Zeitung Heute : Der Preis des Aufstands

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Die Autofahrer werden sich auch in den nächsten Wochen auf hohe Preise an den Tankstellen einrichten müssen. Auch beim Heizöl ist vorerst nicht mit einer Entspannung an der Preisfront zu rechnen. Aufgrund der Unruhen in Tunesien und aktuell vor allem in Ägypten und getrieben durch Spekulanten könnte sich der Ölpreis noch eine Weile über oder um die Marke von 100 Dollar je Fass für die Nordsee-Sorte Brent halten, sagen Volkswirte in Frankfurt am Main. Teurer war das schwarze Gold nur im Sommer 2008, als der Preis kurz vor dem Ausbruch der Weltfinanzkrise auf fast 150 Dollar geklettert war. Im Jahresverlauf erwarten die Experten aber wieder einen Rückgang auf 90 Dollar und darunter. Für Entlastung sorgen derzeit der mit einem Dollarkurs von rund 1,38 wieder erstarkte Euro und die generell vollen Öllager sowie Kapazitätsreserven bei der Opec.

Nach Ansicht von Dora Borbély, Ölexpertin bei der DekaBank, müsste der faire Preis für das Barrel, also ein Fass mit 159 Litern, derzeit bei etwa 80 Dollar liegen. Den Aufschlag von 20 Prozent führt sie auf die Krise in Nordafrika und auf Spekulanten zurück. „Auf der Suche nach Rendite setzen Großanleger auf einen steigenden Ölpreis. Dies zusammen mit der Lage in Ägypten und der Furcht vor einem Überschwappen der Unruhen auf andere Länder verstärkt den Trend zu höheren Preisen.“ Angeblich saßen Hedgefonds im Januar auf Kontrakten für fast 28 Milliarden Liter Öl, das in den nächsten Monaten geliefert wird. Anfang des Jahres soll es allerdings sogar deutlich mehr gewesen sein.

Faktisch gibt es für den starken Ölpreisanstieg nach Ansicht von Borbély keinen Grund. Die Öllager seien gut gefüllt, auch die Opec habe Reserven, um die tägliche Produktion hochzufahren. Nach Angaben von Leon Leschus vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) verfügt die Opec aktuell über Förderreserven von fünf bis sechs Millionen Fass pro Tag. Der Schmierstoff für die Wirtschaft wird demnach in diesem Jahr nicht knapp. Die Experten der Commerzbank wie auch der Helaba rechnen deshalb im Jahresverlauf wieder mit einem Rückgang auf etwa 85 Dollar.

Ägypten selbst spielt für den Ölmarkt keine entscheidende Rolle. Der Anteil des Landes an der Welt-Ölförderung liegt bei weniger als einem Prozent. Eine größere Relevanz hat der Suezkanal, durch den täglich Tanker mit schätzungsweise zwei bis drei Millionen Barrel Öl fahren. Noch läuft der Verkehr dort reibungslos, betonen auch die Volkswirte der Commerzbank. Aber selbst wenn der 193 Kilometer lange Kanal geschlossen wird, hätte dies für den Ölmarkt angesichts eines täglichen weltweiten Ölverbrauchs von etwa 85 Millionen Tonnen kaum Folgen. Die Ölversorgung würde zwar verzögert, weil Tanker dann um Südafrika herum nach Europa fahren müssten – ein Umweg von 9000 Kilometern. Kritischer würde es, wenn auch noch die parallel zum Suezkanal verlaufende Sumed-Öl-Pipeline gesperrt würde. Aber auch dies könnte, sagen Experten, durch Vorräte in Europa noch aufgefangen werden. Deutschland bezieht im Übrigen nur eine begrenzte Menge seines Öls aus dem Nahen Osten und aus Saudi Arabien. Der größte Teil kommt mit einem Drittel aus Russland, etwa 14 Prozent aus Norwegen, rund zehn Prozent aus Großbritannien und etwa acht Prozent aus Libyen. Zwei Prozent entfallen auf Algerien, 1,5 Prozent auf Saudi-Arabien und ein Prozent auf Ägypten.

Deutlich problematischer würde die Lage auf dem Ölmarkt, wenn Libyen und vor allem Saudi-Arabien von Unruhen betroffen wären. „Das hätte dramatische Folgen“, sagt HWWI-Experte Leschus. Freilich: Eine solche Entwicklung halten er wie auch DekaBank-Volkswirtin Borbély derzeit für unwahrscheinlich.

Eine Gefahr für die Konjunktur in Deutschland ist das aktuelle Ölpreisniveau nicht. Noch nicht. „Nur wenn der Preis über eine längere Zeit, also etwa für ein Jahr, bei 100 Dollar liegen würde, wird es für die Firmen schwierig“, glaubt Borbély. Die Firmen seien nach der Krise gut aufgestellt, hätten ihre Kosten im Griff. „Den Verbrauchern macht das teure Öl viel mehr zu schaffen.“ Der tägliche Blick auf die Preise an der Tankstelle genügt. Bei rund 1,50 Euro für den Liter Super und etwa 1,35 Euro für Diesel dürfte es vorerst bleiben, mit Tendenz eher nach oben als nach unten. Zur Freude auch von Ölkonzernen wie Exxon: 2010 verbuchte das US-Unternehmen einen Nettogewinn von 30,5 Milliarden Dollar, umgerechnet pro Tag fast 84 Millionen.

Auch Heizöl wird vorerst nach Angaben vom Hans-Jürgen Funke vom Verband Energiehandel Südwest-Mitte (VEH), teuer bleiben, auch wenn zum Rekordniveau von 2008 von einem Euro pro Liter noch ein ganzes Stück fehlt. Etwa 78 Euro-Cent müssen derzeit pro Liter (bei Abnahme von 3000 Litern) bezahlt werden. „Einen Preisschub erwarte ich nicht, es wird 2011 seitwärts gehen“, meint Funke. Trotzdem kostet Heizöl heute gut zehn Cent mehr als vor einem Jahr und fast 30 Cent mehr als 2009. „Aber die Entwicklung ist keine Einbahnstraße“, sagt (und hofft) Funke und rät Verbrauchern, jetzt nicht vollzutanken, sondern nur Teilmengen zu kaufen – und dabei weiter ein Auge auf die Entwicklung in Ägypten zu haben. Generell attestiert er den Verbrauchern derzeit ein vernünftiges Verhalten. „Es gibt keine hektischen und schon gar keine panischen Käufe.“

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