Zeitung Heute : Der Pirouetten-Kandidat

Er macht Krawall, appelliert an das Rebellische, und seine Meinungen wechseln ständig. Deshalb wurde Howard Dean lange Zeit unterschätzt. Doch mittlerweile ist er zum Star der Demokraten und zu Bushs schärfstem Rivalen geworden. Wer ist er wirklich?

Malte Lehming[Washington]

Wer ist das? Er ist weiß, relativ klein und wächst in einem reichen, republikanischen, protestantischen Elternhaus auf. Er besucht eine Privatschule, absolviert später ein Studium an der Elite-Universität Yale. Eines seiner Geschwister stirbt. Dem Vietnamkrieg entzieht er sich, gegen den Krieg protestiert er nicht. Stattdessen trinkt er gerne einen über den Durst. Eines Morgens wacht er mit einem besonders schweren Kater auf. Seitdem lebt er wie ein Asket, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Kaffee. Na?

Noch ein paar Tipps: Er geht in die Politik, wird Gouverneur eines US-Bundesstaates, regiert parteiübergreifend, jenseits von links und rechts. Er befürwortet die Todesstrafe sowie das Recht auf Waffenbesitz, kürzt bei den Sozialausgaben. Schließlich will er Präsident der Vereinigten Staaten werden, tritt als Außenseiter an und wettert gegen den Politklüngel in Washington. Man sagt ihm Geltungstrieb und Machtwillen nach. Seinen 55. Geburtstag hat er hinter, seinen 60. vor sich.

Ganz klar, das ist George W. Bush. Aber halt, das ist auch ein anderer, der ärgste Rivale von Bush, der neue Stern am Himmel der Opposition: Howard Dean. Die Parallelen sind verblüffend. Doch an dieser Stelle enden sie auch. Jedenfalls vorläufig. Denn ob Dean jemals ins Weiße Haus gelangt, weiß noch keiner. Die Wahrscheinlichkeit allerdings wächst. Selbst das Bush-freundliche Magazin „Economist“ druckt in seiner jüngsten Ausgabe die Konterfeis von Bush und Dean in derselben Größe nebeneinander ab. Man nimmt ihn ernst, den Mann, der lange Zeit Gouverneur des nördlichen Zwergstaates Vermont war. Sein Aufstieg scheint unaufhaltsam. In den USA verkörpert er schon jetzt die größte innenpolitische Sensation des vergangenen Jahres.

Vor 20 Jahren war Dean, für kurze Zeit, in psychotherapeutischer Behandlung. Er litt unter plötzlichen Angstschüben. Vielleicht hatte es mit Erinnerungen an seinen ältesten Bruder zu tun, der acht Jahre vorher als Tourist in Laos entführt und umgebracht worden war. Die Therapie schlug an. „Es war ein großartiger Prozess“, sagt Dean. „Offenbar mussten einige Dinge endlich einmal ausgesprochen werden.“

„Sagt, was ihr denkt!“

Dieser Satz könnte als Motto über seinem Wahlkampf stehen. „Schämt euch nicht!“, ruft er seinen Anhängern zu. „Ihr habt Grund, stolz zu sein!“ – „Steht auf und sagt, was ihr denkt!“ – „Die Macht, um dieses Land zu verändern, liegt in eurer Hand!“ Für solche Sätze lieben sie ihn. Dean ist Arzt von Beruf. „Mindestens 25 Prozent der Behandlung ist Psychologie“, sagt er aus eigener Erfahrung.

Eine zweite biografische Episode hilft ebenfalls, seinen Erfolg zu verstehen. Zu den Professoren von Dean an der Universität Yale gehörte Wolfgang Leonhard. Der gebürtige Österreicher, Marxist und spätere DDR-Dissident („Die Revolution entlässt ihre Kinder“) beeindruckte Dean. „Er war ein fantastischer Lehrer.“ Über die „Prawda“ soll Leonhard gesagt haben, sie lüge auf eine Weise, dass nicht einmal das Gegenteil richtig sei. Solche und ähnliche Aussagen übertrug der junge Student auf die Nixon-Administration. Damals wie heute, meint er, würden die Amerikaner von einer zynischen, ideologisch motivierten Regierung systematisch belogen.

