Zeitung Heute : Der Notausstieg

Als sie am Abend des 8. August 2011 zu ihrer Wohnung im Londoner Süden will, hat die Musikerin Carla Rees ein ungutes Gefühl. Überall Vermummte und Plünderer. Sie beschließt, im Hotel zu schlafen. In derselben Nacht brennt ihr Haus nieder. Sie verliert alles, was sie besitzt – und gewinnt auch.

Johanna Kamradt[London]
Liste eines Lebens. Nach dem Brand sollte Carla Rees eine Aufstellung sämtlicher Dinge vornehmen, die sie verloren hatte. Aber vieles, sagt sie, sei unersätzlich: ihre Flöten und Noten der Stücke, die für sie geschrieben worden waren. Foto: Nick Romero
Liste eines Lebens. Nach dem Brand sollte Carla Rees eine Aufstellung sämtlicher Dinge vornehmen, die sie verloren hatte. Aber...

Als Carla Rees am Abend des 8. August 2011 auf dem Weg nach Hause ist, sieht sie von Weitem schon ein Feuer. Auf der Straße brennt es. Überall sind Jugendliche auf den Bürgersteigen und auf den Fahrbahnen mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen und Tüchern vor ihren Gesichtern. Einer ruft: „Als Nächstes nehmen wir uns den Laden da hinten vor, kommt jetzt!“ Das kann sie hören. Es erschreckt sie.

Carla Rees beschließt, in dieser Nacht nicht in ihrer Wohnung zu übernachten. Es ist die letzte Nacht vor einer Reise in die USA, wo sie zu einer Konferenz muss. Sie geht nur kurz hinein, füttert schnell ihre zwei Katzen, greift ihr Waschzeug und sucht sich ein Hotelzimmer.

Am nächsten Morgen schaltet sie den Fernseher ein und sieht, was über Nacht geschehen ist. Von „Riots“ ist die Rede, Aufständen. Immer wieder wird ihr Bezirk erwähnt. Croydon im Süden der Stadt. Und dann kommt das Bild aus einem Helikopter. Sie braucht ein paar Sekunden, bis sie ihr Haus erkennt, von oben aufgenommen, so weit entfernt und so zerstört. Schlagartig wird ihr klar, dass nichts von ihrer Wohnung übrig geblieben ist außer der hinteren Wand. Sie läuft los.

Ausgelöst durch den Tod von Mark Duggan, einem Kleinkriminellen, der am 6. August 2011 von einem Polizisten erschossen worden war, fingen vor gut einem Jahr Ausschreitungen an, die vier Tage lang ganz England in Unruhe versetzten – mit Krawallen in Birmingham, Liverpool, Manchester und vor allem in London. Das vielleicht am häufigsten gezeigte Bild dieser Zerstörungsorgien zeigte ein ausgebranntes Möbelgeschäft: das House of Reeves in Croydon, das 1867 erbaut wurde und sogar „den Blitz“, die deutschen Luftbombardements im Zweiten Weltkrieg, überstanden hatte. Das Skelett dieses riesigen Gebäudes, von Flammen verschlungen, wurde zum Symbol für die Gewalttätigkeiten jener Tage.

Ein anderes Bild aus Croydon wurde weniger bekannt: das der neun verbrannten Häuser auf der London Road. Der Flötistin Carla Rees, 34, gehörte eine Wohnung darin.

Auf dem Weg zu dem, was einmal ihr Leben barg, kann sie das erloschene Feuer riechen. Als sie vor ihrer alten Adresse steht, sieht sie ein riesiges, noch rauchendes Loch auf der sonst belebten Straße. Sie sieht überall Asche, und ihr fällt ein, dass das auch die Asche ihrer Katzen sein muss. Sie trifft einen einzelnen Feuerwehrmann, der ihr nur ein Stück Papier gibt. „Hier, für Sie“, sagt er. „Damit Sie wissen, wie sie ihre Fenster putzen, und den Ruß von ihren Wänden kriegen.“ Sie hatte keine Fenster mehr und keine Wände.

