Zeitung Heute : Der Palast der Monarchie

Dieses Gebäude wurde 1851 in nur vier Monaten erbaut und galt als Weltwunder aus Stahl und Glas. London feierte es, und die Neugierigen kamen in Massen. Die Nachfolger floppten.

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Von Susanne Kippenberger

Henry Cole war ein viel beschäftigter Mann. Nicht, dass seine Arbeit so anspruchsvoll gewesen wäre: Als kleiner Beamter im britischen Staatsarchiv hatte er einen eher langweiligen Job. So kam er auf andere Gedanken. Entwarf ein Teegeschirr, gab eine Zeitschrift heraus, schrieb Bücher, gründete eine Firma, die geschmackvolle Produkte zu erschwinglichen Preisen vertrieb. So ein Mann hat keine Zeit mehr, Weihnachtsbriefe zu schreiben. Und so erfand Henry Cole die Weihnachtskarte, ließ sich ein hübsches Motiv zeichnen, ein paar nette Worte draufdrucken, da musste er nur noch unterschreiben. 1843 war das. Ein paar Jahre später erfand der Engländer die Weltausstellung: die erste der Welt. Wahrscheinlich bis heute die einzige, die profitabel war. Zur Belohnung wurde der kleine Beamte zum Gründungsdirektor des Victoria & Albert Museums ernannt.

Joseph Paxton war ein viel gefragter Mann. Siebtes Kind einer armen Bauernfamilie, wurde er in jungen Jahren Gärtner und bald auch engster Vertrauter und Reisegefährte des Herzogs von Devonshire. In Chatsworth baute er Brunnen und Gewächshäuser, wie es sie prächtiger und moderner nirgends gab, brachte die exotischsten Pflanzen im kühlen englischen Norden zum Blühen, gründete mehrere Zeitschriften und stieg ganz groß bei der neuen Eisenbahn ein. Eines Tages, bei einer Sitzung, kritzelte er auf Löschpaper einen Entwurf für den Crystal Palace, in dem die ganze Welt unter einem riesigen Glasdach präsentiert werden sollte. Ohne Architekt zu sein, wurde er zum berühmtesten Baumeister im ganzen Land, zum Liebling der Königin und schließlich, als Parlamentsabgeordneter, zum Politiker.

Prinz Albert war ein wenig geliebter Mann. Gut, seine Gattin vergötterte ihn, aber das Volk mochte den deutschen Prinzen nicht, die Politiker trauten ihm nicht. Und nun hatte sich der Prinzgemahl, als Zögerer und Zauderer bekannt, zu etwas bekannt: zu dieser Ausstellung, die zeigen sollte, was die ganze Welt in Sachen Wissenschaft, Kunst und Technik zu bieten hatte. Und zu diesem Bekenntnis gehörte durchaus Mut. Denn was zum größten Triumph seines kurzen Lebens wurde, hätte genauso im Desaster enden können. Was für ein Größenwahn: Anfang 1850 zu beschließen, ja, wir wollen diese Ausstellung – und nächstes Jahr soll alles stehen.

Pünktlich am 1. Mai 1851 wurde die Londoner Weltausstellung eröffnet, von der Königin persönlich, die, unerhört!, ein Bad in der Menge nahm. Queen Victoria war selig vor Glück. Es war der schönste Tag ihres Lebens, vertraute sie ihrem Tagebuch an, die Feierlichkeiten „tausend Mal schöner als meine Krönung“. Endlich wurde auch ihr Gemahl, ihr Vertrauter, Privatsekretär und Redenschreiber, der Vater ihrer insgesamt neun Kinder, anerkannt. So gnädig waren die Briten ihm gegenüber fortan gestimmt, dass sie ihm sogar den deutschen Weihnachtsbaum abnahmen. Den hatte er zwar nicht erfunden, so wie Cole die Karte, aber er hat ihn erfolgreich importiert. Und 1857 bekam er endlich den Titel, der ihm zustand: „Prince consort“, Prinzgemahl. Vier Jahre später war er tot. „Die Welt ist für mich zu Ende“, erklärte die Königin, die in jahrelanger Trauer versank, bevor sie selber 1901 starb.

„The Great Exhibition of the Works of All Nations“, wie der offizielle Titel lautete, trug den Namen groß durchaus zu Recht. 563 Meter lang und 124 Meter breit war das Ausstellungsgebäude, vier Mal so groß wie der Petersdom – in zehn Tagen entworfen, in 17 Wochen gebaut. Unter den mehr als 100 000 Exponaten waren die neuesten Erfindungen des industriellen Zeitalters, Druckmaschinen, Kameras, Lokomotiven, Mikroskope, aber auch ausgestopfte Elefanten und jede Menge Kunstgewerbe. Und man konnte nicht nur gucken, sondern auch kaufen: „Die erste Shopping Mall der Welt“ hat der Historiker A.N.Wilson den Palast genannt. Schon für den Besuch der Baustelle hatten Neugierige bereitwillig fünf Shilling Eintritt bezahlt. Nun strömten mehr als sechs Millionen Menschen in knapp sechs Monaten in das neue Weltwunder. Und das, obwohl sonntags geschlossen war. Man feierte sich selbst: Großbritannien demonstrierte die Pracht und Macht seines Empires. „Das viktorianische Walhalla“ nennt Paxton-Biographin Kate Colquhoun den Bau.

Ins sichere Unglück würde die Weltausstellung führen, hatten Skeptiker vorher gewarnt, der zarte Bau würde über den Menschenmassen zusammenbrechen. Nicht wenige der Kritiker wohnten selber im feinen Kensington, am Rande des Hyde Parks, und wollten auf keinen Fall so ein Monster in ihrem Vorgarten stehen haben. Ganz zu schweigen von dem Pöbel, den das Spektakel anziehen würde. Bisher war das Land verschont geblieben von den Revolutionen, die den Kontinent aufgerüttelt hatten; kämpferische Auseinandersetzungen hatten sich auf die fernen Kolonien beschränkt. Nun hatte man Angst, dass mit den Exponaten auch umstürzlerische Ideen aus dem Ausland auf die Insel dringen würden.

Revolutionär war am Ende nur der Bau. So etwas hatte es noch nie gegeben – und würde es auch nicht noch einmal geben. Über 200 Architekten hatten ihre Entwürfe für den Bau zur Weltausstellung eingereicht, und keiner hatte vor der Königlichen Kommission Gnade gefunden. Der letzte Plan im Rennen war so massiv und düster, dass die Bevölkerung Sturm lief – heftige öffentliche Debatten begleiteten das Vorhaben von Anfang an.

Und nun kam dieser Gärtner mit seinem Plan für einen Bau, dem Zeitgenossen später elfenhafte Leichtigkeit bescheinigten. Das Timing war perfekt: Erst kurz zuvor war die Glas-Steuer abgeschafft worden, die bis dahin selbst das kleinste Scheibchen zu einem Luxusartikel gemacht hatte. Und die neue Eisenbahn, in die Paxton ein Vermögen investiert hatte, und aus der er ein noch größeres herausholen sollte, konnte jetzt die gusseisernen Träger zur Baustelle bringen. Denn dass der Crystal Palace in so atemberaubend schneller Zeit aufgestellt werden konnte, lag an der Konstruktion: Er wurde nämlich aus industriell vorgefertigten Teilen vor Ort zusammengesetzt. Und genau so konnte er hinterher wieder auseinander genommen werden. Besonders raffiniert an Paxtons Entwurf waren das runde Dach und die Rinnenbalken, die als tragende Säulen dienten und gleichzeitig Regen- und Kondenswasser ableiteten.

Joseph Paxton war kein Unbekannter mehr, als er den Plan zeichnete. Die Königin kannte ihn von Kindesbeinen an; schon als junges Mädchen war sie entzückt von seinem beleuchteten Wasserspielen in Chatsworth, das bis heute im Besitz der Familie des Herzogs von Devonshire und eine Touristenattraktion ist. 1849 gelang Paxton in seinem gläsernen Gewächshaus, was noch keiner in Europa geschafft hatte: die später Victoria regia genannte Riesenseerose vom Amazonas zum Blühen zu bringen. Paxton wusste das Ereignis gebührend zu inszenieren. Für Queen Victoria, die eigens angereist war, ließ er seine kleine Tochter Annie im Elfengewand auf eins der zwei Meter großen Seerosenblätter steigen. Die feine, aber äußerst stabile Struktur der Blätter und die von ihm selbst gebauten Gewächshäuser dienten als Modelle für die Konstruktion des Glaspalastes – dies und die Poesie: Jungen Gärtnern empfahl Paxton, Lyrik zu lesen, um die Gesetze der Komposition kennen zu lernen.

Zusammen mit Thomas Cook, Erfinder der Pauschalreise, hatte Paxton schon Ausflüge nach Chatsworth organisiert. Jetzt erfand er den „One-Shilling-Day“, der der Weltausstellung erst zum ganz großen Erfolg verhalf, weil sich nun auch die Massen das Vergnügen leisten konnten. „Ein Marketinggenie“ nennt Peter Prange den Gärtner. Für den Tübinger Schriftsteller verkörpern Paxton und sein Palast das 19. Jahrhundert wie nichts und niemand sonst: Der selfmademan par excellence, der optimistische Eisenbahnkönig – und die Gesellschaft, die das baute, was das 18. Jahrhundert noch zwischen zwei Buchdeckel geklappt hatte: eine Enzyklopädie des Wissens. Dieser Größenwahn, dieser Fortschrittsglaube – „die waren alle wie besoffen davon.“

Prange hat gerade einen Roman veröffentlicht, der auf der wahren Geschichte basiert, sie aber fiktiv erweitert: „Miss Emily Paxton“ (erschienen bei Droemer). Um nicht vom Rausch des Fortschrittsglaubens der Protagonisten mitgerissen zu werden, beleuchtet er die Schattenseite der ganzen Herrlichkeit: das Schicksal der Arbeiter, von denen bis zu 2000 an dem Palast arbeiteten, die politischen Proteste, den elenden Teil des viktorianischen Lebens, wie ihn auch Dickens in seinen Romanen schilderte – der freilich auch ein großer Bewunderer des Crystal Palace war. Es war schwer, dessen Faszination nicht zu erliegen.

Joseph Paxton hätte seinen Glaspalast am liebsten als immerwährenden Wintergarten stehen gelassen. Aber versprochen war versprochen, der Palast wurde abgetragen – und im Park von Sydenham, südlich von London, wieder aufgebaut: noch größer, noch besser, ein privat betriebener Palast der Bildung und des Vergnügens, wieder von Queen Victoria eröffnet. Diesmal aber hatte man sich überschätzt. Auch wenn J.R. Pigott in seinem kürzlich erschienenen Buch „Palace of the People“ über das zweite Leben des Kristallpalastes beteuert, dass es am Anfang und Ende gar nicht so schlimm gewesen sei, wie im Rückblick alle meinen – ein Triumph war er nie in seiner Mischung aus Disneyland, Museum, Botanischem Garten, Messehalle, Veranstaltungszentrum und Konzertsaal.

Als der zweite Crystal Palace am 30. November 1936 abbrannte, notierte Bernard Shaw erleichtert in sein Tagebuch: „Queen Victoria is dead at last.“ Die National Cat Show konnte nun nicht mehr stattfinden, dafür kamen noch einmal eine Million Schaulustige, um das Ende eines Zeitalters zu betrachten – in zwei Tagen so viele wie vorher in einem ganzen Jahr. Für Peter Prange könnte dieses Ende nicht symbolträchtiger sein: dass nämlich der Palast quasi an sich selbst verbrannte, an einem Schwelbrand durch die Heizungsrohre. An den Widersprüchen des 19. Jahrhunderts, glaubt der studierte Philosoph, sei der Palast zerbrochen: am Gegensatz von Kapital und Arbeit, den Gefahren des technischen Fortschritts, wie sie sich kurz darauf im Zweiten Weltkrieg brutal zeigten, den Folgen des Kolonialismus.

Und doch hat der Palast mehr hinterlassen, als den Namen, den heute ein Fußballteam trägt. Die Weltausstellung hatte sich nämlich nicht nur selbst getragen, wie es die königliche Kommission versprochen hatte – sie hatte Gewinn gemacht. Damit wurde ein riesiges Areal in Kensington südlich vom Hyde Park gekauft, von Spöttern „Albertopolis“ genannt. Dort entstanden die Institutionen, die die Mission der Weltausstellung, die Bildung des Volkes in Sachen Kultur, Technik und Wissenschaft fortführen sollten: die Royal Albert Hall, das Imperial College of Science and Technology, das Natural History Museum – und das gigantische Victoria and Albert Museum, ein eher plumpes Gebäude, in dem noch heute eine eigene Abteilung dem Crystal Palace gewidmet ist.

Da kann man auf einem Gemälde sehen, wie er eröffnet wurde, und in einem Film, wie er in sich zusammenfiel, ein Faksimile zeigt Paxtons Löschblattkritzelei, selbst die Dauerkarte von Prinz Albert kann man dort bewundern. Einige Stücke aus der Weltausstellung – goldene Vasen, opulente Teekannen, kitschige Stühle – führen allerdings vor Augen, wie das viktorianische Zeitalter wirklich war: überladen. Insofern ist der Crystal Palace eher untypisch für seine Zeit. So modern, dass er für viele Architekten noch heute ein Mythos ist. Schon Le Corbusier feierte „Grandeur und Einfachheit“ des Glaspalastes; für den Meister des 20. Jahrhunderts war der Bau des 19. der Beweis, dass Architektur mehr ist als ein Stil, eine Schule. „Sie ist eine Art des Denkens,“ schrieb er in einem elegischen Nachruf. Zwei Jahre zuvor hatte er ihn das letzte Mal gesehen: „Ich konnte meine Augen nicht wegreißen von diesem Schauspiel seiner triumphalen Harmonie.“

Mehr noch als der Architekt werden die Engländer dem Palast nachgetrauert haben: 149 Jahre später, als in London der Millennium-Dome entstand, der die Wiedergeburt aus dem Geist des 21. Jahrhunderts werden sollte – und der größte Flop wurde. 13 Mal so groß wie die Royal Albert Hall, Baukosten: 1,2 Milliarden Euro. Und die Briten wollten ihn nicht sehen.

Als märchenhaft beschrieben viele Zeitgenossen die Gestalt des Crystal Palace. Vielleicht war er wirklich nur das: ein Märchen, wahr geworden für ein halbes Jahr.

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