Zeitung Heute : Der palästinensische Freund

In Bethlehem wurde Jesus geboren – schon lange hat man von dort keine guten Nachrichten mehr gehört. Geschichten von Samir, Adnan und einem etwas merkwürdigen Franziskaner-Mönch aus der DDR.

Harald Martenstein

Jerusalem und Bethlehem, diese beiden Städte liegen ähnlich nahe beieinander wie Berlin und Potsdam. Man fährt durch die große Stadt, bis sie fast unmerklich in die kleinere übergeht. Dazwischen aber liegt zur Zeit eine Grenze. Am Übergang zum Palästinensergebiet leuchten Scheinwerfer, auch am Tag. Wachtürme, Tarnnetze, Stacheldraht. Schützenpanzer brettern an der Warteschlange vorbei. Die meisten Wagen in der Schlange gehören Hilfsorganisationen mit langen Abkürzungen auf den Türen. Ausländer werden von den israelischen Soldaten nach kurzem Check durchgewunken. Bei den anderen dauert es.

Hinter der Grenze warten ein halbes Dutzend Taxifahrer. Sie hupen wild und fuchteln mit den Armen. Ich fahre die Scheibe des Mietwagens herunter und frage einen. „Zur Geburtskirche? Ich folge dem Taxi und zahle hinterher für die Fahrt, okay?“

„Da kannst du mit einer israelischen Autonummer doch unmöglich hin“, sagt einer. „Du wirst in der Stadt sofort erschossen, my friend.“ Palästinenser haben grüne Nummernschilder, Israelis gelbe. Er lotst mich zu einem bewachten Parkplatz. Dann geht es zu zweit im Taxi weiter.

Bethlehem liegt wie tot da. Leere Straßen. Müll. Jedes zweite Geschäft geschlossen. Viele Häuser sind Ruinen, alles wirkt arm und elend. Den Kindern hängen Kleiderfetzen vom Leib. Überall sieht man Plakate, mit dem Foto eines 12–jährigen Mädchens, das, wie man hört, von den israelischen Truppen kürzlich erschossen wurde. An diesem Tag ist auch wieder ein Kind in den besetzten Gebieten erschossen worden, das kam im Radio, wieder ein Mädchen, neun Jahre. Aber die Straßen sind relativ gut. Hilfsorganisationen aus den USA haben sie kürzlich reparieren lassen.

Manchmal sind neue Häuser zu sehen, darunter ziemlich schicke Villen. „Der Mann da arbeitet in Saudi-Arabien“, sagt der Fahrer. „Die haben Geld. Früher haben viele auch aus Bethlehem in Kuwait gearbeitet. Gute Jobs. Aber weil Arafat im Krieg zu Saddam Hussein gehalten hat, haben die Kuwaitis alle Palästinenser rausgeworfen.“

Der Fahrer heißt Adnan. Ende zwanzig, drei Kinder. „Ich will kein Geld von dir“, sagt Adnan. „Du musst in Deutschland berichten, wie es hier bei uns aussieht. Sag deinem Volk die Wahrheit! Versprich es!“ Seit drei Jahren war er nicht mehr in Jerusalem, wegen der verdammten Grenze. Immer nur das kaputte Bethlehem und die kaputten Dörfer drumherum. Fast alle Familien in Bethlehem haben vom Tourismus gelebt. Seit dem Beginn der Intifada ist der fast erloschen. „Früher habe ich 1500 Dollar im Monat verdient“, sagt Adnan, „jetzt sind es vielleicht noch 300, davon werden die Kinder nicht satt.“ In Bethlehem wird gehungert, so steht es auch in den Berichten der Hilfsorganisationen, die man im Internet findet. Adnan ist aber überraschend gut und teuer angezogen. Super Schuhe.

Um die Geburtskirche herum warten die Fremdenführer. Sie erzählen alle das Gleiche. Erstens: „Wir sind gegen die Intifada.“ Um Geld zu verdienen, brauchen wir Frieden, sagen sie. Zweitens: „Die USA sind schuld.“ Die USA müssen den Israelis befehlen, Frieden zu schließen. Dann machen sie es. Von den USA hängt einfach alles ab.