Dean gibt all jenen Amerikanern eine Stimme, die sich seit dem Amtsantritt von Bush in einer Art innerer Emigration fühlen. Ein Wahlbetrüger sitzt im Oval Office, die Terroranschläge vom 11.September 2001 nutzt er schamlos aus, mit der Patriotismuskeule macht er die Opposition mundtot, bricht einen törichten Krieg gegen den Irak vom Zaun, verprellt die engsten Verbündeten, schraubt das Haushaltsdefizit in Rekordhöhen: Dean spricht all das aus, was im nationalen Schockzustand nach dem 11.September kaum thematisiert wurde. Aus Ohnmacht und Zorn formt er den Willen zur Wende. Er appelliert an das Rebellische. Ein Hauch von Woodstock liegt manchmal in der Luft.

Die Ursünde

„Als ich 21 Jahre alt war“, ruft er seinem Publikum zu, das immer zahlreicher wird, „erlebte ich das Ende der Bürgerrechtsbewegung. Martin Luther King war ermordet worden. Bobby Kennedy war tot. Aber es war auch die Zeit großer Hoffnungen. Wir fühlten uns zusammengehörig. Dieses Land will ich zurückhaben.“

Bei Dean wirkt das weder platt noch aufgesetzt, sondern authentisch. Er hat nicht mit der Macht gekungelt, als es opportun schien, wie seine Widersacher in der eigenen Partei, die Bush grünes Licht für den Irakkrieg gaben. Ob Richard Gephardt, Joseph Lieberman, John Kerry oder John Edwards – sie alle machten gute Miene zum bösen Spiel. Ebenfalls frei vom Verdacht dieser Ursünde ist der spät eingestiegene Ex-General Wesley Clark. Er ist vielleicht der Einzige, der Dean die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten noch streitig machen kann.

Für die anderen gilt: Sie können zetern und rackern, Dean beschimpfen und für sich werben – nützen wird ihnen das nichts mehr. In der Wahrnehmung der US-Medien, beim Spendeneintreiben und in allen Umfragen liegt Dean klar vorn. Er beherrscht die Schlagzeilen. Er kann nicht nur Sympathisanten mobilisieren, sondern steht an der Spitze einer politischen Bewegung. Das macht ihn immun. In einer Mischung aus Verzweiflung und Respekt nennen sie ihn bereits den „Teflon Dean“. Angriffsflächen bietet er genug: Durch die Festnahme Saddam Husseins sei Amerika kein bisschen sicherer geworden, lästert Dean, Osama bin Laden habe im Falle einer Verhaftung einen fairen Prozess verdient, es gebe eine „interessante Theorie“, derzufolge die Saudis die Bush-Regierung vor den Terroranschlägen vom 11.September gewarnt hätten. Jeder normale Sterbliche wäre in Amerika durch solche Aussagen politisch erledigt. Dean ist es nicht. Der Krawall, den er regelmäßig verursacht, macht ihn immer populärer. Weil sein loses Mundwerk ein Teil seines Markenzeichens ist, verzeiht man ihm manche Entgleisung. „Er meint es nicht so“, verteidigen ihn seine Fans, die sich gleichzeitig klammheimlich über dessen Dreistigkeit freuen. Sich per Attest vorm Vietnamkrieg gedrückt, aber gleichzeitig mit angeblich lädiertem Rücken mehrere Wochen Ski gefahren? Kein Problem. Die Akten aus seiner Zeit als Gouverneur unter Verschluss halten? Er wird schon seinen Grund haben.

Richtig packen lässt sich Dean nicht. Trotz seines markigen Auftretens entwindet er sich Klassifizierungen. So hört jeder, was ihm gefällt: Die linke Basis liebt seine Bush-Verachtung und seine Gegnerschaft zum Irakkrieg. Doch wie schrieb Dean höchstselbst am 21.Dezember in der „Washington Post“? Sein Programm sei klar, „als Erstes müssen wir unser Militär stärken und die Geheimdienste, unsere Soldaten müssen die beste Ausbildung und das beste Gerät haben“. Der Sieg im Kampf gegen die Terroristen müsse oberste Priorität haben. Nach einem Peacenik klingt das nicht. In Vermont galt Dean als Pragmatiker, fiskalpolitisch konservativ, im Sozialbereich äußerst sparsam, gesellschaftlich progressiv. Er hat als erster Gouverneur die Ehe von Homosexuellen erlaubt. Das danken ihm die Schwulen und Lesben bis heute. Sie haben mit ihrem Engagement den Grundstein seines nationalen Erfolges gelegt.