Und auch sonst nichts mehr. Keine Kleider, keine Möbel, keine Unterlagen, keinen Krimskrams. Und auch keine Flöten mehr und keine Noten. Es sind ihre Arbeitsgeräte. Carla Rees ist Flötistin, eine weltweit bekannte und gebuchte Musikerin. Mehr als 650 Flötenstücke wurden nur für sie komponiert. Die Noten lagerten bei ihr zu Hause.

Als sie noch sprachlos vor dem steht, was einmal ihr Heim war, kommt der erste Anruf von ihrer Versicherung. Wo sie jetzt hinziehen möchte? Das lässt Carla Rees unbeantwortet, als Zwischenlösung wird sie in einem Hotel in Croydon untergebracht. Im „Premier Inn“, Teil einer Hotelkette, die wie der Bezirk selbst auch etwas trostlos ist. Dort sollte sie nun bleiben. Doch wird ihr mehrmals klargemacht, dass sie dort ohne ihren Freund oder Familienmitglieder bleiben müsse, anderenfalls werde die Versicherung nicht zahlen. „Mental war ich noch gar nicht bereit, allein zu sein, aber so musste es nun mal sein“, erzählt sie. „Geld, um selbst für ein Hotel zu zahlen, hatte ich nicht.“

Carla Rees ist eine ruhige Frau, immer schwarz gekleidet und meistens nachdenklich. Während ihre braunen Augen schnell herumflitzen, sind ihre Worte präzise gewählt. Doch der Ton ihrer Stimme ist fest, besonders wenn sie über das letzte Jahr spricht, in dem sie zwei Monate lang wohnungslos war. Zurzeit ist sie in der Nähe von Windsor, in einem kleinen Cottage, eine Zugstunde von London entfernt, untergekommen. Jedes Mal, wenn sie zum Unterrichten oder zu Proben nach London muss, zahlt sie umgerechnet 38 Euro für die Bahnfahrt. Doch das ist es ihr wert, nicht in der Stadt leben zu müssen. „Ich fühle mich seit dem Feuer sehr unwohl in Menschenmassen“, sagt sie. „Ich vertraue Fremden nicht mehr.“ Ihr früheres Leben, das vor dem Feuer, komme ihr fremd vor.

Dass mit dem Brand alles, was sie besaß, plötzlich verschwunden war, nahm sie zum Anlass, über ihr Leben nachzudenken. Anfang 30 war sie, genug Zeit also, noch mal anzufangen. „Man sammelt Sachen an; einen Lebensstil, Arbeit, Dinge – all das basiert auf den Entscheidungen, die man in seinem Leben getroffen hat“, sagt sie. „Und dann plötzlich ist das alles weg. Und man muss sich selbst entscheiden, was man als Nächstes tut.“

Von der landesweiten Aufgewühltheit, den Fragen nach dem Zustand Großbritanniens, nach Rassismus und Gewalt, nach Arm und Reich, nach Zusammengehörigkeit und Verantwortung hallte nicht viel nach. Es wurden ein paar Versprechungen und Hilfszusagen gemacht, aber an der Situation änderte das wenig, dass da gerade ein paar wenige die Rechnung für gesamtgesellschaftliche Fehlentwicklungen zahlten.

Carla Rees beklagt sich darüber nicht. Sie beschreibt sich als eine ‚lucky person’, wissend, dass es noch schlimmer hätte kommen können und dass sie Glück hatte, nicht in der Wohnung gewesen zu sein, als sie ausbrannte. Ihre Besitzlosigkeit empfindet sie nun auch als eine Freiheit. „Ich kann alles tun und überall hingehen. Man fragt sich selbst, was man davor eigentlich die ganze Zeit gemacht hat.“ Aber Flötistin blieb sie und sagt: „Es fühlte sich ganz besonders an, mit seinem Beruf weiterzumachen, weil man ihn liebt, nicht weil man muss.“

Und da sie ohnehin gezwungen war, woanders zu leben, suchte sie etwas, das ihrem Beruf mehr entsprach. Das fand sie in Windsor südwestlich von London. Beim Proben schaut sie jetzt in einen kleinen Garten. Früher schaute sie auf eine graue, schmutzige Straße, ihre Straße.

