Zeitung Heute : Der Mix macht’s

Von künftigen Mitarbeitern erwarten Arbeitgeber mehr als Fachwissen. Persönliche Erfahrungen und soziale Kompetenzen werden ihnen immer wichtiger

Vivien Leue,Regina C. Henkel

Von Vivien Leue

und Regina C. Henkel

Für Jobbewerber hat Lars Jacob eine erstaunliche Mitteilung. Bei Universal Music hat man auch mit durchschnittlichen Noten Chancen. Vorausgesetzt allerdings, dass man „sonst top“ ist, sagt der Firmensprecher des Musikkonzerns. Dabei hat er allerdings außen vor gelassen, dass in seinem Unternehmen derzeit nur eine Hand voll Positionen zu besetzen sind. Viel wichtiger aber: Was meint Jacob mit „sonst top“?

Mehr als 300 000 Berliner sind derzeit arbeitslos gemeldet, tausende Schul-, Berufsschul- und Hochschulabsolventen suchen nach einem Einstiegsjob. Und noch viele Tausend andere würden ihren derzeitigen Arbeitsplatz lieber heute als morgen verlassen, wenn sie einen attraktiveren Job ergattern könnten. Sie alle stellen sich die Frage: Wie bekommt man heute am ehesten seinen Fuß in die Tür des Arbeitgebers, was wünschen sich die Betriebe eigentlich von Bewerbern – und künftigen Mitarbeitern?

Ohne Praktika kaum eine Chance

Immerhin haben die Arbeitgeber zurzeit freie Wahl unter den Kandidaten. Der so genannte „war for talents“ unter den Unternehmen ist für die Jobsuchenden längst zum „war of talents“ geworden. Damit die eigene Bewerbungsmappe nicht umgehend aussortiert wird, müssen mehr als nur die in den einschlägigen Ratgeberbüchern aufgelisteten Mindestkriterien erfüllt sein. Denn jeder Betrieb hat eigene Vorstellungen von dem, was ihnen ein Kandidat auf jeden Fall bieten muss. Manche Unternehmen legen besonders großen Wert auf Praktika und Auslandserfahrung, andere haben sehr konkrete Vorstellungen bei den sozialen Kompetenzen oder achten darauf, dass die Kandidaten auch mal in andere Disziplinen hineingeschnuppert haben. Auf diese Vorlieben sollte man sich rechtzeitig einstellen.

Für Klaus Beucke zum Beispiel, den Personalleiter der Daimler Chrysler Vertriebsorganisation Deutschland (DCVD), steht fest: „Wir legen bei Berufseinsteigern großen Wert darauf, dass sie ihre Nähe zur Arbeitswelt schon unter Beweis gestellt haben.“ Von der Zentrale am Potsdamer Platz steuern mehr als 1000 Mitarbeiter der DCVD den nationalen Vertrieb der jährlich etwa 450 000 Neuwagen. Damit ist die DCVD die größte Vertriebsorganisation der deutschen Automobilbranche. Ohne Praktika oder fachbezogene Nebenjobs haben Bewerber kaum eine Chance, Fuß zu fassen.

Dasselbe gilt für die Siemens AG: „Am besten ist es, wenn wir den Bewerber schon durch ein Praktikum bei uns kennen gelernt haben“, sagt Unternehmenssprecher Claus-Jürgen Volkmann. Und auch bei Universal Music kommt man ohne praktische Erfahrung meist nicht in die nächste Runde.

Ähnlich sieht es in der Multimedia-Branche aus. „Es gibt bei uns noch keinen einheitlichen Werdegang“, berichtet Malte Prien von der Berliner Multimedia-Agentur F 3. Daher werden viele Berufseinsteiger zuerst als Praktikanten eingestellt. Zeigt der Bewerber dann Einsatzbereitschaft und fachliches Wissen, winkt ihm ein fester Arbeitsvertrag.