Der goldene Stern

Adnan, der Fahrer, wartet im Hintergrund. Einer der Fremdenführer sagt: „Dein Taxifahrer redet Unsinn. Niemand schießt hier auf Autos mit gelben Nummernschildern. Das ist noch nie passiert. Steine werfen – gut, das kommt vor. Schüsse nie. Es sitzen ja meistens Touristen drin. Der Taxifahrer wollte nur, dass du zu ihm ins Auto steigst. Möchtest Du eine Familie kennen lernen, der ein Kind erschossen wurde?“ 200 Dollar würde es kosten. Ich denke, man hätte ihn mindestens auf 80 runterhandeln können. Aber ich mag das nicht, Leuten Geld dafür zu geben, dass sie ihr Leid zeigen.

Vor der Kirche stehen vier oder fünf Schotten und sagen den Fremdenführern: „Wir Schotten und ihr Palästinenser, wir haben genau das Gleiche durchgemacht! Bei uns waren es die Engländer, bei euch sind es die Juden! Ihr seid die neuen Bravehearts! Kämpft! Gebt niemals auf! Freedom!“ Die Führer nicken und sagen, „Yes Sir, Freedom, we will never give up.“ Den Film „Braveheart“ haben sie alle auf Video, sagen sie.

Die Geburtsgrotte, der Ort also, wo Jesus geboren wurde, falls man der Überlieferung glaubt, ist Teil eines kleinen Höhlensystems, über dem im Laufe der Jahrhunderte mehrere Kirchen und Klöster gebaut wurden. Die Katholische Kirche, die Griechisch-Orthodoxen und die Armenisch-Orthodoxen teilen sich die Zuständigkeit für die Grotte. Die Orthodoxen feiern ihr Weihnachten zwei Wochen später als die Katholiken, für die Armenier ist erst der 18. Januar der wichtigste Tag, Jesu Beschneidung. So kommt man sich nicht in die Quere.

Die Grotte hat die Größe eines Wohnzimmers. In einer Nische, auf dem Boden, ein goldener Stern. Das also ist die Stelle, wo Jesus geboren wurde. Sonst wartet man zwei bis drei Stunden, um hier hereinzukommen. Jetzt tauchen nur vereinzelte Pilger auf, meist ältere Paare. Sie knien sich hin und küssen den goldenen Stern. Auch die Schotten. Die Stimmung ist nicht besonders andächtig. Der Fremdenführer von draußen ist mitgekommen, er redet die ganze Zeit halblaut über die miese Lage und über die Belagerung. Einmal zeigt er auf einen alten Mann mit entzündeten Augen, der hinten in der Ecke herumsteht: „Das ist der Bruder von Samir. Er ist ein bisschen verrückt, aber harmlos.“ Dann redet er auf den Alten ein: „Weißt du noch, die Sache mit Samir? Kannst du dich erinnern?“ Der Alte murmelt: „Yes, yes, Samir.“

Samir ist in jeder Story über die Belagerung der Star. Und das kam so.

Aus Bethlehem sind auch ein paar Mal Selbstmordattentäter nach Israel gekommen. Vor einem Jahr hat sich ein 23-Jähriger mit einem Schulbus in die Luft gesprengt. Zwölf Kinder waren tot. Von April bis Juli 2002 haben die Israelis die Stadt dann besetzt. Ungefähr 200 Männer und Jungen, Freiheitskämpfer oder Terroristen, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, sind damals in die Geburtskirche Christi geflüchtet, St. Katharina, und haben sich 40 Tage lang verschanzt. Die Israelis saßen auf den umliegenden Dächern und schossen, sobald sich jemand im Hof oder am Fenster blicken ließ. Acht Männer haben sie auf diese Art erschossen. Die Soldaten sprengten eine Tür auf, zertrümmerten 2000 Orgelpfeifen, setzten einen Saal in Brand, aber stürmen konnten sie die Kirche nicht, weil die katholischen Franziskanermönche ebenfalls in dem Gebäudekomplex saßen und sich weigerten, herauszukommen. Die Lage war, aus Sicht der Soldaten, zu unübersichtlich. Tote Geistliche in der Geburtskirche Christi, das sieht schlecht aus. Die Franziskaner wollten ein Blutbad vermeiden, indem sie blieben. Das ist ihnen auch gelungen. Die Terroristen oder aber Freiheitskämpfer durften zum Teil ins Ausland, zum Teil nach Gaza.

