Zeitung Heute : Der moralische Notstand

Uwe Pralle

Vielleicht hätte "Die Bibliothek des Attentäters", Franz-Maria Sonners Roman über das Ende der "Rote Armee Fraktion" (RAF) und ihr Umfeld, in diesem Herbst noch einmal eine Debatte über den westdeutschen Linksterrorismus seit den 70er Jahren auslösen können. Immerhin ist seit einigen Jahren zu beobachten, besonders anhand etlicher Filme und Romane, dass dieser Komplex an der öffentlichen Bewusstseinsschwelle immer noch eine seltsam schattenhafte Präsenz besitzt - so, als steckten in den bis zur Auflösungserklärung im Jahr 1998 reichenden Aktivitäten der RAF einerseits Potentiale für allerlei Mythenbildungen, andererseits auch Bruchstücke der noch immer tabubelasteten bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Das Zeug zum Auslöser einer solchen Debatte hätte Sonners Roman mit seiner halb fiktiven, halb authentischen Fabel über ein unaufgeklärtes Attentat durchaus gehabt. Sonner hat aus einigen Aktionen der "Rote Armee Fraktion" - etwa den Morden an Schleyer, Ponto und Karry - sozusagen die terroristische Modellaktion eines Einzelgängers geformt, um so den Blick noch einmal auf originäre Schauplätze - und Motive - dieser eigenartigen Kleinkriege in der Bundesrepublik zu lenken. Doch dann kam der 11. September: und plötzlich wirkten alle Aktivitäten der einstigen Stadtguerilla eher wie Sandkastenspiele, nachdem nun in New York und Washington die terroristischen Schlachtfelder einer anderen Zeit sichtbar geworden waren.

Die gute alte Zeit und ihre Begründungen

Aus dem Blickwinkel von "ground zero", wo mit den Symbolen des Westens ja auch die Motive ihrer Zerstörer in rätselhaften Trümmern liegen, liest sich Sonners Roman jetzt fast wie eine Geschichte aus der guten alten Zeit - als zu revolutionären Handlungen ihre Begründungen noch gleich mitgeliefert werden konnten.

Die provokante Pointe in "Die Bibliothek des Attentäters" ist jedenfalls, dass ein eigenbrötlerischer Randgänger der linksradikalen Szene, der Fernsehjournalist und Bücherliebhaber Jakob Amon, 1984 aus einem präzisen Motiv zu einer impulsiven, aber auch dilettantischen Tat schreitet. Er entdeckt, dass der Präsident des "Deutschen Industrietages" einst als SS-Angehöriger nicht nur die besetzte Tschechoslowakei wirtschaftlich auszuplündern half, sondern noch kurz vor Kriegsende dort sechzig Geiseln hat erschiessen lassen. Mit seiner Entdeckung stößt er aber weder bei seinen Redakteuren auf Widerhall noch bei zwei RAF-Angehörigen, die ihn offenbar schon länger zu "rekrutieren" versuchen. Zu Amons Unglück misslingt sein Plan, Karmann, dem ziemlich präzise dem ehemaligen SS-Mann Schleyer nachgebildeten Repräsentanten der deutschen Industrie, mit einer Sportpistole in die Beine zu schießen; der verblutet nach den Schüssen vielmehr: "Mörder wider Willen - das war das schlimmste."

Das Attentat und sein Nachhall

Trotz seines auch sonst dilettantischen Vorgehens wird Amon aber nicht gefasst, weil zu dieser Zeit der Leiter der Terrorismus-Sonderkommission Konrad Bärloch - wie sein Vorbild Horst Herold, der einstige BKA-Chef - gerade entmachtet worden ist und seine Computerfahndungsergebnisse für sich behält. So kann Franz-Maria Sonner anhand dieser Romanfiguren den Nachhall des Attentats bis ins Jahr 1998 verfolgen, in dem sich die "Rote-Armee-Fraktion" auflöste.

In seiner Fabel vom randgängerischen Attentäter, dem die restaurative Atmosphäre in der Bundesrepublik mit ungezählten wieder zu Amt und Würden gekommenen Tätern aus der Nazi-Zeit ebenso verhasst ist wie die starren Hierarchien in den militanten Gruppen, hat der achtundvierzigjährige, in München lebende Sonner eine Michael-Kohlhaas-Gestalt seiner Generation in den Mittelpunkt gestellt.

Sein Tatmotiv wird einmal mit der treffenden, sich wohl auch auf die in den 60er Jahren aufflackernden Proteste gegen die "Notstandsgesetze" zurückbeziehenden Wendung vom "moralischen Notstand" umrissen; und tatsächlich gehörte auch dieser "moralische Notstand" bei der Radikalisierung mancher Angehöriger jener Generationen damals zu den entscheidenden Motiven, die im Nachhinein aber meistens vom Bild der - aus völlig unerklärlichen Motiven - skrupellos gewalttätigen RAF verdeckt wurden.

