Zeitung Heute : Der öffentliche Traum

Kerstin Kohlenberg

Der Mann mit der hohen Stirn und den welligen Haaren deutet auf die Verlängerung des Boulevards Unter den Linden. "Sehen Sie, das hier ist Berlins wichtigste Achse, Ost-West, die steht quer zu der von Albert Speer geplanten Prachtstraße." Dann holt er zu einem Vortrag über die Stadtgeschichte des Boulevards aus und referiert über die Bedeutung der Anordnung der einzelnen Gebäude. Routiniert macht er das, so sehr, dass ein junges Pärchen in ein paar Metern Abstand auf dem matschigen Kies neben Thomas Flierl stehen bleibt, und ihm zuhört.

Wo sollen wir uns treffen?, hatte er gefragt. An einem Ort, der Ihnen etwas bedeutet. Und von wo aus Sie uns Ihr persönliches Berlin zeigen, es kann auch etwas abgelegen sein. Er schlägt das Alte Museum vor. Mitten im Wochenend-Touristengewimmel und den Menschen, die schlotternd Schlange stehen für eine Karte für die Mies van der Rohe-Ausstellung. Dort steht Flierl, 44, in seinem schwarzen Mantel-Hose-Schuhe-Schal-Einstecktuch-Outfit. Sein Blick ruht fest auf dem Palast der Republik. Seit elf Tagen ist Flierl der neue Kultursenator von Berlin. In Zukunft wird er die Kultur Berlins prägen. Welches Bild hat dieser Mann von der Stadt, in der er geboren ist - in eine Architektenfamilie - studiert hat, Vater wurde, SED- und PDS-Mitglied? Wie guckt er auf diese Stadt und was gefällt ihm an ihr?

"Das Alte Museum habe ich mir ausgesucht, weil es als Symbol für die Verbindung von Museumsinsel und Stadtforum vor dem Roten Rathaus wichtig ist," sagt Flierl. Die Verbindung von Kultur und Stadt, also. "Und wenn man dazu noch Mies van der Rohe und seine moderne Architektur im Nacken hat", sei das doch ein guter Beginn für einen Stadtspaziergang. Flierl, so scheint es, ist kein Mann, der so etwas wie ein Lieblingshaus hat, sein Blick geht nicht zuerst ins Details. Er denkt die Stadt als Ganzes, als Konzept, und nähert sich ihr am liebsten aus der Vogelperspektive des Theoretikers.

Vulgärmarxismus

Der neue Kultursenator. Die erste Phase hat er bereits überstanden. Die Phase des Erschreckens. Was?, war da zu lesen, Flierl?, dieser Querkopf, der Berlin nicht die Werbung und nicht die Silvesterfeier am Brandenburger Tor gönnt, dafür aber quadratkilometerweise sozialistische Moderne? Jetzt ist er gerade in Phase zwei. Dem früheren Baustadtrat von Berlin-Mitte wird nun, nach einer Hymne in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", von einigen doch Anschlussfähigkeit an den Westen bescheinigt. Weil er eine Idee habe, eine Vorstellung von der Verbindung von Kultur und Stadt. Die Vogelperspektive eben. Seine Kritiker lehnen diese als zu sozialistisch ab, die anderen erhoffen sich nach der Verunsicherung der individualisierten Postmoderne ein bisschen mehr Konzept.

Welche Ecken in Berlin hält Flierl im Sinne seiner Idee schon für gelungen? Und kann man sich ihnen auch aus der Froschperspektive nähern? Flierl deutet noch einmal auf den Schlossplatz. "Für mich gehört es in Berlin dazu, mit den Brüchen der Stadt zu leben. Die Tendenz, alles glätten zu wollen, gefällt mir gar nicht. Es ist wichtig, die Spuren einer Stadt lesen zu können, um ein Bewusstsein für die Vergangenheit zu bewahren." Damit meint er vor allem die DDR-Zeit. Wenn jetzt an die DDR zurückgedacht wird, sei das oft, als gucke man in die Steinzeit, sagt Flierl, "dabei waren die 60er und 70er Jahre im Westen architektonisch auch nicht großartig anders." Die Bauten der sozialistischen Moderne seien ein Teil Berliner Geschichte, und darum setzt er sich für den Erhalt vieler dieser Plattenbauten ein. "Natürlich ist das Grundprinzip der Standardisierung in der DDR übertrieben worden," sagt Flierl. "Aber in den Platten an der Karl-Marx-Allee zum Beispiel, da wohnen die Leute gerne. Das kulturelle Vorurteil, dass man da nicht hinziehe, weil, so schrecklich wie die Bauten, seien auch die Menschen, das ist für mich Vulgärmarxismus." Ob er selbst schon mal in einer Platte gewohnt habe? Nein, er hat immer in Pankow oder am Prenzlauer Berg gewohnt. Im Moment ist er am häufigsten bei seiner Freundin am Kollwitzplatz.