Johannes Simon ist, wenn man so will, der Weihnachtsmann. Und zwar der echte. Er behütet die Geburtsgrotte in seiner Eigenschaft als Vater Johannes, Hausoberer der Franziskaner von Bethlehem. Seit 1220 befinden sich die Franziskaner im Heiligen Land, Vater Johannes seit zehn Jahren. Er raucht Marlboro. Lange hat er im Kloster in der Berliner Wollankstraße gelebt, 150 Meter von der Mauer entfernt. Ostseite. Johannes Simon stammt aus der DDR, gleich nach dem Abitur ging er zu den Franziskanern. Nächstes Jahr wird er 70.

Vater Johannes sagt: „Nach zwei Wochen hier habe ich gedacht, ich weiß über das Land alles. Nach einem Monat habe ich gemerkt, dass ich gar nichts weiß.“ Jeder lüge. Keiner sage die Wahrheit, weder Palästinenser noch Israelis. Darauf könne man sich einigermaßen verlassen. Sonst aber auf nichts. Die Franziskaner sind im Nahostkonflikt streng neutral.

Während der Belagerung haben die Soldaten den Mönchen Wasser und Strom abgestellt. Die Palästinenser dagegen hatten in ihrem Gebäudeteil Wasser und Strom. Die Mönche sollten zum Aufgeben gezwungen werden, die Palästinenser sollten dableiben, damit man sie erschießen oder festnehmen kann. Aber es gab einen Brunnen, und zum Aufladen der Handys schlich immer ein Katholischer zu den Griechisch-Orthodoxen rüber. Der Küster hat Särge geschreinert, und die Mönche haben die Leichen aus dem Innenhof hineingelegt.

Und Samir hat wie jeden Tag die Glocken der Geburtskirche geläutet. Er war geistig behindert, ein alter Mann, genau wie sein Bruder. Nach der Arbeit wollte er nach Hause, wie immer. Er hat nicht kapiert, dass dieser Tag anders war als andere. Er öffnete die Kirchentür und wurde sofort getroffen. Er soll langsam verblutet sein. Einen Tag oder zwei, die Aussagen variieren, lag der tote Samir auf dem Platz vor der Tür. Dann durfte auch er in einen der Holzsärge.

Auf den Kopf gefallen

Das Gespräch mit Vater Johannes wird schnell persönlich. Ich sage, dass die Lage hier mir wie ein Wollknäuel vorkommt, das aus unendlich vielen Fäden besteht. Man fasst ein Ende des Fadens, glaubt, dass man es aufdröseln kann, aber schon nach kurzer Zeit hört der Faden auf. Für jedes Verbrechen gibt es ein Gegenverbrechen. Zu jeder üblen Geschichte gibt es eine ebenso üble Vorgeschichte und dazu wieder eine Vorgeschichte. Es fängt überall an und hört nirgends auf. Eine Kibbuzbürgermeisterin hat mir erzählt, dass es nur einen Weg zum Frieden gebe, und der bestehe darin, dass beide Seiten einen totalen Gedächtnisverlust erleiden. Jedem müsste sozusagen ein Stein Gottes auf den Kopf fallen, der Amnesie auslöst. Vater Johannes sagt: „Ja, sie wollen sich gegenseitig auslöschen. Das wird offiziell natürlich nicht gesagt. Aber es ist so. Können Sie frei schreiben? Schreiben Sie: Es müsste hier einen Mandela und einen De Klerk geben, zwei Politiker von solchem Format wie damals in Südafrika. Aber das gibt es hier nicht und wenn doch, dann wird so einer von eigenen Leuten umgebracht wie Rabin. Schreiben Sie: Der Mensch ist zum Frieden unfähig. Er braucht Gottes Hilfe. Das ist der Kern des Weihnachtsfestes.“

