Zeitung Heute : Der Pilger kehrt heim

„Viva il Papa“ rufen sie vor dem Papstpalast. Hunderttausend sind gekommen. Und drinnen nimmt die engste Familie Abschied

Paul Kreiner[Rom]

Sie beten den Rosenkranz, wie sie es schon am Abend zuvor getan haben. 50000 oder 60000 Menschen auf dem Petersplatz, eine Stimme, ein gemeinsames, großes Murmeln: „Gegrüßet seist Du, Maria...“ Wie in der Nacht zuvor heften sie ihre Augen auf die hell erleuchteten Fenster der Papstwohnung. Der Rosenkranz geht zu Ende. Und in der rechten Kurve des ovalen Platzes fangen die „Papa-Boys“ wieder an zu singen, die immer fröhlichen Jugendlichen aus dem Umfeld des Weltjugendtags, die größten Fans von Johannes Paul II. Dann bittet ein Kardinal alle, sich zum Gebet zu sammeln. Wieder setzt das Ave-Maria-Murmeln ein. Und plötzlich, ohne Form und Zeremoniell, tritt ein anderer Bischof ans Mikrofon: „Liebe Brüder und Schwestern! Heute um 21 Uhr 37 Uhr ist unser über alles geliebte Papst Johannes PaulII. ins Haus des Vaters zurückgekehrt.“

Auf dem riesigen Platz erstirbt alles Geräusch. Ein „Ah!“ aus 60000 Kehlen, das nur mehr zu spüren, nicht zu hören ist, und dann halten alle die Luft an. Sind es Sekunden, sind es Minuten? Die Menschen fallen nicht einmal auf die Knie, wie es die Fernsehreporter gleichzeitig in alle Welt vermelden. Viele haben Tränen in den Augen und Kerzen in den Händen; Kerzen kleben auf allen Steinstelen, an den Füßen aller Laternenmasten. Dann fängt irgend jemand zu klatschen an; der Applaus rauscht wie eine große Befreiung über den Platz. Ein paar verlegene Ave Maria. Und dann die Totenglocke. Links oben in der Fassade des Petersdoms fängt die schwere Bronze an zu schwingen. Einzelne Schläge, viele Unterbrechungen. Einen Rhythmus findet die Glocke nicht. Sie stockt immer wieder. Die tiefen Töne, die sich über den weiten Platz schleppen, haben etwas Bedrohliches.

Immer mehr Menschen strömen herbei; mehr als Hunderttausend werden es nach Mitternacht. Einige schwenken polnische Fahnen; Blumengebinde häufen sich vor dem Petersdom. Das Schweigen löst sich auf in getragene, fromme Gesänge. Die Kerzen leuchten. Gegen ein Uhr haben sich die Fröhlichen wieder durchgesetzt. „Viva il Papa!“ schreit einer ins Mikrofon. Der Applaus schwillt zur Orkanstärke an. „Giovanni Paolo! Giovanni Paolo!“

Das Fenster seines Arbeitszimmers, von dem aus Johannes Paul II. die Gläubigen gesegnet hat, ist erleuchtet. Licht brennt erstmals auch im Schlafzimmer des Papstes daneben. Dort vollziehen die führenden Kardinäle zu dieser Nachtstunde die vorgeschriebenen Riten: Sie ziehen dem Verstorbenen den Petrus-Ring vom Finger, das Zeichen der päpstlichen Vollmacht. Und sie zerbrechen ihn. Sie zerbrechen auch das Bleisiegel, mit dem der Papst amtliche Urkunden autorisiert. Sie ziehen ihm die geistlichen Gewänder an: die weiße Albe und das blutrote Messgewand, wie es die Kirche an Märtyrer- und Apostelfesten verwendet.

Sie bahren ihn auf, betten ihn so ausgestreckt und gelöst auf die goldbraune Samtdecke, wie der Parkinson-geplagte Johannes Paul II. zu Lebzeiten schon lange nicht mehr hat liegen können. Sie setzen ihm die weiße Bischofs-Mitra auf und legen den silbernen Hirtenstab mit dem Kreuz in seinen linken Arm. Und am frühen Morgen schließen sich die Fensterläden. Die Amtszeit Johannes Pauls II. ist nach 26 Jahren, fünf Monaten und drei Wochen zu Ende gegangen; am 9664. Tag seines Pontifikats ist er gestorben. Der Kardinal-Kämmerer hat die Wohnräume Johannes Pauls II. versiegelt. Keiner darf sie betreten. Nur der Nachfolger eines Tages.

