Zeitung Heute : Der Modezar von Tempelhof

Er heißt Müller – Karl-Heinz Müller. Und ist der Erfinder der „größten Textilmesse der Welt“: Bread and Butter

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Das Plakat für die nächste Bread and Butter auf dem Flughafen Tempelhof zeigt drei Giganten, die eine Weltkugel halten. Dazu passt der Schriftzug des Firmenlogos: Universal. Die Berliner Messe für Straßenmode, im Fachjargon: urban- and streetwear, hat endgültig abgehoben. „Wir sind die größte Modemesse weltweit“, sagt Bread-and-Butter-Chef Karl-Heinz Müller, und lässt kaum Zweifel aufkommen, dass diese exorbitante Gründerstory vor allem sein Verdienst ist.

Müller empfängt seine Gäste wie alte Freunde, vor denen man nichts verbergen muss. Breites Lächeln, lässiger Gang, Hemd über der Hose. Am Konferenztisch versinkt er tief im Stuhl, grabbelt seine Zigaretten aus der Jacketttasche und erzählt mit Genuss, wie vor rund zehn Jahren der Name Bread and Butter entstanden ist. Ein Freund verspätete sich zum Meeting und brachte als Entschuldigung ein kleines Frühstück mit. Seitdem ist aus einer kleinen Konkurrenzveranstaltung zur Kölner „Interjeans“, die es längst nicht mehr gibt, ein eigenständiges Modeimperium geworden, das neben Müller noch rund 110 weitere Mitarbeiter ernährt. Umsatz, Gewinn, Standmieten und selbst die Zahl seiner Messebesucher hält Müller geheim.

Zahlen suggerieren Vergleichbarkeit, und die Bread and Butter will anders sein als die meisten Modeevents. Früher waren Modemessen eine trockene Angelegenheit. Man zeigte in fensterlosen Hallen seine Kollektion und wartete ab. Bei der Bread and Butter ist das Ausstellen von Kleidung eingebettet in eine Lifestyle-Gesamtpräsentation. Müller selbst fungiert als Animateur, Netzwerker und Promoter einer Lebensart, die Bodenständiges mit Extravaganz verbindet. Leute wie er wurden früher „Jeanser“ genannt. „Aus Sicht von Prada oder Gucci waren das die Straßenköter.“ Heute dominieren die Straßenköter den Modemarkt.

Bei der Bread and Butter gibt es eine Willkommensshow, Partys, Liveauftritte von Bands, die zur ausgestellten Mode von Adidas, Levi’s, Nike oder Boss passen. Es geht um Image und Inszenierung, um emotionale Machtentfaltung. Fürs Catering ist das Edellokal Borchardts zuständig. Bei Müller stehen die Aussteller Schlange, um in den erlesenen Kreis der Bread-and-Butter-Gemeinde aufgenommen zu werden. Und er ist der Türsteher? Müller grinst: „Könnte man so sagen.“ Wer reinkommt, bestimmt er. Die Marktführer im Jeansbereich sind natürlich gesetzt. „Wir sind die Königsdisziplin, die Premier League.“ Von seinen Standmieten würde die Berliner Messegesellschaft nur träumen, sagt er. Besucher zahlen dagegen nichts. 40 Mitarbeiter seiner Firma sind allein damit beschäftigt, Fachpublikum auf die Messe zu locken. Diese Abteilung nennt sich „Active Guest Management“. Damit Wohlfühlräume für die Gäste geschaffen werden, beschäftigt Müller fünf Architekten.

Mindestens so wichtig wie die Shows der Modelabel ist der Mythos des Ausstellungsortes. Berlin wirkt wie ein Magnet. Der ehemalige Flughafen Tempelhof lädt diesen Magneten mit zusätzlicher Spannung. Müller ist sich sicher, dass diese Reizmischung die nächsten zehn Jahre überdauert. „Berlin bleibt cool.“ Umziehen steht erst mal nicht zur Debatte. Höchstens erweitern um Messe-Ableger in Asien und Amerika.

Damit bricht die Bread and Butter mit ihrer eigenen Tradition. Nach drei Präsentationen als kleine Offshow in Köln zogen die Gründer 2003 nach Berlin weiter, in eine alte Siemens-Halle auf die Insel Gartenfeld in Spandau. Damals waren sie zu siebt im Organisationsbüro in der Kastanienallee im Stadtzentrum. Der Erfolg brachte den Messestandort Spandau schnell an seine Kapazitätsgrenze. Weil in Berlin kein größerer Ort zu haben war, brachte Müller die Bread and Butter nach Barcelona, wo er mit offenen Armen empfangen wurde. Dort wuchs die Messe weiter, bis an die 100 000-Besucher-Marke, doch die Zentrale blieb in Berlin. Als die Berliner über den Flughafen Tempelhof abstimmten, wollte Müller eigentlich mitstimmen, für die Offenhaltung des Flughafens, doch den Urnengang selbst habe er dann „verpennt“. Nach der Schließung rief er den Geschäftsführer der Berliner Immobilien Management (BIM) an, ob er das Gelände mieten könne. Nach kurzen Verhandlungen war der Vertrag perfekt.

Müllers Vater war Bergmann. Er selbst hat als Verkäufer im Einzelhandel angefangen und sich schnell hochgearbeitet von der Nahrungs- in die Textilbranche. Der Reiz war das große Geld. Mode interessiert ihn wenig, dass er nie eine Universität besucht hat, kümmert den Erfolgsmenschen nicht. „Ich spreche jeden Tag mit Top-Leuten, das bringt mich weiter.“ 1999 eröffnete Müller in Köln sein erstes Jeansgeschäft. Jetzt hat er einen Laden, das 14oz, in der Neuen Schönhauser Straße, unweit seines Hauptquartiers. Dort ist er immer samstags, um die Interaktion zwischen Verkäufer und Kunde zu beobachten. Müller kennt keine Trennlinie zwischen Beruf und Privatleben. Geschäftspartner sind gleichzeitig Freunde, mit denen man nach einer Besprechung noch feiern geht. Die Familie – Müller hat fünf Kinder – wird so gut es geht in den Betrieb eingebunden. Und von seinen Mitarbeitern erwartet Müller mindestens so viel Begeisterung, dass sie abends im Büro nicht gequält auf die Uhr schauen.

www.breadandbutter.com

Leute wie ich wurden früher ,Jeanser‘ genannt. Aus Sicht

von Prada oder Gucci waren das die Straßenköter. Heute

dominieren die Straßenköter den Modemarkt.“

Karl-Heinz Müller, Chef der Modemesse Bread and Butter

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