Sonners Roman ist darauf angelegt, durch Amons Figur noch einmal dieses in den Terrorismus mündende Ur-Motiv hervorzuheben - und sowohl von den Rückwirkungen des Attentats auf einen Täter wie ihn als auch der gewissermaßen in der Logik eines jeden Terrorismus liegenden Verkehrung aller seiner überhaupt denkbaren Motive zu erzählen. Jedenfalls stößt der Erzähler des Romans - er ist einer der wenigen Freunde Amons in München, wo dieser nach dem Attentat ein neues Leben zu beginnen versuchte, bis er 1998 schließlich selbst einen gewaltsamen Tod findet - ziemlich schnell auf diese Zusammenhänge, als er Amons Existenzspuren zu entwirren sucht, weil er aus mysteriösen Gründen plötzlich selbst in Gefahr gerät.

Zwar bestimmt der Erzählgestus einer Kriminalstory - wer hat Amon umgebracht und verfolgt den Erzähler - den längeren Gegenwartsabschnitt des zweiteiligen Romans. "Damals" und "Heute" heißen die Teile, die allmählich herausschälen, dass die langwierige Verstrickung in die abgrundtiefe Feindschaft zwischen dem Staat und seinen damaligen Herausforderern sich nicht so ohne weiteres - es sei denn für frühgeübte Akrobaten ständiger Anpassung - abschütteln lässt.

Das gilt im übrigen auch für die Schlüsselfigur des Konrad Bärloch, das verkannte Genie der durch die Ereignisse der letzten Wochen und Monate jetzt wieder in die Schlagzeilen gekommenen Rasterfahndung, der in einem Erzählstrang als komplementäre Figur zu Amon auftaucht. Zwischen Bierkästen und Computern langsam aufschwemmend, lebt er in einem von ihm sarkastisch "Obersalzberg" oder auch "Volksgefängnis" genannten Bungalow auf einem Kasernengelände und erstickt - wie seine Antipoden - mit seiner Besessenheit langsam sein Leben.

Die Gegner sehen sich täuschend ähnlich

Trotz der im "Heute" in den Vordergrund tretenden Kriminalstory bleibt Sonners Blick aber immer auch auf die fatale Logik des Terrorismus gerichtet, in deren Verständnis Amon und Bärloch geradezu Brüder im Geiste sind. Paradoxerweise ist es gerade Bärloch, der durch seine besessene Einfühlung in die Denkwelt seiner Gegner stets auch einige tabuierte Realitätsreste ihres "revolutionären Kampfes" gesehen hat, aber nicht als "Deserteur" oder "verwirrter Querkopf" beschimpft werden wollte, wenn er Ansichten wie diese offen äußern würde: "vieles an den Überlegungen der RAF (war) richtig."

Allein ihre Existenz war schon ein Symptom. Die Gesellschaft war krank. Kein Kommentar wagte dies einzugestehen. Statt einer Analyse wurden Haltungen und Bekenntnisse vorgetragen. Verirrt, verrückt oder fanatisch, andere Einordnungen waren nicht statthaft. Wo war der freie Blick? Das ungetrübte Urteil?"

Das Beharren darauf, "normalerweise pflichtschuldig mitgelieferte Empörung über die Tat beiseite zu lassen", verbindet ihn mit Amon, der in einem nachgelassenen Manuskipt über das politische Attentat umgekehrt zu dem Schluß gekommen ist: "Sein Motiv ist ein idealistisches. Aber die Geschichte interessiert sich nicht für Motive und dreht den Zusammenhang um. Sie verurteilt zumeist den Täter und verklärt das Opfer. So arbeiten die Folgen der Tat gegen ihn."

Damit ist dem dilettantische Attentäter mit moralischem Motiv zumindest ein Aspekt der fatalen Logik des Terrorismus aufgegangen: er hat wider Willen für die Exkulpierung von Karmann gesorgt - und es ist ja kein Geheimnis, dass die RAF und andere in der Sprache und Politik "militärischer" Gewalt erstarrte Gruppen unter anderem auch ein sehr nützliches Feindbild geliefert haben, um von hierzulande brisanten Fragen nach Tätern und Opfern zu entlasten.

Die Fronten formieren sich neu

Sonners Versuch, nach dem Ende der RAF einen nun möglich scheinenden freieren Blick auf Motiv- und Umfelder des westdeutschen Terrorismus zu riskieren, ist sicherlich überfällig gewesen. Auch kann ihm der Mut nicht abgesprochen werden, sich den ja noch immer sehr schnell einsetzenden Abwehrreflexen auszusetzen, wenn diese deutschen Untergründe einmal ohne das übliche Betroffenheitsbrimborium ausgeleuchtet werden. Sicher ist sein Roman nicht das abschließende Epos über diese Ära, aber eine luzide Erzählung vom deutschen Trauerspiel eines moralischen Notstands, dessen Motive zwischen den beiden sich formierenden Fronten zerrieben worden sind. Allerdings hat Franz-Maria Sonner das Pech gehabt, ausgerechnet in einem Moment davon zu erzählen, da den "freien Blick" auf solche Schauplätze plötzlich schon wieder neue Polarisierungen verstellen.

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