In Bethlehem lebten einmal 40 000 Menschen, jetzt sind es vielleicht noch 28 000. Anderswo in den palästinensischen Gebieten steigen die Einwohnerzahlen, wegen der vielen Kinder, hier nicht. Vor allem die Christen gehen weg, oft nach Chile oder Kanada. Auch Moslems wandern aus. „Die Friedlichen gehen“, sagt Vater Johannes. Die kompromisslosen Kämpfer bleiben. Bethlehem hatte, vor vielen Jahren, eine christliche Mehrheit. Jetzt sind es noch 5500 von 28 000, schätzt Johannes. Die Kirche unterstützt viele Familien mit Lebensmittelkarten. Bargeld gibt es von der Kirche nicht, sonst lassen manche Männer ihre Familie hungern und kaufen sich statt dessen Handys oder Klamotten. Oder Schuhe.

Das Gebiet westlich des Jordan, das in Israel Judäa und Samaria heißt und aus dem der Staat Palästina werden soll, eines Tages, ist heute das Land des Zaunes. Nirgendwo sonst gibt es so viel Zaun. Der Zaun soll, so die offizielle Version, Attentäter daran hindern, nach Israel zu gelangen. Die Grenze Israels von 1967 ist an dieser Stelle allerdings 360 Kilometer lang, für den Zaun aber sind 1000 Kilometer geplant. Er windet sich tief in das Palästinensergebiet hinein, umschließt schützend jüdische Siedlungen auf dem Gebiet des Feindes, zwackt dem Feind wertvolle Quellen ab, denn Wasser ist Macht, lässt Straßen zu unüberwindbaren Barrieren werden, die Bauern von ihren Feldern trennen, teilt das Land Palästina, das auf den israelischen Landkarten längst zu Israel gehört, in einen Fleckenteppich aus trostlos kleinen Parzellen, aus denen kein Mensch ohne Passierschein wieder herauskommt. Der Staat Palästina hat keine geographische Grundlage mehr, bevor er überhaupt gegründet wird, dafür sorgt der Zaun.

Wir fahren mit dem Taxi ein bisschen durch die Gegend. Auf den Hügeln liegen die israelischen Wehrdörfer, wie Burgen. Die Erobererkultur, oben, mit den modernen, stabilen Häusern, unten die ärmlichen, niedergedrückten Palästinenserdörfer – zweifellos ein Bild von starker Symbolkraft. Gegenüber von Bethlehem wird sogar eine richtige Stadt gebaut. Ein Wald von Kränen steht da. „Har Homa“ heißt die neue Stadt. „Sie werden dort eine neue Geburtskirche hinstellen. Sie werden sagen, dass Jesus in Wirklichkeit dort geboren wurde. Das werden sie tun, weil sie uns alles nehmen wollen“, sagt Adnan. Ach, sage ich, das kann ich mir nicht vorstellen. Das mit der neuen Kirche würde der Papst nie mitmachen. „Doch. Es ist so. Wir sollen ihre Sklaven sein oder abhauen.“ Dann fährt er zurück zum Parkplatz, wo der Mietwagen steht.

Ich denke, dass er Geld bekommen soll, obwohl er ausdrücklich gesagt hat, dass er keines will. Ich war zum Tee in seinem Haus, einem Drei-Zimmer-Rohbau mit Blick auf ein Wehrdorf, der wertvollste Schmuck dort ist eine am Steg gesplitterte Akustikgitarre. Also sage ich: „Adnan, ich weiß, dass du kein reicher Mann bist, wenigstens 50 Euro würde ich dir gern schenken, für Benzin.“ Das Gesicht verändert sich, innerhalb einer Sekunde. Er richtet sich auf. Ich denke: „Jetzt habe ich ihn beleidigt“, und stecke den Schein schnell wieder ein. Er sagt: „50 Euro? Was soll das? Mein Stundensatz sind 90 Euro. Hast du das vergessen, my friend?“ Er wirkt völlig verändert. Total aggressiv. Man kriegt es richtig mit der Angst. Die Autotür auf der Beifahrerseite ist abgeschlossen. Kein Entkommen. Er ist jetzt am Drücker. Und ich denke noch: Mit diesem Mann möchte ich keinen Friedensvertrag aushandeln müssen, bei Gott.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben