Zeitung Heute : Der Palast ist weg, es lebe die Debatte

Studierende sammeln Meinungen zum Abriss

Christian Busch

Wenn es um die Gestaltung der Stadtmitte geht, gerät das Blut vieler Berliner in Wallung. „Reißt den hässlichen Palast endlich ab und macht Platz für das Schloss“, heißt es dann, oder aber: „Der Abriss des Palasts ist doch Siegermachtspolitik, lebendige deutsche Geschichte wird hier vernichtet.“ Seit zwei Semestern sammelt eine Gruppe von Studierenden der Geschichtswissenschaft unter der Leitung von Alexander Schug Meinungen zum Abriss des Palasts der Republik – mit dem Ziel, die Abrissdebatte zu dokumentieren. Das Projekt trägt den Namen „Palastarchiv“. Alle Interessierten können ihre Meinung kundtun und drei Fragen beantworten: Ist es richtig, den Palast abzureißen? Brauchen wir das Schloss? Wäre eine dritte Lösung denkbar?

Anfang Februar starteten die Studierenden einen öffentlichen Aufruf über die Medien – zurück kamen bislang annähernd 100 Reaktionen, die für die qualitative Analyse verwendet werden. Der Blick „von unten“ wird ergänzt durch Interviews mit Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Kultur. So kommen Schlossbefürworter wie Wilhelm von Boddien, aber auch Palastfreunde wie Gregor Gysi zu Wort. Durch jedes Interview und jeden eingesandten Brief wächst das Palastarchiv. Das Berliner Landesarchiv wird die Unterlagen in einer Auswahl verwahren. Auf der Website werden sämtliche Quellen ab Sommer recherchierbar sein.

Das Forschungsprojekt dient nicht nur der akademischen Lehre. „Es ist unser Ziel, aus dem Elfenbeinturm der Universität herauszukommen und unser Wissen mit einem breiteren Publikum zu teilen“, erklärt Initiator Alexander Schug.

In einer Ausstellung im Museumsverbund Pankow in der Prenzlauer Allee werden die Ergebnisse ab Ende Juli der Öffentlichkeit präsentiert. „Ich finde es eine großartige Gelegenheit, dass ich schon während meines Grundstudiums eine Ausstellung organisieren kann“, freut sich Studentin Sonja Thiel. „Der Palast ist hochpolitisch, die Diskussion wahrscheinlich eine der heftigsten Erinnerungsdebatten der letzten Jahre.“

Das Palastarchiv wird außerdem in ein Buch renommierter Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien einfließen. Es erscheint im Juli unter dem Titel „Palast der Republik. Politischer Diskurs und private Erinnerung“ im Berliner Wissenschaftsverlag. Für die Studierenden bedeutet das erste Publikationsmöglichkeiten.

Ohne Partner wäre das Praxisseminar kaum möglich: Das Landesarchiv stellt seine Bestände für Ausstellung und Buch, der Museumsverbund Pankow Ausstellungsräume zur Verfügung. Junge Kreative der Best-Sabel Berufsfachschule für Design entwickelten das Layout, die Wall AG spendet Werbeflächen.

Mit über 40 Beteiligten ist das Palastarchiv eine Herausforderung für das Projektmanagement: gemeinsame Erfolge gehören ebenso dazu wie Enttäuschungen und Absagen. Auch der Umgang damit will gelernt sein.

Mehr Informationen im Internet:

www.palastarchiv.de

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