Flierl hätte es auch gern gesehen, wenn das Hotel Unter den Linden, eines der letzten 60er-Jahre-DDR-Häuser, stehen bleiben würde. "Der Abriss war eine Entscheidung auf Senatsebene", sagt Flierl. Er selbst hatte sich für einen Investor stark gemacht, der sowohl das Hotel in seinen Entwurf integrieren wollte, als auch einen Teil des Platzes vor dem Hotel als öffentlichen Platz unbebaut lassen wollte. "Aber der Senat, vor allem Herr Wowereit, hat sich damals für einen Abriss sowie eine vollständige Bebauung des Platzes ausgesprochen. Das bringt natürlich mehr Geld in die Senatskasse," sagt Flierl.

Damals als Baustadtrat ist Flierl vor allem als Rächer des öffentlichen Raumes berühmt-berüchtigt geworden. Die Angst vor freien Flächen kann er heute noch nicht verstehen. "Das ist wohl das protestantisch-norddeutsche Erbe Berlins", sagt Flierl. Öffentlicher Raum werde immer sofort mit Leere und Ödnis gleichgesetzt, nie aber mit einem Raum, in dem sich Öffentliches und Privates verbindet. "Im Osten wurden diese Plätze zum Beispiel für politische Rituale und Versammlungen genutzt." Natürlich, sagt Flierl, seien die Versammlungen organisiert gewesen. "Aber zu Tagen wie dem 1. Mai, da bin ich immer gerne gegangen. Dort hat man Leute getroffen und konnte auf eine andere Art die Stadt erleben. Im Westen heißt es jetzt immer, das waren alles nur Aufmarschplätze, die müssen weg. Aber das ist falsch." Also soll der Schlossplatz unbebaut bleiben? Nein, der sei schon immer ohne städtische Elemente gewesen, sagt Flierl, und man hat den Eindruck, als kämpften hier gerade zwei Flierls miteinander. Der eine, der die DDR verteidigen will und der andere, der neuen Ideen Platz machen will. "Zu DDR-Zeiten ist der Platz, der damals noch Marx-Engels-Platz hieß, ein schäbiger Parkplatz gewesen und das Staatsratsgebäude war ein hermetisch abgeriegelter Block. Der einzige Grund, warum ich früher über diesen Platz gegangen bin, war das Café und die Post im Palast der Republik." Flierls Handy klingelt. "Unbedingt" solle der Schlossplatz bebaut werden, allerdings unter Berücksichtigung des Palastes der Republik. "Rem Koolhaas", sagt Flierl, und sein Tonfall wird begeistert, "der ist da der selben Ansicht, aber entschuldigen Sie mich." Flierl nimmt das Gespräch an. Am anderen Ende wartet sein Bürochef.

Nachdem er aufgelegt hat redet sofort weiter, so als hätte es keine Unterbrechung gegeben. "Ein anderer Platz, der zum Erholen und Versammeln erhalten werden muss, ist der Alexanderplatz und das Gelände rund um den Fernsehturm", sagt Flierl. Dazu müssten dort aber Kioske, mehr Sitzplätze und vielleicht ein Bühne hin. "Denn wer kommt schon auf einen Platz, wo nichts los ist?" Der Alexanderplatz funktioniere ja schon ganz gut. Die Leuten gehen in die Cafés, kaufen ein oder spielen im Sommer Streetball. Und der Entwurf von Kollhoff mit den Hochhäusern? "Da bin ich skeptisch", sagt Flierl. "Dieser Entwurf wurde zu einer Zeit gemacht, in der man mit enormem wirtschaftlichen Wachstum gerechnet hat." In der jetzigen Situation hätte er Angst, dass von den neun Hochhäusern nur eins oder zwei gebaut werden und das ganze Projekt ein Fragment bleibe.

