Zeitung Heute : Der Muslim aus Midwest

Keith Ellison hat beste Chancen, in den US-Kongress einzuziehen – als erster islamischer Kandidat

Christoph von Marschall[Minneapolis/Minnesota]

Die Hauptperson schleicht sich von hinten an. Das Auto hat er auf der anderen Seite der Wiese halten lassen. Gemütlich ist er in der Mittagssonne herüber geschlendert zu den Wahlkampfständen der Demokraten im Kenwood Park. Die Hände in den Hosentaschen, lässig, als sei er einer der Bürger dieses Oberklasseviertels, das an Berlin-Grunewald erinnert: Einfamilienhäuser und Villen, die sich um kleine Seen gruppieren. Schwarze sieht man nicht oft in dieser weißen Gegend. Aber wer in den US-Kongress gewählt werden will, gibt sich als Typ von nebenan. Und dorthin will Keith Ellison, 43 Jahre alt – als als erster schwarzer Abgeordneter aus Minnesota. Und: als erster Muslim in der Geschichte Amerikas.

Die Demokraten haben ihn als ihren Kandidaten nominiert, und der Wahlkreis „Minneapolis Mitte“ wählt verlässlich demokratisch. Er reicht von der Villengegend bis in die Viertel der weißen Arbeiter, der Latinos und der Einwanderer aus Somalia.

Ausgerechnet im Mittleren Westen, der als wenig weltoffen gilt, wird der erste schwarze Muslim in den US-Kongress gewählt? In einer Zeit, von der man meinen könnte, Amerika sei voller Misstrauen gegenüber der islamischen Welt? Man kann sich täuschen. Minnesota ist weit weg von Washington, hier gelten etwas andere politische Regeln.

Dennoch befolgt Keith Ellison ein paar Gesetze, die weit über Minnesota hinaus gelten. Aus dem Landtag kennt man ihn als Pragmatiker, dieses Bild möchte er auch im Wahlkampf vermitteln. Er will sich nicht auf einen reduzieren lassen, der Klientelpolitik für Muslime oder Schwarze macht. Er ist daher auffallend bemüht, seinen Glauben und seine Hautfarbe nicht zum Thema zu machen. „Meine Religion ist Privatsache“, sagt er. Es ist sein Mantra.

Seine Religion spiele keine Rolle, sagen auch alle, die man fragt beim „Demokratischen Picknick“ unter den mächtigen, herbstlich verfärbten Laubbäumen – ob Christ oder Jude, weiß oder schwarz.

Keith Ellison schüttelt die Hände der lokalen Hierarchen, der Geruch gebratener Würstchen zieht vom Grill herüber. Auf der Wiese spielt sich eine Band warm. Ellison trägt Jeans, ein türkis kariertes Hemd, braune Lederschuhe. Er springt auf einen der Picknicktische aus rohem Holz. „Wie geht es dem Wahlbezirk 60?“ Der freundliche Beifall reicht ihm nicht. „Ich kann Euch nicht hören.“ Nun antworten die 50 Parteifreunde lauter. „Noch 21 Tage bis zur Wahl“, ruft Keith. „Noch 21 Tage, um von Tür zu Tür zu gehen und Bekannte anzurufen. Bringt unsere Wähler an die Urnen!“

Keith Ellison ist in Detroit aufgewachsen, mit vier Brüdern. Der Vater, ein Psychiater, und die Mutter, eine Sozialarbeiterin, waren in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Und in Detroit ist er vor 24 Jahren während des Jurastudiums zum Islam konvertiert. Seine Gründe? „Eine rein persönliche Entscheidung.“ Er habe seine Religion „nie zum Thema gemacht“. Da ist es wieder, das Mauern.

Die Zurückhaltung hat vielleicht noch einen Grund. Damals, mit 19, hat er in der Studentenzeitung den radikalen schwarzen Muslimführer Louis Farrakhan gepriesen, der schon häufiger mit antisemitischen Parolen aufgefallen war: Der sei doch gar kein Antisemit. Seine Gegner haben die Artikel jüngst ausgekramt. Keith Ellison distanzierte sich davon. „Jugendsünden“ seien das gewesen. Heute wisse er, dass Farrakhans Parolen antisemitisch sind.

Die jüdischen Organisationen hat er mit seiner Reue überzeugt, sie haben sogar eine Wahlempfehlung für ihn abgegeben. „Keith hat Führungsqualitäten“, sagt Zev Aelony, ein weißhaariger Jude. Als rechte Republikaner den Holocaust leugneten, habe Keith Ellison eine Anhörung im Landtag durchgesetzt. Keith sei eben einer, der sich kümmert, der Menschen zusammenbringt. Zev Aelony wagt einen großen Vergleich: „Er ist unser Colin Powell – mit einer demokratischen Seele.“ Powell, der schwarze Außenminister der ersten Bush-Regierung, galt als warmherzig, als Integrationsfigur der Partei.

Als Advokat des Gemeinwohls, dessen Hautfarbe und Religion ohne Belang sind, tritt Keith Ellison im Kenwood Park auf. Und als Teamspieler. Seine Wahl in den Kongress ist so gut wie sicher. Und um jene wenigen Bürger der Stadt, die nicht demokratisch wählen, streiten sich gleich zwei Gegner: die Republikaner und die Independence Party. Das regionale Drei-Parteien-System ist noch so eine Besonderheit in Minnesota.

Keith Ellison ist in den Kenwood Park gekommen, um die lokalen Kandidaten des Unterbezirks 60 für den Landtag zu unterstützen. Als Dank dafür, dass sie ihm bei seiner Nominierung geholfen haben. „Wie viele Tage?“ Die Menge antwortet laut: „21!“ Auf jeden einzelnen komme es an, „die Erwachsenen, die Kinder, die Veteranen“, das sei der Unterschied zu den Republikanern, die nur für die Reichen da seien. „Noch 21 Tage! Redet mit euren Nachbarn, ruft die Bekannten an. Noch 21 Tage!“

Ausländische Journalisten bringen keine Stimmen, aber Ellison nimmt sich etwas Zeit, ehe er zum nächsten Termin eilt. Natürlich, er sei gegen den Irakkrieg. Nachfragen weicht er allerdings aus. Wie es weitergehen soll im Irak, wenn die US-Truppen abziehen? Statt zu antworten, wechselt er das Thema: Präsident Bush spalte das Land, mit der Irak-Politik wie in der Gesundheitspolitik. „48 Millionen Menschen haben keine Krankenversicherung.“ Und die Vorwürfe, mit denen Republikaner ihn nun jagen: Keith habe Steuern hinterzogen und Strafen für Verkehrsdelikte nicht bezahlt? „Wir alle haben unsere Fehler gemacht, als wir jünger waren. Ich habe meine korrigiert und mich entschuldigt.“ Er lenkt das Gespräch auf erneuerbare Energien und den viel zu niedrigen Mindestlohn. Dann muss er weiter.

Am 7. November wird gewählt. Und Keith Ellison ist nur das prominenteste von vielen Beispielen, die zeigen: Minnesota tickt anders als die politische Zentrale in Washington. Da wäre etwa Robert Fitzgerald, 29-jähriger Kandidat für den US-Senat, der in einem feuerroten Schulbus durch den Staat tourt. Wo er auftaucht, riecht es nach Brathähnchen und Pommes. Denn Fitzgerald fährt mit „Biodiesel“, verbrauchtem Küchenöl, das er bei Restaurants und Imbissbuden abholt und daheim in Handarbeit filtert. Für den Wahlsieg wird es wohl nicht ganz reichen, aber der Jungpolitiker ist so bekannt und populär, dass die Konkurrenten sich äußern müssen zu seinen Themen: der Umweltpolitik und Amerikas Abhängigkeit von Ölimporten.

Minnesota ist durch deutsche, irische und skandinavische Einwanderer geprägt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war die Partei der Farmer und Arbeiter mächtigste Kraft. Seit der Fusion mit den Demokraten leben die drei Säulen – Demokraten, Farmer und Labor – im Kürzel DFL fort. In den 90er Jahren entstand die Independence Party als neue dritte Kraft. Dank ihr wurde der Wrestler und Schauspieler Jesse Ventura 1999 Gouverneur von Minnesota – auch das ein Protest gegen die etablierte Politik. Sie hätten ihn wiedergewählt, er wollte nicht mehr.

Nun gibt es eine Wechselstimmung im Land. Mehrere Skandale machen den Republikanern zu schaffen. Ihr Abgeordneter Mark Foley hat sexuelle E-Mails an minderjährige Praktikanten verschickt. Der Abgeordnete Bob Ney hat gestanden, dass er sich bestechen ließ. Nun trauen die Wahlforscher es den Demokraten zu, die Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu kippen. 16 Sitze müssen sie dazugewinnen, 30 bis 50 der landesweit 435 Wahlkreise gelten als hart umkämpft. Minnesota ist einer der „Swing“-Staaten, die mal so, mal so wählen. Aber Minnesota zeigt auch, wie verschieden die Regionen sind und wie schwierig es ist, nationale Debatten zu entfachen, die alle Bürger ansprechen. Lokale Traditionen entscheiden.

In Minneapolis dominieren die Demokraten. Vor den Toren der Stadt aber ist die Stimmung eher konservativ. Mit der Tagespolitik der Bush-Regierung und der Republikaner hat jedoch auch das wenig zu tun. Auf dem Land werden Heimatliebe und Gottesfurcht hoch gehalten. Man war schon immer gegen Abtreibung und Waffenkontrolle.

Das dünn besiedelte Farm- und Waldland hinauf zur kanadischen Grenze ist ein großes Jagdgebiet, jeder hat Gewehre zu Hause. Die republikanische Kandidatin Michele Bachmann lädt zur „Support our Troops!“-Versammlung auf die Gilbertson Farm. Im Hofladen gibt es Apfelkuchen, Kürbisse und Topfblumen.

Ob der Irakkrieg richtig war, das wollen die Menschen nicht beurteilen. Kann man den Medien überhaupt trauen, die „immer so negativ berichten“? Michele, eine zierliche 50-jährige Steueranwältin mit rotbraunem Haar, erinnert an die in London aufgedeckten Terrorpläne, Flugzeuge über dem Atlantik zu sprengen. Es gibt böse Menschen da draußen, die Amerikas Freiheit bedrohen. Und Gute wie die Tochter der Gilbertsons, Melissa, 27, die mit der Nationalgarde von Minnesota im Irak ist. Eine örtliche Schulklasse hat eine Patenschaft für die Soldatin übernommen. Jede Woche berichtet Melissa per Telefon oder E-Mail, wie ihre Einheit irakische Schulen aufbaut.

Zwei Traktoren mit Erntewagen stehen bereit, die die Gäste zu einem riesigen Maisfeld hinausfahren. In zweitägiger Handarbeit haben die Gilbertsons die US-Flagge mit ihren Stars und Stripes in das Feld geschnitten. Veteranen aus dem Korea- und dem Vietnamkrieg falten ehrfürchtig ein Fahnentuch auseinander. Während das Banner am Flaggenmast emporsteigt, sprechen alle gemeinsam, die Hand auf dem Herzen, den Fahneneid: „ ... und versprechen, diese Republik zu verteidigen, one nation under God“.

Nur: Diese „einige Nation unter Gott“ ist derzeit politisch tief gespalten. Und es ist schwer zu sagen, welche Kluft größer ist – die zwischen Keith Ellison und Michele Bachmann. Oder die zwischen Minnesota und Washington.

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