Zeitung Heute : Der multimediale Kunde ist Teil der Firma

KURT SAGATZ

Auf dem Multimedia-Kongreß in Stuttgart hoffen Unternehmen auf eine neue Kultur der KommunikationVON KURT SAGATZMultimedia gehört zu den bedeutendsten Wachstumsbranchen in Deutschland und somit auch zu einem der wichtigsten Hoffnungsträger.Von diesem Optimismus war auch der Deutsche Multimedia Kongreß 98 geprägt, der von Sonntag bis Dienstag in Stuttgart vom wissenschaftlichen Springer-Verlag zum sechsten Mal veranstaltet wurde.Rund 100 Referenten diskutierten mit 1000 Experten an den drei Tagen über die neuesten Entwicklungen der Online- und Multimedia-Technologien und deren Bedeutung für die Wirtschaft.Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers hatte bereits zur Eröffnung der Veranstaltung erklärt, daß bei konsequenter Nutzung von Multimedia in den nächsten zehn Jahren 200 000 Arbeitsplätze neu geschaffen und 1,2 Millionen gesichert werden könnten. Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel unterstrich, daß Multimedia bereits heute eine nicht zu vernachlässigende Größe darstellt.1997 seien in Deutschland über das Internet 900 Millionen Mark umgesetzt worden, in diesem Jahr würde sich der Handel über das Netz verdreifachen, so Teufel."Der elektronische Handel wird eine Bedeutung gewinnen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können", prognostizierte der Ministerpräsident. Dies meint auch der Aufsichtsratsvorsitzende der IBM Deutschland, Edmund Hug.Der Wandel zu einer modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft stelle in einem Unternehmen alles in Frage, von der Strategie und Struktur über die Produkte und Vertriebswege bis hin zum Service-Konzept und der Mitarbeiterstruktur, erklärte Hug den anwesenden Multimedia-Experten.Dies gelte auch für die Geschwindigkeit, mit der diese Prozesse abliefen.So hätte es 55 Jahre gedauert, bis weltweit 50 Millionen Autos verkauft worden seien.Beim Radio habe diese Zeitspanne 38, beim Fernsehen 18 und beim Internet nur drei Jahre betragen. Hinter Multimedia steckt heutzutage weitaus mehr als eine neue Form der Unterhaltung und Werbung, dies wurde auf dem DMMK deutlich.Vor allem ein Thema beschäftigt derzeit nicht nur die Multimedia-Branche, sondern die gesamte Wirtschaft: Corporate Change.Gemeint ist damit ein neues, offeneres Selbstverständnis der Firmen, die Informationen innerhalb des Unternehmens, mit ihren Lieferanten und nicht zuletzt mit ihren Kunden auf eine neue Basis stellen sollen.Der Kunde wird Bestandteil des Unternehmens, faßte Stephan Köhler von der Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark die Veränderungen in den Firmen zusammen."Multimedia reicht in alle Bereiche des Wirtschaftens hinein und erfordere ein neues Denken und Handeln, daß nicht reagiert, sondern agiert", sagte Köhler. So ist die Frankfurter Metallgesellschaft gerade dabei, ihre Kommunikationsstrukturen mit Hilfe der neuen Medien komplett umzukrempeln.Sie betraute dazu die Wiesbadener Agentur Concept nicht nur mit der Realisierung eines neuen Internet-Auftritts, sondern mit der Umgestaltung aller Kommunikationsabläufe sowohl intern als auch zu Öffentlichkeit und Presse sowie zu Lieferanten und Aktionären, wie Concept-Geschäftsführer Volker Tietgens erläuterte.In einer abgestimmten Strategie wird die Kommunikation angefangen bei der Holding bis zu den Töchtern der Tochterunternehmen auf Internet und Intranet umgestellt.Dies erfordere zwar erhebliche Investitionen, könne aber am Ende dazu beitragen, Gelder zu sparen. Die Bereitschaft, sich ihren Kunden in neuer Form zu öffnen, zeigt derzeit auch der Spielwaren-Hersteller Lego aus Dänemark, der in Deutschland von der Agentur Sercon betreut wird.Getragen von der Einsicht, daß Kinder eines gewissen Alters an heute lieber mit dem Computer als mit Legosteinen spielen, hat sich das Unternehmen kräftig gewandelt.Zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft soll die Produktreihe "Mindstorms" in den Handel kommen, die beide Bereiche integrieren wird.Zu den bekannten Spielzeugen werden sich dann miniaturisierte Computer gesellen, die aus den Legosteinen Roboter machen, die von den Kindern selbst am PC programmiert werden können.Die Kinder werden zudem dazu aufgefordert, diese Programme über die Lego-Website www.lego.com auszutauschen.Dort könnten sie dann überdies speziell vorbereitete elektronische Postkarten für ihre Freunde per E-Mail versenden.Die dahinterstehende Absicht ist klar: Mit den vielen kleinen Angeboten will Lego auch in Zukunft die Kinder an sich binden, diesmal eben über das Internet. Allein Gutes zu tun, wird dabei allerdings nicht ausreichen.Es wird in Zukunft noch stärker darauf ankommen, daß darüber auch geredet wird.Während viele Firmen sich inzwischen bereits dazu durchgerungen haben, Geld für ihren Internet-Einstieg und die Pflege des Angebots auszugeben, wird die Bedeutung der Online-Werbung künftig noch zunehmen, meint unter anderem der Marketing-Leiter der zur Verlagsgruppe Handelsblatt gehörenden GWP, Arndt Groth.Wer also ins Netz geht, sollte sich überlegen, daß für die Werbung noch einmal ein ähnlicher Betrag wie für die Pflege aufgewandt werden sollte, damit das Angebot auch die angestrebte Breitenwirkung erzielt. Bei allen Diskussionen um Multimedia und Corporate Change dürfen nach Ansicht von Ministerpräsident Teufel allerdings die klassischen Medien nicht vergessen werden.In einer digitalen Multimedia-Welt dürfe der Rundfunk nicht als Dinosaurier zurückbleiben.Teufel forderte daher, Hörfunk und Fernsehen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren flächendeckend auf digitale Übertragung umzustellen, sowohl bei Kabel und Satellit als auch beim Empfang über die Hausantenne.

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