Nicht nur durch Praktika verschafft man sich Pluspukte. Auch auf Auslandserfahrung möchten nur wenige Personalchefs verzichten. „Siemens ist ein weltweites Unternehmen. Globale Orientierung und interkulturelle Kompetenz sollten Bewerber schon mitbringen“, meint Claus-Jürgen Volkmann. Dabei ist es oft nicht wichtig, ob die Erfahrung im Rahmen eines auswärtigen Studiums, eines Praktikums oder eines Au-Pair-Jahres gesammelt wurde. „Nur bitte keine Rucksackreise“, meint Lutz Thimm von der Unternehmensberatung Kienbaum. „Fotos schießen und Sonne tanken reicht nicht.“

Vor allem müssen Bewerber durch ihre sozialen Kompetenzen, die so genannten „Soft-Skills“, überzeugen. Auch Kienbaum-Manager Lutz Thimm nimmt gerne mal jemanden „mit nur durchschnittlichen Noten“ in die engere Wahl. Vorausgesetzt, er hat eine „gute, durchsetzungsfähige Persönlichkeit“. Was die Personalentscheider der Unternehmen darunter verstehen, weiß Thimm aus der Studie „High Potentials – Führungskräfte von morgen“. Mit der hatte die Kienbaum Executive Consultants GmbH im vergangenen Jahr nach den Erwartungen der Unternehmen gefragt. Als wesentliche Forderungen haben sich dabei herausgestellt: hohe fachliche, soziale, methodische und kommunikative Kompetenz, also Teamfähigkeit, Kreativität, Belastbarkeit und der Wille, immer weiter zu lernen.

Akademische Leistungen rückten bei dieser Befragung eher in den Hintergrund. Gleichwohl warnt Berater Thimm davor, sich allein auf seine sozialen Fähigkeiten zu verlassen. Seine Überzeugung: „Es gibt zu viele Mitbewerber, die neben den Soft-Skills auch gute Noten vorweisen können.“

Die F 3-Geschäftsführer Malte Prien und Robert Veselic weisen noch auf eine andere Dimension hin: „Wir brauchen eine Kombination aus fachlichem Wissen und Kreativität.“ In der Universitätsausbildung werde das zu wenig berücksichtigt, deshalb sagen sie: „Ein Bewerber sollte ein großes Maß an Eigeninitiative zeigen, denn vieles muss man sich eben selbst beibringen.“

Oder man schaut bei anderen ab. Alle Projekte bei der Multimedia-Agentur F 3, seien es Online-Spiele, Webauftritte für Kinofilme oder Animationen, werden in Teams realisiert. Teamfähigkeit ist ein absolutes Muss.

Wer all diese Fähigkeiten besitzt, sollte das im Bewerbungsschreiben klar und deutlich zum Ausdruck bringen. Wie sollten die F 3-Manager oder auch die Personalentscheider bei Siemens sonst wissen, dass sie es mit einem Kandidaten ganz nach ihrem Geschmack zu tun haben. Auf Teamfähigkeit und Denken in übergeordneten Zusammenhängen legt der Münchner Elektrokonzern nämlich besonders großen Wert – insbesondere bei Technikern. „Ein Ingenieur muss bei uns auch BWL-Kenntnisse haben und umgekehrt“, sagt Claus-Jürgen Volkmann.

Auszeiten müssen begründet werden

Berufseinsteigern wird es also nicht einfach gemacht. Haben es Wiedereinsteiger – etwa nach einem unfreiwilligen Ausstieg in die Arbeitslosigkeit oder auch nach einem Sabbatical – ähnlich schwer? Siemens-Sprecher Volkmann beruhigt zumindest, was die Noten betrifft: „Sobald man Berufserfahrung hat, spielt der Abschluss keine Rolle mehr. Dann zählen nur noch die Projekte, die man betreut hat.“ Dafür muss man allerdings andere Hürden nehmen. Ludger Feldmann von Schering will von Wiedereinsteigern beispielsweise wissen: „Warum sind Sie ausgestiegen und möchten nun in unserem Unternehmen arbeiten?“

Nicht ausschließlich das eine oder das andere führt Bewerber also zum Erfolg, sondern der richtige Mix: ein Konglomerat aus harten Fakten und sozialen Kompetenzen.

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