sie wollen, wie zahlreiche weitere Arbeitsgruppen, auch in Zukunft weiter mitmischen.

"Bitte fördern Sie nicht die Illusion, das menschliche Genom sei nun entschlüsselt", so appellierte aus gutem Grund Matthias Platzer vom Institut für Molekulare Biologie in Jena gestern an die Vertreter der Medien. Denn zunächst ist das Erbgut nur entziffert. Ziel ist es neben einer vollständigen Version der Buchstabenfolge nun vor allem, Erkenntnisse über die Funktion der schätzungsweise 30 000 menschlichen Gene zu gewinnen. "Wir haben mit unserer Publikation ein Basislager errichtet, von dem die Forscher nun starten können", resümierte Platzer als einer der Autoren der 62-seitigen "Nature"-Publikation des HGP. Für das öffentliche Konsortium konnte es sich Helmut Blöcker von der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung mbH (GBF) in Braunschweig auch nicht verkneifen, ein paar Spitzen gegen den privaten Entzifferungs-Konkurrenten Craig Venter loszuwerden: Ohne die kostenlos zugänglichen Daten des GHP wären "Hunderttausende von Fragmenten", die die Firma Celera mit der Schrotschuss-Methode analysierte, nicht zu verorten.

Den gestrigen "weiteren Meilenstein auf dem Erkenntnisweg über das Leben selbst" hält auch Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn für einen Grund, die Bedeutung der öffentlichen Forschung in diesem Bereich deutlich zu machen. Ziel der angekündigten Verstärkung der Genomforschung in Deutschland soll es vor allem sein, ein "nationales Genomforschungsnetz" aufzubauen. Wofür sollen die 870 Millionen Mark verwendet werden, die in den nächsten drei Jahren, der Ankündigung der Ministerin zufolge, der Genomforschung zur Verfügung stehen sollen?

Die Gelder sollen auf vier Bereiche verteilt werden: Den harten Kern bilden die bereits existierenden Forschungseinrichtungen, unter denen Frau Bulmahn als Berliner Institutionen das Max-Delbrück-Zentrum und das Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik mit dem Ressourcenzentrum des HGP nannte. Um die Grundlagenforschung sollen sich als "krankheitsbezogene medizinische Kompetenznetze" fünf medizinische Anwendungsbereiche gruppieren, in denen zu verbreiteten Krankheiten in den Bereichen Herz-Kreislauf, Krebs, Nervenleiden, Umwelterkrankungen und Infektionskrankheiten geforscht wird.

Dieses Konzept lässt deutlich erkennen, dass die Erkenntnisse der Genomforschung mit Erkenntnissen über den Beitrag verbunden werden müssen, die Lebensstil und Umweltbedingungen für die Krankheitsentstehung haben.

Der dritte Sektor, der von der Bundesregierung gezielt gefördert werden soll, ist die Proteomforschung als "ergänzende Technologieplattform". Hier geht es um die Eiweiße, die in jeder einzelnen menschlichen Zelle in Ausführung des Bauplans Genom gebildet werden. Viele Wissenschaftler halten "Proteomics" für das Zukunftstthema schlechthin, denn die meisten Krankheiten entstehen, weil bei der Proteinbildung Fehler passieren. Derzeit ausgeschrieben sind Finanzmittel für "Neue effiziente Verfahren für die funktionelle Proteomanalyse".

Als vierten Bereich nannte die Ministerin die Bioinformatik als "lebensnotwendige Querschnitt-Technologie". Welche Projekte tatsächlich gefördert werden, soll von der Evaluierung abhängen, deren Ergebnisse Ende März vorliegen sollen. Frau Bulmahn ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass "bewährte" Großeinrichtungen weiter gefördert werden.

Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut in Berlin-Dahlem und Helmut Blöcker von der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung mbH in Braunschweig, die beide am HGP beteiligt sind, betonten, dass sich in der letzten Zeit aus den Instituten heraus zahlreiche kleinere und größere Start-up-Unternehmen gegründet haben. Arbeit genug für sie alle sollte da sein.

Durch die Tatsache jedenfalls, dass die "Krone der Schöpfung" sich, was die Anzahl der Gene betrifft, von der Fruchtfliege oder dem Fadenwurm weit weniger als vermutet unterscheidet, wird der Forschungsbedarf nicht reduziert: Denn um so bedeutsamer sind das Zusammenspiel der Gene und die komplizierten Prozesse des "Umschreibens", die vom Bauplan bis zu den Eiweißen nötig sind.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben