Zeitung Heute : Der neue Jürgen Trittin: Der Gipfelstürmer

Ulrike Fokken

Der Boden ist härter, als er scheint. Jürgen Trittin sticht kräftig zu, aber der hellgrüne Spaten will nicht hinein. Ein fester Grund, steinig und knochentrocken. Aber der Umweltminister lässt nicht locker. Er setzt nach. Es ist schließlich der erste Spatenstich für die neue Fabrik der Firma Vestas, die im brandenburgischen Lauchhammer von 2003 an jährlich 900 Rotorblätter für Windräder herstellen will. Das schafft nicht nur 450 Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region, die durch den Braunkohletagebau bekannt wurde. Nein, das dänische Unternehmen Vestas macht aus Wind Energie und somit genau das, was Trittin und die rot-grüne Regierung wollen.

Trittin wühlt den Boden auf. Eine weiße Blume aus einem kleinen Sträußchen, das jemand an den Spatenstiel gebunden hat, hält dem ministeriellen Willen nicht stand und fällt in die Kuhle. Behutsam, fast zärtlich hebt Trittin die Blume auf und drapiert sie auf dem Häuflein Erde, das er zu seiner Linken aufgeschaufelt hat.

Jürgen Trittin genießt seinen Auftritt hier in Lauchhammer. Der Erfolg des Klimagipfels von Bonn bekommt ihm sichtlich. Wann ist er je von CSU-Chef Edmund Stoiber oder CDU-Chefin Angela Merkel für seine Arbeit gelobt worden? "So etwas ist erfreulich", sagt Trittin am Freitag knapp zu der Anerkennung aus der Opposition. So viel Respekt ist er nicht gewohnt, war er doch bislang das Enfant terrible der Regierung, ach was, der ganzen nach Anerkennung heischenden grünen Partei. Die Zeiten sind vorbei. Damit das alle mitbekommen, hat Kanzler Gerhard Schröder aus seinem Italienurlaub Trittin am Mittwoch angerufen. Eine Sekretärin hat den Minister aus der Kabinettsitzung geholt, der Kanzler wolle ihn sprechen. Der gratulierte gleich doppelt: zum 47. Geburtstag und zum Gipfel-Abkommen. Die Botschaft ist auch bei Außenminister Joschka Fischer angekommen, der ebenfalls nicht umhin kam, dem Kabinettskollegen anerkennende Worte auszusprechen.

Nach dem Durchbruch von Bonn ist Trittin nun ein erfolgreicher grüner Außenpolitiker, der in einwandfreiem Englisch 177 Staaten auf ein Ziel geeinigt hat. Sein Geschick in den sperrigen Verhandlungen rühmten auf der Klimakonferenz alle europäischen Umweltminister. Eine Referentin von EU-Umweltkommissarin Wallström war gar "beeindruckt", und die US-Abgesandte Dobriansky fand das Gespräch mit dem deutschen Umweltminister "erfreulich und hilfreich". Selbst die Umweltverbände zeigten sich zufrieden mit dem Ergebnis, so mager es für den Klimaschutz zunächst auch ist.

Emotional werde ihn die ganze Wucht des Erfolgs wohl erst nächste Woche treffen, sagt Trittin, wenn er im Urlaub sei. Erst kam die Erschöpfung nach zwei schlaflosen Bonner Nächten, dann die Routine der Akten. Mit dem Pflichtgefühl und dem Arbeitseifer eines Hanseaten hat er nach der Rückkehr aus Bonn an seinem Berliner Schreibtisch dort weitergemacht, wo er vorher aufgehört hatte. Gesetzesvorhaben türmen sich nicht mehr auf seinem Schreibtisch, hat er doch als einer der wenigen Minister die Vorhaben für die Legislaturperiode abgearbeitet: Atomausstieg, Kraft-Wärme-Kopplung, das Gesetz zur Förderung Erneuerbarer Energien, das Naturschutzgesetz wird novelliert, selbst die Technische Anleitung Abfall hat er modernisiert. Und nun noch die Rettung des Klimaprotokolls.

Abarbeiten war die Devise von Trittin, wenn er im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit und der eigenen Partei stand. Wegen jenes unglücklichen Gesprächs zwischen ihm und dem Sohn des von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Buback zum Beispiel. Oder wegen seines Vergleichs von CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer mit einem Skinhead. Abarbeiten, die Versäumnisse der Kohl-Regierung aufholen und durch Ergebnisse beeindrucken. Und sich unangreifbarer und nicht so leicht ersetzbar machen.

Auch bei den eigenen Leuten hat Trittin in letzter Zeit an Kredit gewonnen. Den Grünen an der Basis und den Wählern hat er gezeigt, dass er als Umweltminister auch grüne Umweltpolitik macht. "Seine Bilanz ist gut", sagt ein Vertreter des Umweltverbands Nabu.

Erstaunlicherweise hat ihn der Erfolg nicht arroganter gemacht. Und dabei sagen ihm genau das doch Freunde und Feinde immer wieder nach: Arroganz als Charakterschwäche. Geduldig gibt er den Lokalsendern in Lauchhammer Interviews, gelassen spricht er mit dem Bürgermeister und den Staatssekretären der brandenburgischen Koalition, den Vorständen der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, die nach dem Braunkohleabbau nun die 200 Quadratkilometer große Ödnis in eine Seen- und Heidelandschaft verwandeln will.

Als es dann mit dem Flugzeug nach Berlin zurückgeht, blickt Trittin zufrieden auf die zahlreichen Windmühlen hinunter, die hier stehen. Moderne Anlagen haben mittlerweile eine Aufstiegshilfe, einen Käfig am Drahtseil, mit dem die Besucher auf die Spitze kommen. Trittin freilich hat es meist vorgezogen, die Türme mit eigener Kraft zu erklimmen. "Selber klettern schafft mehr Ruhe", sagt er und: "Ich weiß nicht, was Furcht erregender ist - klettern oder die Aufstiegshilfe". Und er lacht über sich sein typisches knarzendes Lachen, trocken und rau, die Mundwinkel verzogen, den ein wenig steifen Oberkörper nach hinten gebeugt.

Trittin lacht gerne, wie die zwei tiefen Falten links und rechts des Schnurrbarts zeigen. Er lacht auch gern über die Witze anderer, vorausgesetzt sie sind intelligent, mindestens ironisch und möglichst ein wenig sarkastisch. Und er freut sich über die Durchsetzbarkeit politischer Utopien: "Es macht Spaß, den eigenen Pessimismus zu widerlegen", sagt Trittin und verzieht dabei ganz kurz den rechten Mundwinkel.

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