Philosoph Marcuse

Flierl tritt von einem Fuß auf den anderen. Er ist ein bisschen unruhig, denn bis 13 Uhr muss sein Auto vor der Alten Nationalgalerie verschwunden sein. Dann beginnen dort Dreharbeiten. Flierls Kämpfe gegen die Mineralwasserreklame an der Marienkirche in der Nähe des Alexanderplatzes, gegen übergroße Autowerbung Unter den Linden, eben gegen die Kommerzialisierung des öffentlichen Raum, gehen einem durch den Kopf. Nein, das Filmen findet er völlig o.k. Berlin als Schauplatz von Filmaufnahmen sei doch großartig. Er schließt seinen silbernen Fiat auf, räumt eine Flasche Rotkäppchen-Sekt auf die Hinterbank. Und irgendwie ist man dankbar für diese Filmaufnahmen, denn Flierl, der Vogel, daran besteht kein Zweifel, hätte noch Stunden vor dem Alten Museum stehen können, und über die Stadt als solches dozieren. Wir fahren Richtung Hackescher Markt.

Links zieht das Pergamonmuseum vorbei, und Flierl zeigt auf die Einschusslöcher in den Wänden. "Sehen Sie, das gehört für mich auch zu den Brüchen von Berlin." Ob er denn auch mehr von der Mauer erhalten hätte? "Selbstverständlich", ruft er und ergattert einen letzten Parkplatz in der Oranienburger Straße. "Dass die Mauer zerpickt werden würde, war ja klar", sagt Flierl. "Aber dass sie beinahe völlig beseitigt wurde, das war eine Art magische Praxis, um die Leiden der Teilung zu tilgen." Flierl legt einen Parkschein ins Auto, Kopf raus, Türe zu, oink oink, das Auto ist automatisch verriegelt. Die Lösung mit den in den Asphalt eingelassenen Steinen, die den Verlauf der Mauer markieren, findet er gelungen. "Aber die markieren nur die bunte, die West-Mauer. Für die Ostdeutschen endete der Raum ja schon viel früher, an den bewachten Sicherheitsstreifen." Dabei guckt er fast ein bisschen entschuldigend, vielleicht so wie eine Frau, die in einem Saal voller Männer auf der Quote besteht. Die Ost-Quote ist Flierl wichtig, damit im Bewusstsein der Berliner auch die Ost-Erlebniswelt erhalten bleibt. Aber manchmal scheinen sogar bei ihm die Grenzen zu verschwimmen, und er sieht so aus, als wüsste er noch nicht, ob er das gut oder schlecht findet. Seine Kritiker dagegen gucken ihm in die Biografie und fragen sich, ob er als Ideologe, gewandelter Theoretiker oder als ehemaliger Ost-Bürger für diese Erlebniswelt kämpft. Als sozialistischer Vogel, freier Vogel oder als Frosch.

Wir kommen am Hackeschen Markt an. Die Höfe seien ja eine Erfolgsgeschichte, sagt Flierl, wenn sie mittlerweile vielleicht auch etwas übernutzt seien. Übernutzt? "Ja, die kleinen innovativen Gruppen sind weniger geworden, die großen Firmen mehr." Auch das Haus links daneben, ein moderner gläserner Entwurf des Architektenbüros Grüntuch & Ernst, findet Flierl großartig. "Hier sagt ein Haus ganz deutlich, ich bin aus dieser Zeit." Das Haus gehörte dem Philosophen Herbert Marcuse. Sein Sohn Peter, "den ich übrigens kenne", habe es dann verkauft. Flierl dreht sich um und begutachtet das gegenüberliegende Haus. Ein Altbau, der im historischen Stil renoviert wird. Solche Gebäude, so Flierl, sollte man natürlich erhalten, sie gehören genauso zur Geschichte wie die DDR-Bauten. Ihn störe einfach nur die Dominanz des inszenierten historischen Bauens. So wie zum Beispiel das Mosse-Palais am Leipziger Platz oder so wie es der Investor hier an der dritten Seite des Hackeschen Marktes versucht hat, die Seite, in der das British Council seinen Sitz hat. Flierl vergräbt die Hände in seinen Manteltaschen. "Das Gelände war früher ein Parkplatz, der hauptsächlich von Prostituierten und ihren Freiern aufgesucht wurde. Die Bebauung, so wie sie jetzt steht, die funktioniert zwar. Architektonisch gefällt mir das aber nicht. Ich gehe jetzt allerdings nicht mit Ekel durch die Straße." Den kleinen Platz, der gerade vor der S-Bahn entsteht, den hat Flierl noch selbst als Baustadtrat in Gang gebracht. Im Sommer soll er so ein bisschen wie eine römische Piazza sein, auf der man sich trifft und wo es einen Markt geben soll. Die Cafés außendrum gibt es schon.