Johannes Paul II., Karol Wojtyla mit bürgerlichem Namen, ist in der Stunde seines Todes gewissermaßen nach Hause zurückgekehrt. Außer seinem Leibarzt und zwei Krankenpflegern standen nur polnische Geistliche und Schwestern um ihn herum: Die stillen Ordensfrauen, die den päpstlichen Haushalt führten, seine beiden Sekretäre, die für ihn wie Söhne waren – Staszek und Mietek. Von allen Amtsträgern der Kurie hatte sich Johannes Paul II. schon am Morgen verabschiedet. Der große Öffentliche, der Weltreisende, der in seiner Amtszeit 1167295 Kilometer zurückgelegt hat, dreimal die Strecke von der Erde zum Mond, ist „in seiner Familie“ gestorben, wie es in der Vatikan-Sprache heißt.

Umso öffentlicher findet am Morgen danach der Trauergottesdienst statt. Mit dem Petersplatz sind wieder, wie zu jenem dramatischen, qualvoll-stummen Ostersegen vor genau einer Woche, Hunderte von Fernsehanstalten in aller Welt verbunden. Und der Platz quillt über vor Menschen. Mindestens 130000 sind es nach Auskunft der italienischen Polizei. Und wieder sind es zu einem Großteil Jugendliche. Viele halten Rosenkränze in der Hand, heben Papstfotos hoch: Johannes Paul II. in seinen besten Jahren, der „Athlet Gottes“, der lachende, jugendliche, vom Wind zerzauste, der mit der Friedenstaube über dem Kopf, der seinen Hirtenstab entschlossen auf den Erdboden stemmt und mit der anderen Hand die Richtung weist: Vorwärts!

Ernste Gesichter. Nicht nur Frauen weinen, auch Männer wischen sich Tränen aus den Augen. Die Kluft zum Leiter des Gottesdienstes ist nicht zu übersehen: Geschäftsmäßig, als handele es sich um eine normale Sonntagsmesse, und beinahe distanziert, spult Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano die Zeremonie ab. Hunderte Priester, Bischöfe, Kardinäle säumen den Altar auf der Rampe zum Petersdom, gegenüber ist die italienische Regierung vollzählig angetreten, dazu Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, der im gleichaltrigen Johannes Paul II. einen engen persönlichen Freund verloren hat.

Am Abend zuvor hat Kardinal Sodano auf dem Petersplatz noch das „de Profundis“ gelesen, den uralten Trauerpsalm der Kirche. Doch an diesem strahlend sonnigen Morgen gibt es keine Trauergesänge. Von der ersten Minute an braust das „Halleluja“ über den Platz. Sodano spricht von der Auferstehung: In der Aussicht auf die „ewige, himmlische Heimat verwandelt sich der Schmerz des Christen sofort in tiefe Gelassenheit“. „Serenità“ heißt das Wort auf Italienisch – es kann auch Heiterkeit bedeuten, und es ist derselbe Ausdruck, mit dem der Vatikan die Gemütsverfassung Johannes Pauls II. in dessen letzten Stunden beschrieben hat. Sodano rühmt Johannes Paul II. Er habe sich für eine „Kultur der Liebe“ eingesetzt. Wort für Wort nähert er sich der entscheidenden Passage seiner Predigt. Doch unmittelbar davor verlässt Sodano sein Manuskript, improvisiert einen recht ungelenken Satz, und schon hat er übersprungen, worauf so viele Beobachter gewartet haben: „Johannes Paul der Große“, wollte Sodano den Verstorbenen nennen.

„Der Große“. So heißen bisher nur zwei Päpste in 2000 Jahren Kirchengeschichte – Leo I. und Gregor I. Beide gelten als Heilige, und eine Beförderung Johannes Pauls II. durch den führenden Kardinal des Vatikan, das wäre demnach einer Art Spontan-Heiligsprechung auf offener Bühne gleichgekommen, ohne ordentliches Verfahren, ohne nachgewiesene Wunder. Sodano wollte den Überschwang der Gefühle ausdrücken, die sich gegenüber Johannes Paul II. gebildet haben und die auf dem Platz beinahe mit Händen zu greifen waren. Sodano wollte die historische Bewertung eines Pontifikats adeln, die längst vollzogen ist – aber vor dieser letzten Kühnheit ohne Rücksprache mit dem Rest der Kirche hat man ihm im Vatikan kurz vor der Messe noch abgeraten. Gleichwohl: die Predigt steht im vollen Wortlaut im Internet; die Beförderung Johannes Pauls II. zum „Großen“ ist vollzogen.

Und das nächste Krönungsfest steht bevor: Hunderttausende werden von Montag an am Sarg in der Peterskirche vorbeiziehen; zwei Millionen Menschen werden zur Beerdigung Johannes Pauls II. in drei bis vier Tagen erwartet, dazu Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt. „Giovanni Paolo, Giovanni Paolo!“ – die Rufe der Zehntausenden, die auch gestern nach dem Totengottesdienst wieder und wieder aufgebrochen sind, sie verstummen so schnell nicht wieder.

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