Wer die Aussagen Deans sammelt, kann eine bemerkenswerte Liste von Widersprüchen, Vagheiten und wechselnden Standpunkten aufstellen. Er ist wie „der geheimnisvolle Fremde“, schreibt ein Kommentator in der „New York Times“, „der wie aus dem Nichts auftaucht, um die Korruption zu bekämpfen“. Dean befinde sich jenseits von Kategorien wie liberal und zentristisch, „weil er jenseits der Kohärenz ist“. Beispiel Irak: „Unsere Truppen müssen nach Hause kommen“, sagt Dean. Aber er sagt auch: „Wir haben dort eine Verantwortung übernommen, der wir uns nicht entziehen dürfen.“ Das 87-Milliarden-Dollar-Paket zum Wiederaufbau des Landes lehnt er indessen ab.

Seine jüngste Pirouette: die Entdeckung der Religion. Dean zählt sich zu den Congregationalists, einer christlichen Gemeinschaft, die ohne hierarchische Strukturen an eine persönliche Beziehung jedes Gläubigen zu Gott glaubt. Deans Frau ist Jüdin, die Kinder wachsen in beiden Traditionen auf. Das den Demokraten nahe stehende Magazin „The New Republic“ brachte im vergangenen Monat eine Titelgeschichte, die „Howard Dean’s religion problem“ hieß. Darin wurde er beschuldigt, einer der säkularsten Kandidaten für die Präsidentschaftskandidatur in der neuen amerikanischen Geschichte zu sein. Laut Umfragen tendieren knapp zwei Drittel der praktizierenden christlichen Amerikaner zu Bush. Also bekennt sich plötzlich auch Dean. Er bete täglich, sagte er vor kurzem. Ein Israel-Besuch im vorletzten Jahr habe ihn nachhaltig religiös geprägt.

Der Segen von Al Gore

Was die einen als Wankelmut werten, loben die anderen als Facettenreichtum. Die liberalen Kräfte hat er bereits hinter sich versammelt, die beiden größten Gewerkschaften ebenfalls, die Seligsprechung durch das demokratische Establishment wurde ihm durch den ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore erteilt. Selbst William Kristol, der Herausgeber der neokonservativen Wochenzeitschrift „Weekly Standard“, warnt inzwischen: „Howard Dean kann Präsident Bush schlagen.“

In Iowa finden am 19.Januar die ersten Vorwahlen der Demokraten statt. Eine Woche später ist New Hampshire an der Reihe. Wenn Dean in beiden Bundesstaaten gewinnt, ist er kaum noch zu stoppen. Der Außenseiter, der anfangs nichts als Wut auf Bush, Kriegsgegnerschaft und das Internet im Gepäck hatte (die Massenwirkung von Meetup.com und MoveOn.org für die Organisation von Deans Wahlkampf- und Spenden-Kampagnen ist nach wie vor enorm groß), hat gute Chancen, bald den Präsidenten herauszufordern.

Bis dahin freilich stehen noch ein paar Kleinigkeiten an: Dean muss seine zerstrittene Partei wieder einen, seinen Ruf als linker Wüterich korrigieren, und die Entwicklung im Irak darf seiner Kriegsgegnerschaft nicht die Überzeugungskraft nehmen. „Wir sind so weit gekommen“, sagt Joe Trippi, der wichtigste Berater Deans, „weil uns der Rest der Demokraten unterschätzt hat. Je länger uns das Bush-Team unterschätzt, desto besser für uns.“ An Dean wie Bush scheiden sich die Geister der Amerikaner. Beide wurden lange Zeit unterschätzt. Schon wieder eine Gemeinsamkeit.

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