Zeitung Heute : Der Mord von nebenan

Kreidekreise zeichnen am Tag danach den Weg von Stefan H. durch Kreuzberg nach. Drei Menschen schoss er nieder, dann nahm er sich das Leben. Vermutlich war es ein Eifersuchtsdrama, das sich vor den Augen hunderter Cafébesucher abspielte. Auf den Spuren eines Verbrechens.

Katja Füchsel

Das Zeitungsgeschäft in der Ohlauer Straße betritt Stefan H. seelenruhig. Als ob er gerade vom Bäcker nebenan käme, sagt die Zigarettenhändlerin, und beschreibt einen höflichen jungen Mann, blond, mit ordentlicher Frisur, Jeans. Der Kunde verlangt ein Päckchen American Spirit. „Die Gesunden“, sagt Frau Beyersdorf. Zigaretten aus reinem Tabak, ohne Zusatzstoffe. Auf Gesundheit legt Stefan H. offenbar Wert, obwohl er gerade eben zwei Menschen niedergeschossen hat, seine Ex-Freundin und einen Radfahrer. Am helllichten Tag, mitten im Szenebezirk Kreuzberg. „Auf Wiedersehen“, ruft Stefan H. im Kiosk noch zum Abschied. Sekunden später schießt er vor der Tür einem Polizisten mit der Pistole in die Brust, verletzt ihn schwer.

Der Amoklauf von Stefan H., einem Sportschützen, beginnt am Montag gegen 17 Uhr 25. In einer Gegend, in der sich Kneipen an Bars und thailändische Restaurants reihen. Ein lauer Sommerabend, die Tische draußen sind dicht besetzt. Gelächter schallt über die Straße, Musik aus jeder Kneipe. Vorm „Travolta“ sitzt auch Regine H., 39. Die Kreuzbergerin hat sich erst vor kurzem von Stefan H. getrennt, er kommt damit offenbar nicht zurecht. Beziehungsdrama nennt so etwas die Polizei und beschreibt nüchtern das Geschehen. Der Täter habe sich vor dem Café seinem Opfer genähert, heißt es knapp und: „Aus nächster Nähe schoss der 38-Jährige aus Treptow der Frau in den Kopf. Sie starb noch am Tatort.“

Unter Schock

An die täglichen Pöbeleien und Schlägereien haben sich die Kreuzberger längst gewöhnt, auch an die Säufer und Junkies. Aber wer rechnet schon mit so was? Vorm „Travolta“ bricht Panik aus, einige Gäste versuchen, sich in Sicherheit zu bringen, andere bleiben reglos sitzen, unter Schock. Es ist noch nicht klar, was dann geschieht. Ein Zeuge sagt, der Radfahrer Markus M. sei zufällig des Weges gekommen, habe versucht einzugreifen und den Mann mit der Waffe angeschrien. Andere, die Markus M. kennen, sagen, er und Regine H. seien seit kurzem ein Paar gewesen. Sie glauben nicht an Zufall, halten Eifersucht für das Motiv der Schüsse auf die beiden.

Stefan H. bleibt in dem ganzen Durcheinander völlig cool, jedenfalls nach außen. Überquert nach dem Mord an Regine H. die Straße, „wobei er auf einen entgegenkommenden Radfahrer schoss“, wie die Polizei sagt. Der 31-Jährige Markus M. stürzt vom Rad, liegt auf dem Asphalt – Stefan H. drückt wieder und wieder ab. „Die Patronenhülsen fielen auf den Boden“, sagt ein Nachbar.

Schon kurz nach der Schießerei sperrt die Polizei die Gegend weiträumig ab, befragt bis in die Nacht hunderte Zeugen, sichert Spuren und hinterlässt auch welche: Kreidekreise sind am Dienstagvormittag noch auf den Bürgersteigen zu sehen. An der Stelle, wo das Geschoss Markus M. vom Rad riss, flattert noch ein Stück rot-weiße Absperrleine im Wind. Fußgänger schütteln den Kopf, murmeln im Vorübergehen „überall noch das ganze Blut“.

