Zeitung Heute : Der neue Wettbewerb

Oder: Juristen haben’s auch nicht leicht

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Was sieht gut aus an einem Juristen? Ein dunkler Anzug und ein Pitbull. Dieser Kalauer stammt aus den USA, wo der Ruf der Anwälte ungefähr so gut ist wie hier der von Journalisten. Merkwürdig eigentlich, denn immerhin haben die USAdvokaten die Schadensersatz-Prozesse auf ein Niveau gebracht, über das man nur staunen kann: Wer in Amerika vom vielen Sitzen Kreuzweh kriegt, macht nicht etwa mehr Sport. Nöö, er verklagt stattdessen seinen Arbeitgeber oder den Hersteller der Bürostühle – oder auch gleich beide – und hat dann sogar gute Aussicht auf Erfolg. Leider muss er dann einen erklecklichen Teil der erstrittenen Summe an seinen Rechtsbeistand abtreten. Schon wegen ihrer Honorare gelten Juristen in Amerika als gierig und menschenverachtend genug, um ihnen einen Kampfhund ans Hosenbein zu wünschen. Die Welt ist eben ungerecht.

Leider nicht nur in Amerika. Das Juristenleben ist in Deutschland auch nicht gerade fröhlich. Das liegt vor allem daran, dass es hier schlicht zu viele gibt. Weil das so ist, wurden vor einiger Zeit die ersten Studiengänge geschaffen, die ökonomisch bewanderte Rechtsexperten produzieren sollten. Die Vertreter der Unternehmen zeigen sich auch interessiert, allerdings nehmen die klassisch ausgebildeten Juristen die Wirtschaftsjuristen nicht ganz für voll. Vielen gelten sie bestenfalls als Westentaschen-Advokaten. Formuliert wird das allerdings nur hinter vorgehaltener Hand, mit dem Begriff der Ehrenrührigkeit kennt man sich schließlich aus in diesen Kreisen.

Viele entscheiden sich immer noch für das „große“ Studium – und dann? Nach einer endlosen Ausbildung mit zwei Staatsexamen und Referendariat heißt es für viele: Kleine Kanzlei aufmachen und von Scheidungen und Nachbarschaftsstreitereien leben. Nicht gerade prickelnd! Wer sich jedoch auf EU-Recht oder internationales Recht spezialisiert, wer sich mit der Welt der Unternehmensfusionen vertraut macht und den Gang ins Ausland nicht scheut, wird seinen Weg schon finden. Wer hingegen als Feld-Wald-und-Wiesen-Jurist auf einen Versorgungs-Job bei einer Behörde vertraut, wird sich schwer tun. Für diese Juristen kommt ein alter Spruch zu neuen Ehren: „In der Liebe, auf hoher See und bei Justitia sind wir alle nur in Gottes Hand“. Wo einst nur die Angeklagten gemeint waren, spricht die Sentenz heute allerdings für alle Beteiligten.

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