Zeitung Heute : Der Plan ist Gesetz

Dirk Pilz

Berolina-Haus am Alexanderplatz, Ost-Berlin, 1984: Die "Abteilung Wohnungspolitik" des Bezirksamts Mitte verhandelt in Person einer resoluten Dame mit dem Volk. Es geht um die lang versprochene Umzugsmöglichkeit. Der Antrag der Bittstellerin wird abgelehnt. Begründung: "Mein Plan ist Gesetz, und dann kommt erst alles andere." Eine Szene aus dem real existierenden Sozialismus, die den politischen Apparat als gnadenlose Apparatur zur Erziehung der Bevölkerung zeigt. Die Vollzugsfiguren der Staatsmacht entpuppen sich unfreiwillig als perfekt funktionierende Rädchen im Getriebe der DDR. Ähnlich wie in Andres Veiels "Black Box BRD" verraten die Protagonisten unter der Hand ihre Denk- und Handlungsart. Thomas Heises Film "Das Haus / 1984" hat auch sonst mit dem preisgekrönten Kinostreifen einiges gemein. Der Verzicht auf jeden Kommentar, die gekonnte Montage der Szenen, der nüchterne Blick seiner Kamera: Alles ist darauf angelegt, Denunziation oder Polemik zu vermeiden. Dem damals 29-jährigen ist damit etwas Außergewöhnliches gelungen: Er zeigt ungeschönt die seinerzeit herrschenden Verhältnisse, ohne sie ideologisch zu bewerten. Dass derlei Filmmaterial von den Behörden weggesperrt wurde, versteht sich von selbst.

Wie es aber überhaupt zur Drehgenehmigung kam? "Am Dienstweg vorbei", sagt Thomas Heise. Er war damals für die "Staatliche Filmdokumentation der DDR" unterwegs und nutzte deren offiziellen Briefkopf in einem Schreiben an Innenminister Friedrich Dickel. Dieser vertraute auf seine Untergebenen in der Filmanstalt und gab den Weg für die Kamera frei. Selbst als der Irrtum ruchbar wurde, konnte weitergedreht werden. Erst nach der Präsentation vor den Zensoren war das Urteil gefällt: "Können wir wegschmeißen." Das aufschlussreiche Material wurde dennoch aufbewahrt. Im Staatlichen Filmarchiv. Und Thomas Heise, inzwischen renommierter Dokumentarfilmer, wusste, dass es dort sicher lag. Er sollte Recht behalten.

Heute wird "Das Haus / 1984" in restaurierter Fassung auf SFB 1 gezeigt (22 Uhr 40). In einer Woche folgt der zweite Streich aus dem Hause Heise: Der wiederum einstündige Film "Volkspolizei (1985)" schaut einer Polizeiwache bei der Arbeit zu. Diskussionen über den Sinn der Mauer, Festnahmen, Überprüfung eines Punkers. Dennoch ist das alles mehr als ein Abbild der DDR-Realität. "Junge Leute, denen ich die Filme kürzlich gezeigt habe", erzählt Heise, "sehen Parallelen zur Gegenwart." Das spricht für seine Filme: Gelungene Dokumentationen stellen mehr her als sie darstellen.

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