Die Schüsse haben sie in der Nachbarschaft fast alle gehört – und sich dabei erst mal keine Gedanken gemacht. „Klang wie die übliche Böller-Knallerei in Kreuzberg“, sagt ein Geschäftsmann, der lieber anonym bleiben will. „Ich dachte, die Türkei hat mal wieder im Fußball gewonnen.“ Die Sirenen von Polizei und Feuerwehr gehören an der Wiener Straße zur alltäglichen Melodie. Schließlich liegt die Feuerwache gleich nebenan und das Urban-Krankenhaus ist auch nicht allzu weit. Erst als der Mann in seinem Geschäft die Menschen schreien hört, tritt er vor die Tür – und trifft auf den Täter Stefan H. Es ist dessen Ruhe, die den Mann bis heute am meisten erschreckt. „Schießt zwei Leute nieder und geht ganz normal weiter!“

Vielleicht 40 Meter die Wiener Straße hinauf in Richtung Ohlauer Straße liegt die „Bar 11“. Eine dunkle Höhle, der Eingang umrahmt von einer Art riesiger Fassdaube. Hier warten sie am Montag auf den Barkeeper: Markus M. Sie hören Schüsse, ein Stammgast kommt und sagt: Der da liegt – das ist Markus in seinen schwarzen Lederhosen. Sie machen sofort die Kneipe zu. Stellen einen großen Kerzenleuchter ins Fenster, denn erst heißt es, Markus M. sei tot. Dabei hat ihn die Feuerwehr schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Das Wachs der Kerzen ist in der Nacht ans Glas getropft, erstarrt in weißen Tropfen. Robby, der Wirt, hat noch drei rote Kerzen ins Fenster gestellt. Am Vormittag sitzt er vor der Tür auf einer Bank, raucht und nippt an einem Glas. Eines macht der Hüne in Armeehosen gleich klar: „Ich gebe keine Interviews, wenn die Kohle nicht stimmt.“ 500 Euro verlangt Robby, nicht für sich, das Geld wolle er für seinen Barkeeper sammeln, „alles andere hat er nicht verdient“. Und dann sagt Robby, als er sich wieder in seine dunkle Bar zurückzieht: „Unglaublich, diese ganzen Irren!“

Dem Täter Stefan H. muss von Anfang an klar gewesen sein, dass er keine Chance hat, zu Fuß zu entkommen. Dass er gestellt werden würde. Als er sich davonmacht, greifen überall die Gäste und Wirte zu ihren Handys, rufen die Feuerwehr, lotsen zwei Streifenwagen der Polizei durch die Straßen. Stefan H. reagiert auf nichts mehr. „Der wirkte nach den Schüssen wie weggetreten. Hatte so ein blasses Gesicht, einen starren Ausdruck“, sagt ein Augenzeuge.

Die Axt unterm Tresen

Im Zigarettengeschäft, Ohlauer Straße, wissen sie da noch von nichts. Der Lärm der Schüsse ist hierher nicht gedrungen. Mit seinem Päckchen „American Spirit“ stellt die Polizei Stefan H. dann vor der Tür: Hände hoch! Der Verdächtige ignoriert den Befehl. Wir schießen! Keine Reaktion. Als sich ein 43-jähriger Polizeihauptmeister langsam nähert, ballert Stefan H. los. Der Polizist bricht zusammen, die anderen suchen Deckung, während Stefan H. im Hausflur der Nummer 42 verschwindet.

Da schreckt Friederik Beyersdorf, den sie hier alle nur Benny nennen, in seiner Wohnung heftig auf. Er greift zum Hörer, und als sich die Mutter im Zigarettengeschäft nebenan nicht meldet, sprintet Beyersdorf los. „Fünfmal sind wir schon überfallen worden“, sagt der Mann mit Bart und Zopf. Er will es inzwischen nicht mehr auf den Zufall ankommen lassen, hat unterm Tresen eine Axt und einen Baseballschläger deponiert. „Dann hau ich richtig zu“, sagt er.

Eine Videokamera hat Stefan H. beim Zigarettenkauf gefilmt, die Polizei das Band aber sofort beschlagnahmt. Am Vormittag zeichnen die gelben Kreidekreise der Spurensicherung den letzten Weg von Stefan H. nach. Durch die türkisfarbene Tür der Hausnummer 42 läuft er hindurch, den dunklen Flur entlang zum ersten Hof. Hohe Häuserwände, Asphalt, Schüsse hallen. Stefan H. läuft weiter, hetzt den nächsten Gang entlang, findet sich aber im zweiten Hof schließlich in der Falle. Nimmt seine Pistole, hält sie an den Kopf, drückt ab. Dort, wo sein Körper niedersank, haben die Polizisten den größten Kreidekreis gezogen. Auch gelb, aber schon ganz verblasst.

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