Wir laufen die Oranienburger Straße weiter Richtung Friedrichstraße. Auf den engen Bürgersteigen drängeln sich Kind-und-Kegel-Familien bei ihrem Sonntagsspaziergang. Vor dem frisch renovierten Altbau, in dem die Volksbank eine Filiale hat, steht ein Hotelpage in rot-goldener Uniform. Flierl geht immer langsamer und bleibt dann stehen. "Diese Gegend darf nicht durch Touristen überformt werden. Die gehören zwar dazu, aber sie leisten nichts für die kulturelle Neugestaltung des Viertels. Es gibt auch Grenzen." Die Galerien hätten jetzt schon Probleme, die Mieten zu zahlen. Aber es gebe einen guten Mieterverein, mit dem der Bezirk zusammenarbeite. Flierls Blick fällt auf ein freies Grundstück auf der gegenüberliegenden Straßenseite, und sein Gesicht beginnt zu leuchten. "Hier kommt noch so ein tolles Glaswürfelchen hin."

Drei Tenöre

So langsam wird der Himmel immer grauer. Aber Flierl stampft ohne zu mosern weiter. "Dass der Osten ohne diesen Überschuss an Werbung ausgekommen ist, das hat ihn sensibler für die Wahrnehmung von Raum gemacht", sagt Flierl und biegt in die Große Hamburger Straße ein. Ob er das wirklich auf alle Ostdeutschen übertragen könne, oder ob das nicht eher die Wahrnehmung des Sohnes des DDR-Architektur-Kritikers Bruno Flierl ist? "Vielleicht", sagt Flierl junior, "aber trotzdem dürfen nationale Symbole, wie das Brandenburger Tor, nicht durch zu viele Events entwertet werden." Die fügten ihm nichts an Bedeutung hinzu, so wie es die Demonstration gegen Rechts letztes Jahr getan hätten. Gegen Großveranstaltungen im Allgemeinen habe er nichts, aber es müsse so langsam ein kulturelles Konzept für sie geben. "Ich kann mir zum Beispiel gut die Drei Tenöre am Brandenburger Tor vorstellen," sagt Flierl. Wichtig sei, dass es ein gewisses Niveau, "eine Kleiderordnung" für die Veranstaltungen gäbe. Passt da die Love-Parade noch rein? Immerhin trägt sie zur Marke Berlin bei und hat das Image der Stadt in den letzten Jahren verbessert. "Gibt es denn keine andere Identifikation für Berlin?," fragt Flierl. Jetzt hört er sich an wie ein Vater, der seinem Kind verbietet fernzusehen, und ihm rät, ein gutes Buch zu lesen. "Nein, nein", sagt Flierl, "die sollen das machen dürfen - wenn keine öffentlichen Interessen dagegen sprechen, und ohne finanzielle Unterstützung der Stadt." Das Taschengeld zum Ausgehen muss das Kind schon selbst bezahlen.

Überhaupt, sagt Flierl, müsse über die öffentliche Inszenierung der Stadt nachgedacht werden. Wenn die Stadt zurzeit feiern will, dann bestellt sie einen privaten Veranstalter. "Vielleicht", überlegt Flierl, "wäre so etwas wie ein Intendant für den öffentlichen Raum, wie es Edwin Redslob in der Weimarer Republik gewesen ist, gar nicht so schlecht." Der könne einen Mittelweg finden zwischen der bombastischen Inszenierung im Osten und der kommerzialisierten im Westen. Eine Art französisches Kulturverständnis scheint Flierl im Kopf zu haben. Zentral, auf hohem Niveau und mit seiner DDR-Sozialisation vereinbar.

Letzter Versuch. "Herr Flierl, haben Sie hier in Mitte einen Lieblingsort?" "Oh, das ist schwierig", sagt er und bleibt vor einer Häuserlücke stehen, dem "Missing House" von Christian Boltanski. An den Wänden der Nachbarhäuser hängen Metalltafeln, auf denen Namen steht: Die Bewohner des im Krieg zerstörten Hauses. "Sehen Sie", sagt er, "das meine ich, wenn ich von Plätzen spreche, die Öffentliches und Privates miteinander verbinden." Die Geschichte ist ihm wichtiger als ein Lieblingshaus. Unser Spaziergang endet am Koppenplatz. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen. "Man sieht nur das, was man weiß", sagt Flierl, und dass die Berliner mehr wissen, auch über den Osten, das ist sein Auftrag - der jetzt erst mal beendet ist. Flierl trinkt noch schnell einen Cappuccino und dann geht es zurück zum Auto.

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