Das Feuer hat dort insgesamt neun Häuser und 16 Wohnungen zerstört. In ihrem Gebäude waren drei Wohnungen über einem Fahrradgeschäft gewesen. Es wird mindestens drei Jahre dauern, bis die Wohnungen wieder bezugsfertig sind. Da sie ihre 2000 gekauft hatte, muss Carla Rees weiterhin Hypotheken zahlen und nun zusätzlich eine Miete, die weit über dem liegt, was sie zuvor monatlich zu bewältigen hatte: 250 Pfund waren es. Jetzt, zwölf Jahre später, zahlt sie für eine vergleichbare Wohnung 1250 Pfund im Monat.

Als sie nach Croydon zog, gefiel ihr dort besonders das Gemeinschaftsgefühl. Doch nach und nach wurde es im Bezirk unangenehmer, aggressiver. Sie vermied es, nachts spät allein nach Hause zu kommen, abends alleine im Zug zu sitzen, oder gar sich in eine der häufiger werdenden lautstarken Auseinandersetzungen einzumischen. Antisoziales Verhalten fiel ihr überall auf, sogar Morde wurden im Viertel verübt.

Croydon erhielt inzwischen 23 Millionen Pfund Wiederaufbauhilfe vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson. Doch die Betroffenen merkten nichts davon. Das meiste Geld wird für Projekte ausgegeben, die schon lange vor den Riots geplant waren. Die Croydoner Bahnstation wird erneuert, das Zentrum der Stadt verschönert. Croydon muss wiederaufgebaut werden – es ist am Boden. Man möchte dort nicht sein.

Ein paar Tage nach dem 8. August sprach sie mit Scotland Yard. Deren Büros waren so überfüllt, dass der Beamte sie in seinem Auto interviewte. „Ich hörte bald auf daran zu glauben, dass mir geholfen werden würde. Man konnte sehr schnell sehen, dass das Ausmaß der zu bewältigenden Arbeit zu groß für die Behörden war.“ Mehr als 3000 Menschen wurden bisher im Zusammenhang mit den Londoner Riots angeklagt und mussten vor Gericht erscheinen. 26 Prozent davon waren unter 17 Jahre alt. Doch noch wurde niemand im Zusammenhang mit dem London-Road-Feuer festgenommen. Carla Rees ist das nicht so wichtig, das mache keinen Unterschied, bringe ihr auch nichts vom Verlorenen zurück. Wichtiger ist ihr, dass anderen Menschen bewusst wird, dass die Geschichte längst kein Ende hat. „Die Leute denken, so eine Sache sei etwas Einmaliges, und dann geht’s weiter. Dass man dann einfach Geld von der Versicherung bekommt, und das war’s.“ Aber so gehe es eben nicht.

Der Gesamtwert ihres Eigentums wurde auf 140 000 Pfund geschätzt – den größten Teil machten ihre zehn Flöten aus. Von der Schätzsumme wird sie, wenn sie Glück hat, 85 000 Pfund erhalten, den Höchstbetrag ihrer Hausratsversicherung. Die zuständigen Mitarbeiter eines offiziellen Hilfsprogrammes, des Riots Damages Act, gaben ihr am Telefon Bescheid, dass sie Belege brauchen würde, sowie den Kaufvertrag ihrer Wohnung. „Ich besitze nur noch die Kleidung, die ich jetzt gerade anhabe“, entgegnete sie, „und doch soll ich die Papiere erbringen, um mein verbranntes Eigentum ersetzt zu bekommen?“

Und dann diese Liste. Ihre Hausratversicherung wollte eine Aufstellung jedes einzelnen Gegenstandes in ihrer Wohnung haben und wie viel der jetzt wert sei. Drei Wochen lang hat das gedauert. Als sei es ein Vollzeitjob, setzte sie sich jeden Tag hin, von frühmorgens bis abends, um sich jede Ecke ihrer Wohnung noch mal im Geiste zu vergegenwärtigen. Sie versuchte zu erklären, weshalb der Wert ihres musikalischen Besitzes nur schwer geschätzt werden kann. Die Noten zum Beispiel.

