Zeitung Heute : Der Pfaffenwinkel strebt in den Cyberspace

THOMAS VESER

Wie Behinderte an die Informations- und Kommunikationstechnologie herangeführt werdenVON THOMAS VESERTraditionelle Abschlüsse können Schüler mit Lernschwierigkeiten in der Berufsschule des oberbayerischen Dorf Herzogsägmühle seit langem erwerben; selbst zum Töpfer oder Weber kann man sich in dieser Bildungsstätte der Diakonie ausbilden lassen.Durch den Beschluß, künftig die Informations- und Kommunikationstechnologie in das Berufsförderungssystem mit einbeziehen und vielleicht eines Tages den Abschluß Webmaster anzubieten, sucht Herzogsägmühle im Herzen des Pfaffenwinkels den Anschluß an die Zukunft.Das 1997 gestartete Jahresprojekt "Online Service Zentrum" soll dazu beitragen, einen Fundus an Informationen und Dienstleistungen zu erstellen, die speziell auf die Bedürfnisse sozial benachteiligter Gruppen, vor allem behinderter Menschen, zugeschnitten ist.Unterstützt durch den Freistaat Bayern und die Europäische Union (EU), wollen die Verantwortlichen herausfinden, nach welcher Methode welche Fertigkeiten Menschen mit sozialen und seelischen Handicaps zu vermitteln sind, damit sie einmal selbständig Online-Infos und Dienstleistungen abrufen können. Als künftige Ausbildungsplattform schufen die Herzogsägmühler Informatiker in gewohnter Umgebung ein eigenes Telezentrum mit Internet-Café, das Jugendlichen mit Verhaltensproblemen, seelisch Kranken und ehemaligen Obdachlosen, die heute im Dorf leben, offensteht.Auch Besucher aus der Region sind dort willkommen.Im Schnitt lassen sich seit Eröffnung monatlich 500 Interessierte in die Anfangsgründe der Cyberspace-Technik einführen. Über den Bürgernetzverein Pfaffenwinkel erhielten die Herzogsägmühler einen eigenen Einwählknoten.Nicht nur die gesamte Einrichtung des Zentrums wurde über Spenden finanziert, auch für die Kosten des laufenden Betrieb stehen Sponsoren aus der regionalen Wirtschaft gerade. Seit 1992 an transnationalen Fortbildungsprojekten der Brüsseler Initiative Horizon (Eingliederung Behinderter und benachteiligter Gruppen in das Berufsleben) beteiligt, verfolgen die Herzogsägmühler mit ihrem Telezentrum ein klares Ziel: Sie hoffen, damit mittelfristig ein Dutzend sozialversicherungspflichtiger Telearbeitsplätze für Herzogsägmühler Bewohner zu schaffen.Behinderte Telearbeiter sollen dank einer auf sie zugeschnittenen Schulung in die Lage versetzt werden, aus der Wirtschaft vermittelte Aufträge im Bürobereich zu übernehmen.Klaus Barthel, der als Sozialarbeiter an den EU-Projekten mitwirkt, denkt dabei vorrangig an Seminarservice, die Erstellung von Serienbriefen und Datenbanken und den Versand von Layoutarbeiten. Wie Randgruppen der Gesellschaft einen Anschluß an Online-Techniken finden können, stand denn auch im Mittelpunkt einer internationalen Herzogsägmühler Fachtagung mit dem Titel "Cyberspace - neue Räume für Benachteiligte".In der Schlußerklärung forderten die Teilnehmer für sämtliche gesellschaftlichen Gruppen den "erschwinglichen Zugang zu allen Möglichkeiten der Informationstechnolgie", um eine Spaltung in "bildungsmäßig und materiell Bevorteiligte" und "Benachteiligte" zu verhindern.Nur so werde es gelingen, der vielbeschworenen neuen Informationsgesellschaft "menschliche Züge" zu vermitteln.Daher müßten auch die traditionellen Fortbildungssysteme in allen EU-Ländern entsprechend ergänzt werden.Informationen stehen unter

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