„Für die Noten kann ich einfach keinen materiellen Wert angeben; wie auch?“, sagt sie. Vieles davon wurde speziell für sie geschrieben, und von den Komponisten signiert. Das wäre vielleicht mal in einem Museum gelandet. Ein Musikalienhändler überließ ihr seinen Katalog, um zumindest die Stücke angeben zu können, die ersetzt werden könnten – das ergab 21 000 Pfund. Auch ihre zehn Flöten waren Einzelstücke. Die meisten davon eigens für sie angefertigt. Wie bemisst man deren Wert?

Derselbe Musikalienhändler half ihr auch auf andere Art: Ein paar Tage nach dem Brand kreierte er eine Website, wo kurz erklärt wurde, was geschehen war, mit der Bitte um Geldspenden an Carla Rees. Nach nur wenigen Wochen hatte sich eine beachtliche Summe angesammelt – mehrere tausend Pfund – gespendet aus aller Welt. „Das war unglaublich“, sagt Carla, kopfschüttelnd. „Menschen aus der ganzen Welt, viele davon Musiker, spendeten Geld. Aus Australien, aus Amerika, aus Norwegen. Ich konnte es nicht fassen.“ Auch das gehöre zu dem, was vom Brand übrig blieb. Dass sie weiß, wie viel Hilfe es dort draußen für einen gibt.

Nach dem Brand wurden vom Croydon Council mehrere Treffen für die Betroffenen organisiert. Sie sollten dem Wiederaufbau und der Unterstützung dienen, doch Carla fand sie nicht hilfreich – eher gönnerhaft. Bei der ersten Zusammenkunft schlug eine Angestellte der Stadtverwaltung vor, dass die Gruppe sich wöchentlich treffen sollte. „Zu dem Zeitpunkt – bis zum heutigen Tage, eigentlich – wollte ich keinesfalls einmal die Woche nach Croydon.“ Bei einem späteren Meeting schlug dieselbe Mitarbeiterin vor, dass sich die Gruppe, statt im Gebäude des Croydon Councils, in einem Büro an der London Road treffen sollte. Damit es „näher an den Wohnungen aller sein würde“. Carla erwiderte: „Tatsächlich? Ihr denkt, wir leben dort noch? Ich habe kein Zuhause mehr!“ Die Frau schaute sie großäugig an und fragte, „Wie – sind Sie denn alle weggezogen?“

In den Monaten nach dem Feuer hat Carla viele Bittbriefe verschickt. Darunter zwei E-Mails an David Cameron, den Premierminister. Zurück bekam sie zwei Briefe, die bis auf die Unterschrift identisch sind, einen im Oktober und einen im Februar. Darin wird ihr versichert, dass ihr Schreiben bald gelesen werde.

Auch vom Croydon Council erhielt sie einen Brief – darin enthalten Details der Unterlagen zum Bebauungsplan sowie eine wichtige Anfrage. Ihre Antwort sollte sie innerhalb von zwei Wochen zurückschicken. Der Brief kam allerdings erst Wochen nach der Frist bei Carla an, da er an ihre alte, nun nicht mehr existierende Wohnung geschickt worden war. „Hier ist ganz schön viel Inkompetenz im Spiel. Es ist interessant zuzuschauen, wie das System um uns herum zerbricht. Wenn Cameron sagt, dass allen Opfern geholfen werde, dann muss das sofort passieren – nicht über ein Jahr später.“

Carla unterhält keinen Kontakt zu anderen Opfern; sie denkt auch nicht, dass sie sich selbst angegriffen fühlen würde, falls es noch mal Riots gäbe. „Ich will nicht verbittert werden. Ich will nicht, dass dies mein Leben definiert“, sagt sie. So habe sie sich innerlich von London gelöst, einer Stadt, die sich bei den Olympischen Spielen als glücklichste Stadt der Welt inszeniert. „Ich will nicht die Riots-Frau sein.“

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